Zu spät?
Gottesdienst am 19.03.2006

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
"Herr, wo bist du gewesen?" Dieses Stoßgebet wird täglich gesprochen von Menschen, die nicht begreifen können, dass der liebende und barmherzige Gott sie allein gelassen hat. Sie haben sich Gottes Nähe anders vorgestellt, haben bis zuletzt gehofft, dass er eingreifen, die Not abwenden würde. 

Eine Ehefrau sieht ihrem Mann bei einem langen und qualvollen Sterben zu. Sie kann nicht begreifen, warum Gott nicht diese todbringende Krankheit aufhält. So viel wollte ihr Mann noch tun, so wichtig war er noch für sie und die Familie, das Leben war noch längst nicht abgeschlossen. "Herr, wo bist du gewesen?" 

Ein Familienvater wird von seiner Frau verlassen, die Kinder werden zum Zankapfel. Er begreift Gott nicht. Hatten sie nicht vor Jahren mit Gottes Segen ihre Ehe begonnen? Was ist schief gelaufen? Warum hat Gott nicht eingegriffen, bevor es zu spät war? Warum hat er ihm nicht gezeigt, wo Veränderung nötig war? So ist er einfach blind in die Krise gestolpert, und nun ist es vorbei. "Herr, wo bist du gewesen?"

Auf diese Frage gibt es keine schnelle und allgemein gültige Antwort. Über die tiefe Anfechtung hinweg lässt es sich nicht springen. Die Enttäuschung muss ausgesprochen, vor Gott offen gelegt werden, nur so kann ein Weg in die Zukunft führen, den Gott neu weist.

"Herr, wo bist du gewesen?" Diese Frage hat eine Frau Jesus gestellt, und Jesus antwortete ihr. Seine Antwort kann uns heute helfen, den Schritt aus der Dunkelheit unserer Zweifel ins Licht zu gehen, neue Orientierung und neuen Mut zu bekommen.

Martha, Maria und Lazarus in Bethanien

Das Johannesevangelium erzählt von den Geschwistern Martha, Maria und Lazarus, die in Bethanien wohnten. Lazarus war todkrank, doch der herbeigerufene Jesus kam nicht rechtzeitig. Lazarus starb. Der Heiler Jesus konnte nichts mehr ausrichten, der Tod hatte endgültig zugegriffen. Martha ging dem zu spät gekommenen Jesus entgegen. Vorwurfsvoll stellte sie Jesus zur Rede, warum er nicht rechtzeitig zur Stelle war. Doch Jesus rechtfertigte sich nicht, sondern begann mit Martha ein Glaubensgespräch. Seine verspätete Ankunft war nicht einer Gleichgültigkeit gegenüber Lazarus entsprungen, sondern brachte seine Liebe zum Ausdruck. Denn erst die Totenauferweckung des Lazarus sollte das Fass zum Überlaufen bringen. Die Pharisäer beschlossen nach diesem Ereignis endgültig, Jesus sterben zu lassen. Lazarus gewann ein neues Leben auf Kosten von Jesus. Der Hohepriester Kaiphas enthüllte unbewusst den tiefen Sinn von Jesu Tod für Lazarus und jeden Menschen: "Es ist besser für euch, ein Mensch stirbt für das ganze Volk, als dass das ganze Volk verdirbt." 

Lazarus Tod und Auferweckung stehen im großen Zusammenhang der Mission Jesu. Jesus liebt uns so, dass er sein Leben für uns gibt. Sein Tod geschieht, um uns Leben zu schenken und vor dem letzten Tod zu bewahren. Lazarus musste irgendwann wieder sterben, aber sein Leben mit Jesus konnte von keinem Tod mehr begrenzt werden.

Johannes 11,20-27

Als Martha hörte, dass Jesus kam, ging sie ihm entgegen vor das Dorf, aber Maria blieb im Haus. Martha sagte zu Jesus: "Herr, wenn du hier gewesen wärst, hätte mein Bruder nicht sterben müssen. Aber ich weiß, dass Gott dir auch jetzt keine Bitte abschlägt." "Dein Bruder wird auferstehen", sagte Jesus zu Martha. "Ich weiß", erwiderte sie, "er wird auferstehen, wenn alle Toten lebendig werden, am letzten Tag." Jesus sagte zu ihr: "Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer mich annimmt, wird leben, auch wenn er stirbt, und wer lebt und sich auf mich verlässt, wird niemals sterben. Glaubst du mir das?" Sie antwortete: "Ja, Herr, ich glaube, dass du der versprochene Retter bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll." 

Glaubensgespräch

Martha glaubte an Gott. Sie hatte die Lehrmeinung verinnerlicht, dass am Ende der Welt Gott Gericht halten würde und dazu die Toten auferweckt würden. Martha sah in Jesus den direkten Vermittler zu Gott. Jesu Nähe zu Gott gewährte ihm die Erhörung seiner Bitten. Wenn Jesus Gott bat, so Marthas Überzeugung, dann reagierte Gott. Doch nun war Lazarus tot, es hatte keinen Sinn mehr, für ihn zu bitten. Jesus konnte nur für die Belange dieser Erde bitten. Tote waren schon auf der anderen Seite und warteten auf das Gerichtsurteil Gottes. Martha wollte ihren Bruder wiederhaben, ganz irdisch, ganz konkret.

Doch Jesus veränderte ihren Glauben. Er sagte "Ich bin" und stellte damit klar, dass er selbst in göttlicher Autorität sprach und handelte. Er war nicht der Wünscheüberbringer mit besonders gutem Draht zu Gott, er war nicht der Kummerkasten, in dem die Kummerbriefe gesammelt wurden und der sie für die entsprechenden Leute bereit hielt. Er war Gott selbst. Wer Jesus vertraute, wer sein Leben mit Jesus verband, hatte Anteil an Gottes Leben, Lebendigkeit und Ewigkeit. Und wer in dieser engen Beziehung zu Jesus lebte, den konnte niemand und nichts mehr wegreißen, auch der Tod hatte seine Macht verloren.

So lernte Martha in dieser kurzen Begegnung, dass Jesus ihr nicht in erster Linie Wünsche erfüllen, ihr nicht bessere Lebensbedingungen schaffen wollte, sondern dass Jesus sich mit Martha verbünden wollte, um ihr Anteil am Leben Gottes zu geben.

An dieser Stelle könnte die Begegnung in Bethanien enden. Martha hatte den toten Lazarus betrauert. Jesus hob ihren Kopf empor und ließ sie ihn sehen. Sie suchte Lazarus und fand Jesus. Die Trauer über den toten Bruder blieb, der Verlust war groß, das Loch nicht zu stopfen, doch Martha war nicht länger vom Leben abgeschnitten. Jesus ließ sie die nächsten Schritte wagen. Sie konnte ihm vertrauen, auch wenn alle Sicherheiten mit dem Tod des Bruders eigentlich abgebrochen waren.

Uns kann dieses Glaubensgespräch helfen. Wir kommen mit unserem Schmerz genauso zu Jesus wie Martha damals. Auch wir sind oftmals überzeugt davon, dass Jesus zu spät gekommen, nun nichts mehr zu ändern ist. Wir sehen in Jesus den Wünscheerfüller, den Wundertäter, der unser aus den Fugen geratenes Leben wieder zurecht bringt. Doch Jesus zeigt uns etwas ganz Anderes. Er möchte uns sein Leben schenken, möchte sich mit uns verbünden, will uns in seinen Einflussbereich ziehen. Nicht alle Wünsche werden erfüllt, nicht alle Krankheiten geheilt und auch das Sterben verhindert er nicht. Aber in allen Grenzsituationen und schrecklichen Herausforderungen bietet er sich uns an als der, der uns nicht loslässt, weil er uns liebt. Er hält uns fest und steht für Leben, das von keinem Tod mehr begrenzt wird, sondern nach der Todeslinie weitergeht. 

Auswirkungen

Martha war entsetzt, als Jesus die Grabhöhle öffnen ließ. Sie rief: "Er stinkt doch schon!" Jesus wunderte sich. Gerade noch hatte Martha ihren Glauben vollmundig bekannt, Gräbernun zweifelte sie doch an der göttlichen Vollmacht Jesu. Ihr Vertrauen zu Jesus war offenbar eher theoretisch. Sie glaubte an ihn als Sohn Gottes, aber nicht daran, dass er mit Gott Herr über den Tod war.

Ich behaupte, dass Martha uns sehr ähnlich ist. Viele von uns glauben, dass Jesus ewiges Leben schenkt und wir an diesem Leben schon heute und hier teilnehmen. Doch wenn die Sorgen, Probleme und Ängste kommen, dann geben wir doch schnell auf und erklären Jesus für nicht zuständig. Wir finden uns ab mit der unmöglichen beruflichen Situation, den schwierigen Familienverhältnissen, der Krankheit, die jeden Lebensmut nimmt. Zweimal berichtet das Johannesevangelium an dieser Stelle, wie Jesus zornig über das mangelnde Vertrauen wurde. Ist Jesus auch zornig über mich, weil ich ihm nur theoretisch vertraue, aber mein Leben gar nicht seinem Einfluss unterstelle, nichts von ihm erwarte?

Jesus rief Lazarus ins Leben als ein Zeichen für uns. Für ihn ist nichts unmöglich. Es besteht kein Grund, ihm nicht auch Großes zuzutrauen. Doch nicht der wiederbelebte Lazarus und nicht unsere gelösten Probleme sind für Jesus die Hauptsache, sondern seine Beziehung zu uns, dass wir ihm vertrauen mit allem, was wir sind und haben.

Lazarus

Noch einen Blick möchte ich auf den Bruder Lazarus werfen. Schon ganz am Anfang ist berichtet, dass Jesus Lazarus lieb hatte. Später nahm Jesus teil an der Trauer der Leute, auch er weinte, als er das Grab sah. In das geöffnete Grab rief er hinein: "Lazarus, komm heraus!" Jesus rief hier einen Toten zurück ins Leben und er ruft auch heute Menschen, die fern von Gott leben, zu sich. Er ruft die von Gott getrennten, von seinem Leben Abgeschnittenen und damit Toten zum Leben. Diese Liebe kostete ihn das Leben und diese Liebe ist Voraussetzung für seinen Ruf. Er möchte nicht, dass wir wie der tote Lazarus in unseren Gräbern anfangen zu stinken. Er will uns lebendig, voller Geist Gottes, in seinem Auftrag unterwegs.

Dieser Lazarus ist eine Aufgabe für Nachfolger und Nachfolgerinnen Jesu. Bevor wir unsere Mitmenschen herausrufen aus ihren Gräbern der Gottesferne brauchen wir Jesu Liebe, um sie so ins Herz zu schließen, wie Jesus Lazarus liebte. Sie müssen uns soviel wert sein, dass auch wir bereit sind, uns für sie einzusetzen, auch wenn es für uns negative Folgen haben kann. Sie sind nicht "Objekte", die wir zu Jesus führen wollen, sondern Menschen, die wir lieben. Dann wird aber auch der Ruf zu Jesus folgen. Beides gehört zusammen, nur lieben weckt niemand von den Toten auf und nur rufen wird zur lieblosen Methode über die Gräber hinweg. Sind wir bereit, uns auf einen oder zwei Personen einzulassen, sie zu lieben, wie Jesus es uns vorgemacht hat? Sind wir bereit, seinen Ruf weiterzugeben und uns nicht davor zu drücken?

Wie sieht der Weg in die Zukunft aus? Nicht alle Lazarusse werden aufgeweckt. Wir werden immer wieder an Gräbern stehen, die endgültig für uns hier Lebende verschlossen bleiben. Doch Jesus ist da, er hat Vollmacht und verändert unseren Blick. Auch wenn uns das Liebste genommen wird, sind wir nicht von Gottes Leben abgeschnitten, sein Geist lässt uns den Weg aus der Dunkelheit finden. Jesus, der dem Tod die Macht genommen hat, geht mit.

Wir sind gesandt zu den Grabeshöhlen unserer Mitmenschen, um sie mit Jesus bekannt zu machen, der sie liebt, deshalb für sie gestorben ist und ihnen Leben schenken will, das den Tod überdauert.

Martha spricht zu Jesus: "Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist." (Johannes 11,27 Monatsspruch März 2006)

Cornelia Trick


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