Statt Punkt ein Doppelpunkt
Gottesdienst am 02.04.2000

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
während meines Studiums hatte ich eine sehr enge Studienfreundin. Wir belegten zusammen Seminare, lernten Vokabeln, spielten Posaune, gingen zusammen zum Mittagessen. Doch durch verschiedene Umstände haben wir uns immer weiter voneinander entfernt. Kurz nach dem Examen besuchte ich sie und schlug ihr vor, doch einen richtigen Punkt hinter unsere gemeinsamen Jahre zu machen - dass wir nochmal zurückschauen und dann sagen, es war schön, aber jetzt sind wir frei für neue Freundschaften. Sie meinte, nein, lass uns keinen Punkt machen, lass uns einen Doppelpunkt machen, denn es geht vielleicht auf ganz neue Weise weiter. Seitdem sind Punkt und Doppelpunkt für mich sehr wichtige Satzzeichen. Mit Punkt schließe ich ab und will meinen Blick in die Zukunft richten, mit Doppelpunkt mache ich weiter, aber auf neue, vertiefte Weise. Denn nach dem Doppelpunkt folgt ja grammatikalisch das eigentlich Wichtige.
Vor 8 Tagen endete die Großveranstaltung ProChrist, die wir in Kelkheim miterleben konnten. Leute wurden eingeladen, ihr Leben Jesus Christus anzuvertrauen und auf seine Einladung zu antworten. War ProChrist eine Veranstaltung mit Punkt - Leben Jesus anvertraut und Thema abgehakt - oder mit Doppelpunkt - Leben Jesus anvertraut und nun rein ins Vergnügen?
Heute ist der ehemalige Jugendkreis unter uns. Ein halbes Jahrzehnt liegt zwischen der Jugendzeit und heute. War der Jugendkreis damals ein Punkt? Schön, aber längst abgehakt. Oder war er für euch ein Doppelpunkt, aus dem ein begeistertes Leben als Christen gewachsen ist?
Eine Punkt- und Doppelpunktgeschichte aus der Bibel möchte ich heute in unsere Mitte stellen. Jesus ist nach dem Bericht des Evangelisten Lukas unterwegs nach Jerusalem. Sein Weg beschreibt unsere Passionszeit. Es ist die Zeit der Vorbereitung auf seinen Tod am Kreuz, Hinweis, was dieser Tod bedeuten wird. Und es ist die Zeit, in der seine Studenten (Jünger) ihn bitten: Stärke doch unser Vertrauen zu Gott!

Lukas  17,11-19

Auf dem Weg nach Jerusalem zog Jesus durch das Grenzgebiet von Samarien und Galiläa. Als er in ein Dorf ging, kamen ihm zehn Aussätzige entgegen. Sie blieben in gehörigem Abstand stehen und riefen laut: "Jesus! Herr! Hab Erbarmen mit uns!" Jesus sah sie und befahl ihnen: "Geht zu den Priestern und laßt euch eure Heilung bestätigen!" Und als sie unterwegs waren, wurden sie tatsächlich gesund. 
Ein AussätzigerNeun Aussätzige
Einer aus der Gruppe kam zurück, als er es merkte. Laut pries er Gott, warf sich vor Jesus nieder, das Gesicht zur Erde, und dankte ihm. Und das war ein Samariter. Jesus sagte: "Sind nicht alle zehn gesund geworden? Wo sind dann die anderen neun? Ist keiner zurückgekommen, um Gott die Ehre zu erweisen, nur dieser Fremde hier?" Dann sagte er zu dem Mann: "Steh auf und geh nach Hause, dein Vertrauen hat dich gerettet." 

Die Quintessenz dieser Jesusbegegnung ist einfach und klar. Zehn Außenseiter werden in die Gemeinschaft zurückgeholt, sie werden geheilt. Neun vergessen den Retter und tauchen in den Alltag ab. Vielleicht waren auch sie dankbar, aber sie bringen ihren Dank nicht mit Jesus in Verbindung. Einer kehrt um zu Jesus und bedankt sich. Alle 10 haben großes Glück gehabt, dass Jesus im Grenzgebiet zwischen Galiläa und Samaria gerade sie traf, aber dieses Glück hatte nur einer in Dankbarkeit verwandelt. Klar ist auch auf der ersten Blick, was wir aus dieser Geschichte lernen können. Wir sollen uns wie der Eine verhalten, der umgekehrt ist. Wir sollen Jesus danken und ihn nicht vergessen. Wir sollen in den Alltag zurückkehren, verbunden mit Jesus, unserem Retter - Heiland.
Wenn es nur so einfach wäre... Oft genug entdecke ich mich bei den 9 anderen. Glück habe ich oft, z.B. bin ich heute Morgen gesund aufgewacht, habe ein Dach über dem Kopf, genug zu essen, genug um mir keine Sorgen um den nächsten Tag zu machen. Ich lebe nicht in Mosambik, nicht in Tschetschenien und nicht im Sudan. Glück gehabt. Und der Dank?
Ich möchte die Gruppe der Leprakranken, die Jesus da im Grenzgebiet begegnete, ein wenig verfremden. Ich möchte sie in unsere Zeit und unsere Situation stellen. Was sind das heute für Leute, die dem Wundermann entgegenrufen: "Jesus! Herr! Hab Erbarmen mit uns!"
Dabei sein kann die Schülerin, die Angst vor der Schule, Angst vor ihrem Versagen hat. Weil sie nicht mitkommt und die schlechten Noten kassiert, ist sie Außenseiterin, abgeschnitten von den Zukunftsmöglichkeiten der anderen.
Der Arbeitslose steht auch dabei. Er hat gerade das 300. Bewerbungsschreiben in den Kasten geworfen. Kein ungebildeter Mann, das Examen als Mathematiker hat er vor 5 Jahren mit "gut" abgeschlossen. Aber Arbeit hat er in seinem Beruf bisher nicht gefunden. Wer will ihn nach so langer Zeit noch einstellen? Kein Wunder, dass er sich auch persönlich verändert hat, zum Außenseiter wurde.
Die Frau, die an einer chronischen Krankheit leidet, steht auch dabei. Die Hoffnung auf Heilung hat sie aufgegeben. Wenn es doch nur so bleibt wie im Moment und ihr Zustand sich nicht weiter verschlechtert, das ist ihre Bitte. Und da geht sie auch zu einem Wunderheiler, man darf doch nichts unversucht lassen.
Auch eine Familienfrau befindet sich unter der Gruppe. Sie hat ihren Mann früh verloren, als die Kinder noch ganz klein waren. Die Belastung wächst ihr über den Kopf. Sie ist ausgelaugt, erschöpft, bekommt keine Wertschätzung und hat keinen Gesprächspartner. Eine Außenseiterin, die auf dem Spielplatz doch völlig normal wirkt. 
Sie alle und noch ganz andere Leute begegnen heute Jesus. Bei ProChrist, im Jugendkreis, im Gespräch mit Freunden, die Christen sind, durch ein Gebet, durch einen Vers aus der Bibel. Und wie damals reagiert Jesus auch heute auf die Schreie der Not. Jesus erhört Bitten, schenkt eine Arbeitsstelle, gibt Heilung, macht Mut. Aber das ist nicht alles - soweit würde das jeder von einem Wundermann erwarten. Jesus erhört nicht nur Bitten, er sagt den Leuten auch sehr persönlich zu: Du bist wertvoll. Du bist mir so wertvoll, dass ich deine Sorgen mit ans Kreuz genommen habe. Nichts lieber möchte ich, als dass du als Kind Gottes mittendrin bist im Leben und nicht mehr am Rand stehen musst. Jesus sagt dieses Ja sehr persönlich zu. Und es äußert sich in einer neuen Perspektive, die wir für unser Leben finden können. Nicht mehr die guten Leistungen in der Schule, der Arbeitsplatz, die körperliche Gesundheit stehen auf der Tagesordnung, sondern Kind Gottes zu sein, wertvoll zu sein, gehalten und geliebt zu werden, das ist die Erfüllung des Lebens.
Aber was hindert die 9 daran, auf dieses weiterführende Angebot Jesu einzugehen? Warum rennen sie weg, als ihre Bitten erfüllt sind? Lassen wir sie noch einmal zu Wort kommen:
Eine sagt: Ja, ich habe erfahren, dass Jesus mir geholfen hat. Aber inzwischen bin ich wieder in der gleichen Klemme, was soll Jesus mir da helfen, wenn es doch immer dasselbe ist?
Der eine, der zu Jesus umkehrt und nun diese Frau zu Jesus mitnehmen will, kann ihr antworten: Jesus will dir ein sinnvolles Leben schenken. Deshalb wird er dir auch in all deinen Schwierigkeiten zeigen, wie du zu seiner Ehre leben kannst - er investiert doch nicht in dich, um dich dann aufs Abstellgleis zu stellen. Geh mit mir mit und danke ihm von ganzem Herzen, dass er dich so liebhat, es ist der größte Schatz deines Lebens.
Ein anderer sagt: Ich schätze, dass es Zufall war, dass ich gesund geworden bin, als Jesus für mich gerade aktuell war. Ich bin und bleibe ein Skeptiker und lasse mich nicht von religiösen Gefühlen einfangen. 
Der eine, der zu Jesus umkehrt, wird sich auch um den Skeptiker bemühen, um ihn zu Jesus mitzunehmen. Er sagt: Du, wenn du Jesus wirklich genauer kennen lernen willst, musst du ihm eine Chance geben, sich dir zu zeigen. Er hat schon einmal an dir Großes getan und du rennst einfach weg. Jetzt ist es doch an dir, zu ihm umzukehren und ihm zu antworten. Dann wird er dir noch viel mehr von sich zeigen. Mit Jesus ist es am Anfang wie mit einem neuen Freund. Wenn er dir auf den Anrufbeantworter gesprochen hat, dann erwartet er deinen Rückruf. Wenn du nicht reagierst, wird er daraus schließen, dass du nichts mehr von ihm willst. Mensch, mach dich auf, und lass diesen Freund Jesus, der dein ganzes weiteres Leben verändern kann, nicht hängen!
Eine dritte Frau wendet ein: Ja, mir hat Jesus geholfen, aber was ist mit den Leuten in Mosambik, warum hilft er da nicht? Ist das nicht ein zutiefst ungerechter Jesus, der hier hilft und da nicht? Der eine, der zu Jesus umkehrt, wird hier besser keine Erklärungen versuchen. Denn auf die Warum-Frage gibt es aus unserer menschlichen begrenzten Sicht keine Antwort. Aber er wird etwas anderes ansprechen: Du, dir ist geholfen worden. Da leuchtet doch eine ganz andere Hilfe durch, die viel wichtiger ist als die einmalige Hilfe damals. Jesus möchte dir doch helfen, weil du in Lebensgefahr bist. Die Nabelschnur zwischen Gott und dir ist zerrissen. Du wirst nicht mehr ernährt mit Gottes Geist, der dir ein sinnvolles und erfülltes Leben ermöglicht und ein Sterben, das dich in die Ewigkeit bei Gott führt. Jesus ist nicht der Wundermann für die Grenzfälle des Lebens. Er ist die Nabelschnur, die dich an Gott anschließt, er reinigt dein Leben von Egoismus und Schuld und ermöglicht einen befreiten Neuanfang. Und deshalb musst du gar nicht nach Mosambik schauen. Auch du brauchst Hilfe, um mit dem lebendigen Gott zusammen zu kommen.
Wer weiß, vielleicht bringt der Eine doch noch jemand mit zu Jesus. Vielleicht bleibt er aber auch allein wie der eine Samaritaner damals zwischen Galiläa und Samaria. Er ist damit Stellvertreter für die anderen geworden. Auch er wurde nicht zum Wanderprediger, sondern wurde von Jesus in den Alltag zurückgeschickt. Aber er hatte Jesus bei sich im Herzen. Und als er später von Jesu Kreuzigung und Auferstehung erfahren haben wird, dann wusste er: Jesus ist für mich gestorben, damit ich mit Gott leben kann und die Nabelschnur nicht länger durchtrennt ist.
Wie mag es für den Samaritaner weiter gegangen sein? Wie geht es für uns weiter, wenn wir nach der Erfahrung mit Jesus einen Doppelpunkt machen? Vier Stichworte möchte ich nennen. 
Mit Jesus zu leben heißt:

  • Berufen zu sein, nicht getrieben zu sein. Jesus gibt uns Aufgaben und Ziel, wir müssen nicht länger den Erwartungen anderer hinterherlaufen.
  • Geliebt zu sein und lieben zu können. Jesus sagt Ja zu uns und will unser Bestes. So können wir einander dieses Ja zusprechen, können wie Jesus vergeben und miteinander neu beginnen.
  • Voller Hoffnung zu sein, nicht frustriert und resigniert durch die Gegend zu laufen. Mit Jesus gibt es keine Sackgassen mehr. Es gibt Staus und Umleitungen, aber immer Auswege. Das macht Mut und lässt gelassen leben.
  • Orientierung zu haben, nicht der Masse hinterher zu laufen. Jesus hat uns ganz klare Kriterien gegeben, wie wir ihm Freude machen können. Was alle machen, muss uns nicht länger bestimmen und festlegen.
Vielleicht würden Sie gerne der Eine oder die Eine sein, die zu Jesus umkehrt. Jesus wirbt um uns. Es berührt ihn tief, dass die anderen 9 nicht kommen. Deshalb hören wir immer wieder die ganz dringende Einladung, hinter dem Glück, das wir durch Jesus erfahren, keinen Punkt zu machen, sondern einen Doppelpunkt. Denn mit Jesus wird unser Leben erfüllt hier und jetzt und bis in Ewigkeit. Eigentlich ist das so einfach.

Ein kurzes Gebet formuliere ich zum Abschluss:
Danke, Jesus, dass du mich liebst und in deine Gemeinschaft holst. Ich bin nicht länger außen vor. Amen.

Cornelia Trick


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