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Gottesdienst am 22.01.2012
Liebe Gemeinde, liebe Schwestern
und Brüder,
ein Mann in der Nachbarschaft
war gestorben. Seine Frau war hilflos. Nie hatten sie über das Sterben,
den Tod, die Beerdigung geredet. Aus der Kirche waren sie schon lange ausgetreten,
richtige Freunde hatten sie nicht. Aber Nachbarn, die kümmerten sich,
begleiteten sie durch die ersten schweren Tage, sprachen mit ihr über
die Beerdigung und riefen schließlich mich an, ob ich ein paar Worte
der christlichen Hoffnung am Grab sprechen könnte. Ein ungewöhnliches
Anliegen. Was sollte ich am Grab sagen? Die Bibel zitieren? Ein Gesangbuchlied
lesen? Letztlich habe ich mich dazu entschieden, das zu sagen, was ich
selbst erfahren habe, dass Jesus lebt, dass er dem Verlorenen nachgeht,
bis er es findet, dass wir den verstorbenen Ehemann getrost seiner Liebe
anbefehlen dürfen und selbst aufgefordert sind, Jesus zu vertrauen
und ihn in unser Leben schon heute und hier einzulassen.
Wenn wir mit Menschen über
unseren Glauben ins Gespräch kommen, zählt nicht, was wir über
Gott wissen, sondern was wir mit Gott und seinem Sohn Jesus Christus erlebt
haben, was sich mit unserer Lebenserfahrung deckt. Allgemeinplätze
bleiben nicht hängen, sie rauschen vorbei wie Nachrichten, die mich
nichts angehen. Erst wo sich Aussagen mit dem eigenen Leben verbinden,
bekommen sie Bedeutung.
Als wir in einer Fortbildung
darüber nachdenken sollten, welche Christus-Erfahrungen in unserer
Gemeinde prägend sind, wurde mir deutlich, dass Heilung ein wichtiges
Stichwort ist. Jesus hat in dieser Gemeinde Kranke und Zerbrochene geheilt,
er hat uns Erfahrungen des Angenommen-Seins, des Trostes, des Neubeginns
geschenkt. Diesem Stichwort werde ich jetzt nachgehen, und lade Sie ein,
in einer Begegnung mitzuspielen, die sich vor 2800 Jahren zugetragen haben
mag. Sie entscheiden, ob Sie in die Rolle des zu Heilenden schlüpfen
oder bei denen sind, die die Bedürftigen auf den großen Heiler
hinweisen.
2.Könige 5,1-5a
Naeman, der Heerführer
des Königs von Syrien, war an Aussatz erkrankt. Er war ein tapferer
Soldat, und der König hielt große Stücke auf ihn, weil
der HERR durch ihn den Syrern zum Sieg verholfen hatte. In seinem Haus
befand sich ein junges Mädchen, das von syrischen Kriegsleuten bei
einem Streifzug aus Israel geraubt worden war. Sie war Dienerin bei seiner
Frau geworden. Einmal sagte sie zu ihrer Herrin: »Wenn mein Herr
doch zu dem Propheten gehen könnte, der in Samaria lebt! Der würde
ihn von seiner Krankheit heilen.« Naaman ging zum König und
berichtete ihm, was das Mädchen gesagt hatte. »Geh doch hin«,
antwortete der König, »ich werde dir einen Brief an den König
von Israel mitgeben.«
1. Akt: Ein Retter des
Volkes und ein namenloses Mädchen aus Israel
Naemann wird schon durch seinen
Namen charakterisiert, der Beiname des Fruchtbarkeitsgottes Adonis war.
Der Gott, der für das Leben stand, verpasste Naemann eine Tod bringende
Krankheit, die ihn als Unreinen vom Leben ausschloss. Durch Naemann, so
hören wir, ließ der Gott Israels die Syrer siegen, der Oberbefehlshaber
der Armee war Retter der Syrer von Gottes Gnaden.
Das Mädchen war bei
einem Streifzug der Syrer durch Israel ins Feindesland verschleppt worden.
Wie später Israel in die babylonische Gefangenschaft geführt
wurde, war das Mädchen in der Fremde als Sklavin. Als Namenlose zeigt
sie auf den lebendigen Gott Israels. Durch ein Sklavenmädchen zeigt
Gott seine Gnade und Barmherzigkeit gegenüber dem feindlichen Heerführer.
Ein Kontrast sticht nun ins Auge: Der Held bringt Worte dieses Sklavenmädchens
vor den König. Welch tiefe Demütigung entdecken wir hier, der
Held ist am Ende, er greift sogar nach Strohhalmen zur Rettung.
Wir sind eingeladen, in
die Geschichte einzusteigen. Kennen wir den Absturz aus scheinbaren Sicherheiten?
Heute waren wir noch Held, morgen schon liegen wir wie Käfer auf dem
Rücken. Der Tod in seinen vielfältigen Spielarten dringt in unsere
Sicherheiten und lässt uns nach Strohhalmen greifen, der Fürbitte
von Christen, der wir vorher nicht viel zutrauten, Wallfahrten und sogar
Wunderheilern.
Vielleicht finden wir uns
auch in dem Mädchen wieder, verstehen wir uns als Gottes Bodenpersonal,
geben wir Hinweise auf den, der heilt, obwohl wir selbst nicht unbedingt
ganz heil sind. Doch wir leiden mit, kennen die Angst aus eigener Erfahrung
und wissen deshalb, dass es nur eine Adresse gibt, die die Vollmacht hat,
Situationen zu ändern, der lebendige Gott in Jesus Christus.
2.Könige 5,5b-8
Naeman machte sich auf den
Weg. Er nahm sieben Zentner Silber, eineinhalb Zentner Gold und zehn Festgewänder
mit. Er überreichte dem König von Israel den Brief, in dem es
hieß: »Ich bitte dich, meinen Diener Naeman freundlich aufzunehmen
und von seinem Aussatz zu heilen.« Als der König den Brief gelesen
hatte, zerriss er sein Gewand und rief: »Ich bin doch nicht Gott!
Er allein hat Macht über Tod und Leben! Der König von Syrien
verlangt von mir, dass ich einen Menschen von seinem Aussatz heile. Da
sieht doch jeder: Er sucht nur einen Vorwand, um Krieg anzufangen!«
Als Elisa, der Mann Gottes, davon hörte, ließ er dem König
sagen: »Warum hast du dein Gewand zerrissen? Schick den Mann zu mir!
Dann wird er erfahren, dass es in Israel einen Propheten gibt!«
2. Akt: Irrwege zur Heilung
Mit einem Sendschreiben vom
König macht sich Naemann ins Feingebiet über den Jordon auf.
Der König von Israel liest den Brief und ist verzweifelt. Im Gegensatz
zum König Syriens weiß er darum, dass er weder Gott ist noch
göttliche Vollmacht besitzt. Da er Naemann nicht heilen kann, bedeutet
der Brief des Syrerkönigs Krieg. Wie Naemann in seinem Krankheitselend
ist auch der israelitische König verzweifelt. Er zerreißt seine
Kleider und schreit durch diese Geste zu Gott: Hilf mir, erbarme dich über
dein Volk, dass kein Krieg kommt!
Die Zeichenhandlung, der
dringende Hilfeschrei des Königs spricht sich schnell herum, und der
Prophet Elisa, vom Skalvenmädchen in Syrien schon angekündigt,
wird hellhörig. Wo die menschlichen Möglichkeiten am Ende sind,
entsteht Raum für Gottes Wirken. In diesen Raum tritt Elisa ein und
lässt Naemann rufen.
Wir merken, alle menschlichen
Möglichkeiten werden nach und nach ausgeschlossen. Weder in Syrien
noch in Israel können Menschen helfen. An Naemann will Gott zeigen,
dass er allein heilen kann. Das geschieht durch seinen Beauftragten, den
Propheten Elisa, der auf ihn hört und sich ihm zur Verfügung
stellt.
Kennen wir diese Irrwege
auch aus unserem Leben? Dass wir Heilung, Rettung, Angenommensein und Trost
erzwingen wollten und es nicht klappte? Dass wir Klinken putzten und immer
wieder bei den Falschen landeten? Die Entwicklung dieser Geschichte lehrt
uns, dass Irrwege Lehrwege sind. Sie lehren uns das Loslassen der eigenen
Sicherheiten, der eigenen Weltsicht, der eigenen Planungen. Sie lehren
uns, die leeren Hände Gott hinzuhalten und zuzugeben, dass wir nichts
vorzuweisen haben, das Gott zwingen könnte, uns zu helfen. Sie lassen
und bedürftig nach Gott allein werden, ihm vertrauend, dass er das
Beste für uns will.
2.Könige 5,9-13
Naeman fuhr mit all seinen
pferdebespannten Wagen hin und hielt vor Elisas Haus. Der Prophet schickte
einen Boten hinaus und ließ ihm sagen: »Fahre an den Jordan
und tauche siebenmal darin unter! Dann bist du von deinem Aussatz geheilt.«
Naeman war empört und sagte: »Ich hatte gedacht, er würde
zu mir herauskommen und sich vor mich hinstellen, und dann würde er
den HERRN, seinen Gott, beim Namen rufen und dabei seine Hand über
der kranken Stelle hin- und herbewegen und mich so von meinem Aussatz heilen.
Ist das Wasser des Abana und des Parpar, der Flüsse von Damaskus,
nicht besser als alle Gewässer Israels? Dann hätte ich ja auch
in ihnen baden können, um geheilt zu werden!« Voll Zorn wollte
er nach Hause zurückfahren. Aber seine Diener redeten ihm zu und sagten:
»Herr, bedenke doch: Wenn der Prophet etwas Schwieriges von dir verlangt
hätte, hättest du es bestimmt getan. Aber nun hat er nur gesagt:
'Bade dich, und du wirst gesund!' Solltest du es da nicht erst recht tun?«
3. Akt: Lehrstunde
Naemann kommt vor dem Haus
des Propheten Elisa an. Die Tür ist für ihn verschlossen. Der
Prophet empfängt ihn nicht, macht ihm, dem Oberbefehlshaber der feindlichen
Armee keinen würdigen Empfang. Naemann, der sich schon einige Zentimeter
von seinem hohen Ross hinab begeben musste, fällt noch ein paar Zentimeter
tiefer. Er ist es nicht wert, von einem israelitischen Gottesmann willkommen
geheißen zu werden. Aber es geht noch tiefer hinab. Ein Bote des
Propheten gibt ihm die Anweisung, siebenmal im Jordan unterzutauchen, in
diesem unbedeutenden, unreinen Flüsschen rituelle Waschungen vorzunehmen.
Für was hielt ihn eigentlich der Prophet, für einen Blödmann?
Hatte er nicht viel angesagtere Flüsse zuhause, gespeist mit echtem
klaren Gebirgswasser? Hätte er dafür nach Israel kommen müssen?
Man kann den gekränkten Stolz und grimmigen Zorn des Naemann verstehen.
Wieder sind es Nebenfiguren, die zu Boten Gottes werden. Die Diener, selbst
sicher überfordert von der Situation, drängen ihren Herrn, diese
kleine Demutsgeste auszuführen. Wie liebevolle Lotsen erleichtern
sie ihm den Gang in den Jordan.
Diese Lehrstunde erinnert
an Jesus-Begegnungen. Jesus sagte zu Kranken: „Was willst du, das ich dir
tun soll?“ Willst du gesund werden?“ Kranke waren zu Jesus gekommen, es
war offensichtlich, was sie von ihm wollten. Aber er forderte sie heraus,
selbst den ersten Schritt zu machen. Klar zu formulieren, was sie von Jesus
erwarteten, nicht passiv die Heilung über sich ergehen zu lassen,
sondern mitzumachen durch ihr Einverständnis. Wenn wir uns in Naemann
wieder erkennen, so fordert uns Jesus heute auf, ihm zu sagen, was uns
belastet und ihn zu bitten, uns davon frei zu machen. Wenn wir ihm unsere
Lasten bringen, werden wir frei. Er wird entscheiden, wie er uns heilen
kann und will, wir können ihm vertrauen.
Als Diener in dieser Welt
unterwegs zu sein, erfordert von uns Mut und Vertrauen in Gottes Helfen.
Unser Für-den-anderen-Glauben wird von Jesus erhört, wie es die
Geschichte vom Gelähmten, der von seinen Freunden durch ein Dach vor
Jesu Füße abgelassen wurde, belegt.
2.Könige 5,14
Naeman ließ sich umstimmen,
fuhr zum Jordan hinab und tauchte siebenmal in seinem Wasser unter, wie
der Mann Gottes es befohlen hatte. Da wurde er völlig gesund, und
seine Haut wurde wieder so rein wie die eines Kindes.
4. Akt: Die Heilung
Der Retter Syriens steigt
hinab bis in die Tiefen des Jordans. Ganz unten ist er nun, hinab gestiegen
vom hohen Ross, hinter sich gelassen hat er Stolz und Trotz. Er taucht
ein in den Jordan, es kommt uns vor wie die erste Jordantaufe. Gott begegnet
Naemann dort im Wasser. Er übernimmt die Krankheit des Naemann und
lässt ihn frei und geheilt wieder auftauchen.
Ganz unten, wenn wir unsere
hohen Rösser verlassen haben, begegnet uns Jesus. Am tiefsten Punkt
des Lebens, am Kreuz auf Golgatha hat er den Tausch vollzogen, unsere Krankheit,
unsere Trennung von Gott auf sich genommen, damit wir geheilt werden.
So wundert es nicht, dass
Naemanns Haut wie die eines Kindes ist. Er ist Gott begegnet, der ihn zu
einem neuen Anfang gerufen hat. Jetzt gehört Naemann zum Volk Israel,
der Gott Israels hat ihn angesehen.
Ganz unten vollzieht sich
Heilung, oft anders, als gewünscht und erdacht. Nicht immer geschieht
die körperliche Heilung, manche müssen mit ihrer Krankheit leben
lernen. Doch es ist eine Heilung ganz tief innen. Nichts kann mehr trennen
von Gottes Liebe, seiner Gemeinschaft. Auch als Kranke oder Kranker bin
ich wert geachtet von Jesus, bevollmächtigt, ein vollwertiges Leben
zu führen und ermutigt, anderen den Weg zur Heilung zu zeigen.
2.Könige 5,15-19
Mit seinem ganzen Gefolge
kehrte er zu Elisa zurück, trat vor ihn und sagte: »Jetzt weiß
ich, dass der Gott Israels der einzige Gott ist auf der ganzen Erde. Nimm
darum von mir ein kleines Dankgeschenk an!« Aber Elisa erwiderte:
»So gewiss der HERR lebt, dem ich diene: Ich nehme nichts an.«
So sehr Naeman ihm auch zuredete, Elisa blieb bei seiner Ablehnung. Schließlich
sagte Naaman: »Wenn du schon mein Geschenk nicht annimmst, dann lass
mich wenigstens so viel Erde von hier mitnehmen, wie zwei Maultiere tragen
können. Denn ich will in Zukunft keinem anderen Gott mehr Brand- oder
Mahlopfer darbringen, nur noch dem HERRN. In einem Punkt jedoch möge
der HERR Nachsicht mit mir haben: Wenn mein König zum Tempel seines
Gottes Rimmon geht, um zu beten, muss ich ihn mit dem Arm stützen
und mich zugleich mit ihm niederwerfen - der HERR möge es mir verzeihen!«
Elischa sagte: »Kehre heim in Frieden!«
5. Akt: Weg in die Zukunft
Nach der Heilung begegnet
Naemann Elisa persönlich. Er hat gelernt, nicht Elisa hat ihn geheilt,
sondern Gott selbst. So spricht er sein ganz persönliches Glaubensbekenntnis.
Der Gott Israels ist nicht nur für Israel zuständig, sondern
Herr der Welt. Er ist Gott, weil er wirkt und Leben schafft. Dieses Wissen
ist für Naemann nicht mehr theoretisch, er hat es am eigenen Leib
erfahren. So wundert es nicht, dass er Erde aus Israel mitnehmen will,
um sein kleines Land Gottes zu schaffen. Was ihm geschenkt wurde, will
er festhalten, sich daran erinnern und das geschenkte Leben einsetzen für
den lebendigen Gott. Er kommt auch auf Grenzsituationen zu sprechen. Wie
soll er sich in seiner alten Umwelt verhalten? Der Prophet gibt ihm kein
Rezept und kein Gesetz in die Hand, sondern weist auf Gottes offensive
Kraft hin. Auch wenn Naemann mit seinem Chef an Götzenfesten teilnehmen
wird, ist Gottes Geist stärker. Naemann wird mit seinem Glauben in
seiner Umwelt für Veränderung sorgen und braucht keine Angst
vor anderen Göttern zu haben.
Wer Heilung durch Jesus
erfahren hat, kennt dieses Bedürfnis, mit Jesus in Verbindung zu bleiben.
Er wird nicht unbedingt Erde mit sich tragen, aber Geschwister des Glaubens
brauchen, die mit ihm unterwegs bleiben. Auch die Grenzsituationen werden
uns vertraut sein, in denen wir uns fragen, ob wir als Christen mitmachen
dürfen oder nicht. Hier hilft die entspannte Haltung des Propheten:
Gottes Geist ist stärker als alle anderen Geister, wir müssen
uns vor nichts und niemand fürchten. Aber natürlich sollten wir
abwägen, ob wir mit unserem Verhalten Gott die Ehre geben oder ihn
mit den Füßen treten. Diese Aufgabe wird Naemann nicht abgenommen
und uns auch nicht.
Gemeinde ist der Ort Jesu,
an dem er in besonderer Weise mit denen in den Jordan steigen will, die
seine Hilfe ganz nötig brauchen. Wer es erlebt hat, wie Jesus Krankheit,
Not, Angst und Verzweiflung abnimmt und auf sich nimmt, wird wie das Sklavenmädchen
und die Diener damals zu einem Lotsen hin zu Jesus. Wir werden durch diese
alte Begegnung eingeladen, einander zu ermutigen zum Loslassen, Herabsteigen
und uns Reinigen-Lassen.
Cornelia
Trick
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