Neuland betreten
Gottesdienst am 20.08.2006

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
im Eingang unseres Gemeindezentrums hängt ein großes Bild, das mit der Jahreslosung für 2006 betitelt ist: Gott spricht: Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht. Jedes mal, wenn wir zum Gottesdienstraum hineingehen, wird unser Blick automatisch auf dieses Gotteswort gerichtet. Was hat es uns in der ersten Hälfte des Jahres gesagt? In welchen Situationen ist es uns wichtig geworden? Diese Frage habe ich mir gestellt, als ich es jetzt am Anfang eines neuen Gemeindehalbjahres wieder neu wahrgenommen habe. Mir selbst sind einige Tage in Erinnerung gekommen, wo mir dieses Wort zu einem Halteseil wurde. Es waren hauptsächlich Alltagsprobleme, Berge, die ich abtragen musste, Konflikte, die ich lösen sollte. Es war gut zu wissen, dass ich in diese Baustellen nicht allein geschickt wurde, sondern das starke Seil Gottes mich dabei festhielt. 

Doch ich habe noch etwas anderes entdeckt. Das Wort Gottes, das er Josua zusprach, stand am Beginn eines großen Auftrags an Josua. Der sollte das Volk Israel ins gelobte Land führen, durch einen im Frühjahr über die Ufer getretenen reißenden Strom hindurch, mitten in feindliche Stadtstaaten hinein. Gott wollte Josua mit seiner Zusage nicht einfach einen sorglosen Alltag bescheren, sondern Josua in einer großen Herausforderung seine Zusage geben. Daraus ergeben sich einige bemerkenswerte Hinweise für unser Leben.

Josua und das Volk Israel werden dabei zu einem Beispiel, wie Gott auch heute noch mit uns Menschen spricht und wie er nicht nur damals sein erwähltes Volk führte, sondern uns auch heute leitet mit seinem Heiligen Geist. 
Wir sind nicht Josua, aber wir sind Menschen, die von Jesus Christus gerufen sind, ihm ins verheißene Land zu folgen. Wir kommen deshalb in dieser alten Josua-Geschichte vor, die nicht in der Vergangenheit bleibt, sondern zu unserer Lebensgeschichte werden kann.

Aufbruch

Das Volk Israel lagerte im Osten des Flusses Jordan. Zweieinhalb der 12 Stämme Israel hatten dort bereits Land zugeteilt bekommen. Sie konnten sich schon jetzt sesshaft machen, Häuser bauen, Landwirtschaft betreiben. Die anderen warteten auf das Aufbruchsignal, endlich nach 40 Jahren Wüste ins Westjordanland zu gelangen. Josua hörte Gottes Stimme, die ihn beauftragte, nun die Initiative dazu zu ergreifen. Dabei rief er das ganze Volk zusammen, auch die zweieinhalb Stämme, die ihr Land schon erhalten hatten. Sie sollten sich an dem Aufbruch beteiligen und ihre eigenen Themen vorerst ruhen lassen.

Es hätte durchaus Alternativen zu diesem Aufbruch gegeben. 

  • Alle 12 Stämme hätten sich im Ostjordanland niederlassen können und wären eben enger zusammen gerückt. Sie hätten sagen können: Nein, vor dem gelobten Land haben wir Angst. Der Leidensdruck ist nicht so groß, lasst uns alles mal langsam angehen.
  • Die zweieinhalb Stämme hätten sagen können, dass sie unmöglich ihre Häuser im Stich lassen könnten, sie hätten jetzt vor Ort Verantwortung, die anderen müssten schon für sich selbst sorgen.
  • Das Volk hätte sich zu Gebetsversammlungen treffen können und täglich darum beten können, dass Gott ihnen alle Flüsse, Steine und bewaffnete Stadtstaaten aus dem Weg räumen sollte, bevor sie losgingen. Sie wollten sich ganz sicher sein, dass sie auch nichts falsch machten.
Doch Josua hörte Gottes Stimme und gehorchte. Er rief zum Losgehen, obwohl er mit Widerstand rechnen musste, er verließ sich auf Gottes Zusage und zögerte nicht.

Jesus begegnete Menschen, die den Wunsch äußerten, ganz nah mit ihm verbunden zu sein. Jesus sagte ihnen: Kommt und folgt mir. Doch die Leute hatten es auf einmal gar nicht mehr so eilig. Die einen vermissten sichere Häuser für die Unterkunft unterwegs, die anderen wollten erst noch den Abschied feiern und es sich dabei vielleicht noch mal gründlich überlegen, wieder andere schoben noch dringende Familienpflichten vor, die sie am Aufbruch hinderten.

Die Jahreslosung ist uns nicht für das Ostjordanland gegeben, sondern für den Aufbruch nach vorn, die Herausforderung, mit Jesus dem Gelobten Land entgegen zu gehen. Wir dürfen uns mit unserem Alltag, unseren Häusern und unseren ganz persönlichen Lebensthemen nicht zufrieden geben. Es wartet ein größeres Land auf uns, in dem wir Jesu Gegenwart hautnah spüren, in noch innigerer Gemeinschaft mit ihm leben, erfahren, wie er uns den Tisch deckt und für uns sorgt.

Für mein eigenes Leben möchte ich es so übertragen: Wie Josua damals Gottes Ruf gehorchte, so möchte ich Jesus hören, wie er mich ruft, ihm zu folgen. Das kann eine neue Aufgabe sein, eine Herausforderung, vor der ich mich bis jetzt gedrückt habe, eine völlig unerwartete Lebensführung oder etwas wirklich anderes, als ich für mich geplant hatte. Ich möchte Jesus nicht nur für meine eigenen Themen als Sicherheitsseil einspannen, sondern mich an seinem Seil in seine Gegenwart führen lassen.

Reinigung

Als ersten Schritt des Aufbruchs ordnete Josua an, dass das ganze Volk sich reinigen sollte. Damit waren keine großen Waschorgien gemeint, sondern es ging einzig und allein um ein geklärtes und bereinigtes Verhältnis jedes Einzelnen zu Gott. Bevor jemand sich ganz Gott anvertraute, sollte er oder sie mit seinem Herrn im Reinen sein. 

An dieser Stelle lohnt es, wieder einen Blick auf unser Leben zu werfen. Wie schnell geschieht es, dass wir den Schritt der Reinigung auslassen. Ich sehe eine Herausforderung und stürze mich sofort hinein. Ich höre am Telefon von einer Not und fange sofort an zu überlegen, was ich tun kann. Ich habe einen wichtigen Termin und finde nicht die Ruhe vorher, mit Jesus über die Gesprächsinhalte zu reden. Wenn ich die Aufforderung Josuas befolge, dann renne ich nicht gleich zum Jordan und schwimme ans andere Ufer, sondern ich suche einen stillen Ort auf und lasse mir von Jesus zeigen, wie er Großes tun kann. Ich mache mir bewusst, dass er immer voraus geht und den Weg für mich bahnt. Ich bitte ihn, dass er meine Hand festhält, auch wenn ich unsicher werde, und mein Vertrauen stärkt, auch wenn ich Angst bekomme. Nur wenn nichts zwischen uns steht, kann er mit mir den Jordan durchschreiten. Jede Kontaktstörung kann meinen Untergang im entscheidenden Moment bedeuten.

Der Weg durch den Jordan

Josua 3,9-17

Da rief Josua das Volk zu sich und sagte: "Hört, was der HERR, euer Gott, euch sagen lässt: Wählt zwölf Männer aus, von jedem Stamm einen! Die Bundeslade des HERRN, dem die ganze Erde gehört, wird voranziehen und euch einen Weg durch den Jordan bahnen. Sobald die Priester, die sie tragen, ihre Füße ins Jordanwasser setzen, wird kein Wasser mehr nachfließen. Der Fluss wird sich weiter oben anstauen wie vor einem Damm. Daran sollt ihr erkennen, dass ihr einen lebendigen Gott habt. Er wird sein Versprechen halten und die Völker des Landes vor euch vertreiben: die Kanaaniter, Hetiter, Hiwiter, Perisiter, Girgaschiter, Amoriter und Jebusiter." Nun brach das Volk auf, um den Jordan zu überschreiten. An der Spitze des Zuges gingen die Priester mit der Bundeslade. Es war gerade Frühjahr; um diese Zeit führt der Jordan so viel Wasser, dass er über die Ufer tritt. In dem Augenblick, als die Priester den Fuß ins Wasser setzten, staute sich der Fluss weit oben bei dem Ort Adam in der Nähe von Zaretan, und das Wasser unterhalb der Stauung lief zum Toten Meer ab. So konnte das ganze Volk trockenen Fußes bei Jericho durch den Jordan gehen. Die Priester aber blieben mit der Bundeslade im Flussbett stehen, bis alle sicher auf der anderen Seite angekommen waren.

Nicht Josua als Führer ging dem Volk voran, sondern Priester mit der Bundeslade, in der das Wort Gottes aufbewahrt war. Die Priester mit der Bundeslade als sichtbarem Zeichen der Gegenwart Gottes signalisierten dem Volk, wer ihnen den Durchzug durch den Jordan ermöglichte. FlussNicht Josua war der Held, sondern Gott selbst hatte das Geschehen in seiner Hand. Für die Priester allerdings mag es ein sonderbares Geschehen gewesen sein. In den überfluteten Fluss sollten sie treten und darauf vertrauen, dass Gott das Wasser anhalten würde. Ausharren sollten sie in ihrer Position, bis auch das letzte Kind den Weg ans andere Ufer geschafft hatte.

Diese Priester mit der Bundeslade sind ein gutes Symbol für unser Gebet. Wir wissen um die neue Herausforderung, wir wissen darum, dass Gott uns neues Land eröffnen will. Wir haben unser Verhältnis zu Jesus Christus bereinigt, seine Größe und Kraft ist uns wieder neu bewusst geworden. Nun geht es los. Doch wieder dürfen wir nicht einfach losstürmen und uns in die Fluten des feindlichen Flusses stürzen, sondern sollen dem Gebet den Vorrang lassen. Wie sieht das aus?

Als Gemeinde sind wir daran aufzubrechen. Der Kindertreff und die Jungschargruppe werden sich nach den Sommerferien stark verändern. Kinder sind dem Kindertreff entwachsen. Werden sie Anschluss in der Jungschar finden? Werden wir neue Kinder mit dem Kindertreff erreichen können? Wird die Jungschar die Neuen aufnehmen können? Wird sie ihnen helfen, Jesus Christus lieben zu lernen? Die Jugendgruppe steht vor einem Umbruch, nachdem einige ihre Schulzeit beendet haben. Werden neue Jugendliche erreicht, die Jesus brauchen? Eine Jungbläsergruppe ist im Entstehen. Wird es Kinder geben, die mit einem Blechblasinstrument anfangen wollen, um es zur Ehre Gottes einzusetzen? Unser Nachbarbezirk bekommt einen neuen Pastor, zudem haben wir die Aufgabe, verstärkt über eine Zusammenarbeit nachzudenken. Wie soll das gehen? Und in diesem Katalog von offenen Fragen sind noch nicht die Themen einzelner aufgenommen, die nach ihrer Zukunft fragen, weil sie sehen, dass Jesus sie noch viel konsequenter in die Nachfolge ruft.

Eine Gemeinde, die mit solchen Fragen nach der Anleitung Josuas umgeht, versammelt sich zuallererst zum Gebet. Dieses Gebet ist kein Aneinanderreihen von Bitten, sondern ist Warten auf Gottes Handeln. Wir können kein einziges Kind aus eigenen Kräften in den Kindertreff ziehen. Wir können keinen Jugendlichen mit eigenen Argumenten überreden, dass Jugendkreis viel besser ist als mit Freunden rumzuhängen. Wir können zwar Pläne entwerfen, wie wir mit unserer Nachbargemeinde manches zusammen tun können, aber dass das zum Wachstum der Gemeinden führt, können wir nicht planen. Wir sind doch ganz und gar abhängig von Gottes Tun und müssen uns deshalb auch nicht todesmutig in Fluten stürzen, die uns ertränken werden. Wir können beten und füreinander beten, dass der Herr uns genau den Weg freimacht, der für uns jetzt dran ist.

Dafür stehen uns verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung: Gebetstreffen einzelner, Gebetstreffen von Gruppenleitern, Besuchen der bestehenden Gebetskreise. Und noch etwas wird deutlich. Die Priester mussten ihre trockenen Füße ins Wasser setzen. Sie mussten schon mal losgehen. Unser Gebet ist keine Alternative zum Losgehen, sondern beides geschieht miteinander. Jemand sagte vor ein paar Tagen zu mir: "Ich möchte gerne in der Gemeinde mitarbeiten, sag mir, wo ich gebraucht werde." Das war eine klare Aussage. Hinterher dachte ich, hat er sich schon einen Abend oder ein paar Stunden für diese neue Mitarbeit reserviert? Ist er schon einen Schritt ins Wasser gegangen, bevor wir darum beten, wo es nun lang gehen soll? Oder wird er mir bald sagen: "Na, eigentlich will ich schon, aber Zeit habe ich nicht. Danke, dass du mit mir gebetet hast, wo Jesus mich braucht, aber ich bleibe mal noch eine Weile im Trockenen."

Das Gebet im Fluss zeigte Wirkung. Das Wasser blieb gestaut stehen. Und alles Volk ging hindurch. Dieses Bild fasziniert mich. Ich sehe den Kindertreff vor mir und neue Kinder, die Zugang zu dieser Gruppe gewinnen. Ich sehe die Gemeinde, die das nicht nur wohlwollend und dankbar wahrnimmt, sondern sich mit dem Kindertreff aufmacht. Leute, die das Team unterstützen, nachfragen, helfen, für die Kinder beten. Leute, die Familiengottesdienste vorbereiten und selbst daran teilnehmen, weil sie den Ruf Gottes hören, dass die Gemeinde hier einen Weg durch den Jordan gezeigt bekommen hat. So ließe sich das auf jede andere Wegführung Gottes im Gemeindeleben übertragen. Mit dem Fuß im Wasser beginnt der Durchzug durch die Fluten. Das Gebet lässt aufmerksam werden, wo Gott uns den Weg bahnt. Und wenn wir den Weg klar vor uns sehen, dann sollten wir nicht lange hin und her diskutieren, ob es noch andere Wege gibt, sondern miteinander in großer Einigkeit losgehen und die zurückgestauten Fluten nutzen für die neuen Wege Gottes. Das Gebet sollte dabei niemals abreißen. Es ist die Verbindung zu unserem Herrn und unserem Ziel: Jesus Christus.

Gedenksteine

Als das Volk am anderen Ufer angekommen war, ließ Gott Josua aus jedem Stamm einen herausrufen, der wieder zurück in das Flussbett gehen sollte, um dort einen Gedenkstein zu holen. Jeder Stamm sollte einen Stein aufstellen, der als Erinnerung an Gottes Tat am Jordan dienen sollte. Wir haben am Eingang unserer Kirche einen solchen Stein, auf dem das Einweihungsdatum des Gemeindezentrums vermerkt ist. Ich bin mir sicher, dass hier ein solcher Gedenkstein aufgestellt wurde, der die nachfolgenden Generationen erinnern sollte, dass damals der Jordan stehen blieb, um hier in Neuenhain ein solches Gemeindezentrum zu bauen. Ist seitdem nichts mehr mit der Gemeinde geschehen, das einen solchen Gedenkstein gerechtfertigt hätte? Sind Gebäudeeinweihungen das Größte, das die Gemeinde Jesu erleben kann? Wo sind die Gedenksteine der Bekehrungen, Versöhnungen, Heilungen, Rettungen, Führungen? Ich weiß, dass wir jetzt nicht zu Bildhauern werden und lauter Gedenksteine im Garten aufbauen wollen, zumal es sich auch oft um sehr persönliche Daten handelt, die wir nicht so gerne öffentlich ausstellen wollen. Doch ich möchte dazu ermutigen, für sich selbst solche Gedenksteine zu beschriften und sie an irgendeiner Stelle zu hinterlegen. Nicht nur, wenn unsere Kinder uns fragen, sollten wir Antwort geben, wie sehr uns der Herr geholfen hat und wo er uns nicht fallen und nicht allein ließ. Vielleicht ist es eine Anregung für die Hauskreise, nach der Sommerpause einmal die Gedenksteine des letzten halben Jahres anzuschauen. Sie geben Kraft für die neuen Herausforderungen und Aufbrüche, die nun vor uns liegen.

Gott spricht: Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht, sei mutig und stark!(Josua 1,5-6)

Cornelia Trick


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