Nächster werden (Lukas 10,30-35)
Gottesdienst am 29.06.2014 in Brombach

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
in einem süddeutschen Ort waren in einem  Januar vor wenigen Jahren  4 Schulkinder zwischen 9 und 12 Jahren kurz vor 8 unterwegs zur Schule. Die Fußgängerampel stand auf grün, und die Kinder überquerten die Straße. Eine Autofahrerin bog um die Ecke und erfasste die Kinder. Sie hielt kurz an und fuhr dann weiter. Die Kinder waren zum Glück nur leicht verletzt und konnten sich das Autokennzeichen merken. Bald war die Fahrerin aufgegriffen. Gegenüber der Polizei gab sie zu Protokoll, sie habe zum Aussteigen keine Zeit gehabt, da sie noch zur Kirche wollte. War sie verwirrt, religiös extrem? Ein Einzelfall?

Die Begebenheit wirkt wie eine moderne Fassung eines Gleichnisses Jesu. Offenbar erzählte Jesus die Beispielgeschichte mit realem Hintergrund, der bis heute noch gegeben ist. 

Eine der ehemaligen Haupthandelsstraßen zwischen Afrika und Asien führte von Jerusalem nach Jericho. 1000m Höhenunterschied hinab ins Jordantal mussten auf einer Strecke von 27km überwunden werden, vorbei an Schluchten, Felsen und Wüste. Die Strecke war unübersichtlich, wurde von Geschäftsleuten mit wertvollen Gütern begangen und zog Räuberbanden an. 

Lukas 10,30-35

Jesus erzählte die folgende Geschichte:
»Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab. Unterwegs überfielen ihn Räuber. Sie nahmen ihm alles weg, schlugen ihn zusammen und ließen ihn halb tot liegen. Nun kam zufällig ein Priester denselben Weg. Er sah den Mann liegen und ging vorbei. Genauso machte es ein Levit, als er an die Stelle kam: Er sah ihn liegen und ging vorbei. Schließlich kam ein Reisender aus Samarien. Als er den Überfallenen sah, ergriff ihn das Mitleid. Er ging zu ihm hin, behandelte seine Wunden mit Öl und Wein und verband sie. Dann setzte er ihn auf sein eigenes Reittier und brachte ihn in das nächste Gasthaus, wo er sich weiter um ihn kümmerte. Am anderen Tag zog er seinen Geldbeutel heraus, gab dem Wirt zwei Silberstücke  und sagte: 'Pflege ihn! Wenn du noch mehr brauchst, will ich es dir bezahlen, wenn ich zurückkomme.'«

Jesus berichtet von zwei angesehenen religiösen Funktionären, die genau wissen, was Gott von ihnen will: „Gott lieben und den Nächsten wie sich selbst“. In der aktuellen Situation versagen sie trotz ihres Wissens. Einer, der von den Zuhörern verachtet wird, handelt dagegen besonnen und angemessen. Bei welchem der drei wären wir zu finden? 

Ernüchterung

Das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter ist Urgestein des christlichen Glaubens. Wer nur ein bisschen Bibelkenntnis hat, wird dieses Gleichnis kennen. Menschen helfen, sie in einer Notlage von der Straße auflesen, ihnen die Wunden versorgen und sie pflegen sind zutiefst christliche Tugenden. Doch ein Experiment von 1970, inzwischen vielfach wiederholt und bestätigt, ernüchtert. Wir sind wahrscheinlich als Christen nicht automatisch der Samariter im Gleichnis, nur weil wir in die Kirche gehen. C.Daniel Batson führte die psychologische Studie 1970 an der Princeton University, USA, durch. Statt der Straße von Jerusalem nach Jericho wählte er einen einsamen, unbeleuchteten, heruntergekommenen Weg zwischen zwei Universitätsgebäuden. Seine Probanden waren Theologiestudenten, die die Aufgabe bekamen, in dem anderen Gebäude einen Vortrag entweder zur Arbeitssituation ehemaliger Pfarrer oder zum Gleichnis vom Barmherzigen Samariter zu halten. Auf dem Weg zu jenem Gebäude lag ein Mann zusammengekauert in einem Eingang, stöhnte und jammerte. Man sollte nun meinen, die Studenten hätten selbstverständlich dem  scheinbaren Opfer beigestanden, doch weit gefehlt. Außer ein paar Wenigen, die sich um den Mann kümmerten, ihn zu einem Kaffee überredeten und ihm da was von Jesus erzählten, halfen die meisten nicht. Entscheidend für ihre Hilfe war dabei nicht, was ihnen gerade im Kopf herumging, Arbeitschancen oder der Barmherzige Samariter, sondern ob sie genug Zeit hatten, sich zu kümmern. Waren sie unter Druck, das andere Gebäude schnell zu erreichen, blieben sie nicht stehen. Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass für Nächstenliebe weniger die religiöse Orientierung als vielmehr die Offenheit für Neues und die vorhandene Zeit eine Rolle spielen.

Erkenntnisse

Diese Ergebnisse führen zu wichtigen Erkenntnissen:
  • Die Gleichung: Engagierter Christ ist einer, der den Nächsten hilft, geht nicht auf.
  • Nächstenliebe gelingt leichter, wenn Zeit da ist und man offen für Unvorhergesehenes bleibt.
  • Nächstenliebe entsteht nicht automatisch, sondern ist eine Aufgabe, die wir lernen müssen.
  • Der Lehrer ist Jesus selbst. 
Jesus beschreibt in diesem Gleichnis sich selbst als den vorbildhaften Samariter. Er ist in seinem Innersten berührt von Leid, Einsamkeit und Kummer der Menschen, die er auf den Wegen trifft. Als er zufällig der Mutter eines gerade gestorbenen jungen Mannes begegnet, rührt es ihn so, dass er den jungen Mann ins Leben zurück holt (Lukas 7,13). Er versteht sich als Arzt, der für die gekommen ist, die ihn brauchen (Lukas 5,31-32). Jesus handelt so, wie er es bei seinem himmlischen Vater gelernt hat (Lukas 10,21).

Wir können uns als Praktikanten von Jesus verstehen, die an ihm studieren, wie Nächstenliebe wachsen kann.

Beginnen wir mit der Zeit. Jesus hatte Zeit für Unvorhergesehenes. An keiner Stelle wird berichtet, dass er jemand stehen ließ, weil er keine Zeit hatte. Ob das nur an den damaligen Zuständen lag, einer gelasseneren Lebensweise? Die zwei Frommen aus dem Gleichnis zeigen, dass es auch damals schon Sachzwänge gab, die in Stress brachten. An einem Sonntagmorgen vor einem halben Jahr fuhren wir zum Gottesdienst, der Posaunenchor probte eine Stunde vorher, und wir waren schon ein wenig knapp dran. Da hielt uns in unserer Straße ein Autofahrer an. Er bat uns um Starthilfe. Zu unserem Pech hatte er auch Startkabel, eine Ausrede war eigentlich nicht möglich. Ich sagte ihm: Tut mir Leid, wir müssen leider ganz schnell weiter. Doch an der Kreuzung fiel mir noch gerade rechtzeitig ein, dass Jesus das wohl anders sehen würde. Wir drehten um, um dem Mann zu helfen. In dem Moment fuhr unser Nachbar vorbei, keine Ahnung, was er vorhatte. Jedenfalls stieg er sofort aus dem Auto und übernahm die Startkabel. Wir kamen noch rechtzeitig zur Posaunenprobe. Für mich eine super wichtige Lektion: In den wirklichen Herausforderungen werden wir nie Zeit haben. Doch lassen wir uns ein auf die Überfallenen und in Not Geratenen, wird Gott uns nicht im Stich lassen. Er schickt uns Verstärkung. Es ist ein Vertrauensakt, sich darauf einzulassen.

Von Jesus können wir Großzügigkeit lernen. Er hat nie gesagt, mit dir teile ich das Brot nicht, weil ich sonst selbst zu wenig habe. Unter seiner Hand wurde das Brot mehr. Der Samariter setzte nicht nur Zeit, sondern auch Esel und Öl ein, um dem Mann zu helfen. Er rechnete nicht aus, ob er sich die Hilfe leisten konnte, sondern handelte. Hilfe war nicht beschränkt auf Verbinden.

Der Samariter spann ein Netz von Helfenden. Der Wirt der Herberge wurde einbezogen. Der Samariter überließ den Verwundeten seiner Obhut. Wir müssen nicht alles allein stemmen. Einer sammelt auf, eine hat Herberge, einer kocht und eine zahlt. Dafür wird Gemeinde gebraucht. Unsere Aufgaben, die Gott uns vor die Tür legt, können wir nicht immer allein schaffen, wir brauchen einander dazu.

Wir müssen unsere Vorurteile hinterfragen. Vielleicht haben die beiden Frommen bei sich gedacht: Der ist ja selbst schuld. Hätte er nicht so viel Geld bei sich gehabt, wäre ihm das nicht passiert. Das Geld hätte er mal lieber im Tempel spenden sollen. Mag sein, sie sind auch deshalb weitergegangen. Mag sein, uns entgehen unsere Nächsten, weil wir insgeheim denken: Selber schuld! Jesus hat nie so gedacht. Im Gegenteil, Leute, die selbst schuld waren, hieß er besonders willkommen. 

Nächstenliebe kann auch böse enden. Jesus, der 1.Barmherzige Samariter, wurde ans Kreuz gehängt. Für unsere Liebe zu den Nächsten bekommen wir selten einen Bürgerpreis, oft bleiben unsere Hilfen im Verborgenen, und manch einer landete nach einer Hilfsaktion selbst im Krankenhaus. Aber im Helfen sind wir Jesus in ganz besonderer Weise nahe, das ist unsere Auszeichnung. Wir haben zutiefst die Gewissheit, sein Licht in eine dunkle Welt gebracht zu haben.

Man hat sich allerdings immer gefragt, ob es Sinn macht, an dieser Strecke ständig die Überfallenen zu versorgen. Ob es nicht viel besser wäre, die Räubernester auszuheben und dem Unwesen schon im Ansatz ein Ende zu bereiten. So hat Dietrich Bonhoeffer dieses Gleichnis verstanden als eine Aufforderung, dem Terrorregime Hitlers in die Speichen zu fassen, um noch mehr Unheil zu verhindern. Wir sind heute ähnlich herausgefordert. Flüchtlinge in Liebe anzunehmen und ihnen das Einleben zu erleichtern, ist unsere Aufgabe. Aber gleichzeitig sollten wir nicht müde werden, für gerechte Verhältnisse und Frieden in dieser Welt einzutreten und dafür zu beten, damit Menschen gar nicht mehr fliehen müssen.

Ein Beispiel

Nächstenliebe pur war letzte Woche in der Zeitung porträtiert. Das christliche Dorf Alqosh im Norden des Irak, 30km entfernt von Mossul, hat 3 Kirchen, 5 Klöster und 6000 Einwohner. Sie sind Bauern und Hirten und sprechen aramäisch wie Jesus damals. In diesem Dorf wohnen derzeit 1500 Flüchtlinge, die vor der Isis geflohen sind. 4/5 davon sind Muslime. Sie leben in einer der beiden Schulen und sind in Gastfamilien untergebracht. Das Brot wird geteilt, es ist eng, aber sicher, denn die Peschmerga Muslime bewachen das Dorf vor Angreifern. Die Christen dort teilen, sie beziehen die Andersgläubigen in ihr Leben ein, ohne sie zu bedrängen. Die Reportage schließt mit dem Satz: „Und dann fragt er (Fadi, ein Flüchtling), wie so viele hier, wie denn die Chancen stünden, in Deutschland Asyl zu erhalten.“ (FR „Irak.Fronleichnam im Irak“, 20.6.2014) 

Die Quelle

Die Nächstenliebe braucht eine Quelle, um Liebe zu schöpfen, sonst droht Liebes-Burnout. Im Lukasevangelium folgt auf das Gleichnis die Begegnung Jesu mit Maria und Martha. Martha war engagiert, Maria saß Jesus zu Füßen und hörte ihm zu. Jesus gab Maria gegenüber Martha recht. Er lud Martha ein, es Maria gleichzutun. Wir brauchen als engagierte Christen, die sich vom Leid der Menschen berühren lassen, einen Ort zum Auftanken und Kraftgewinnen. Wir dürfen uns im Helfen nicht selbst verlieren, sonst werden wir hart, bitter und selbstgerecht. Unsere Quelle ist die Gemeinschaft mit Jesus, im Gottesdienst, der persönlichen Andacht, einem Spaziergang, dem Abendmahl, dem Austausch mit anderen Christen.

Die Quelle ist auch unsere Begrenzung. Wir treffen andere bei der Quelle, lernen, nicht die einzigen zu sein, die Gottes Liebe in die Welt tragen. Wir können uns im Gebet unterstützen.
„Gehe hin und tue desgleichen“ sagt derselbe, der auch zuruft:
„Kommt her, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“

Cornelia Trick


Home


Verantwortlich Dr. Ulrich Trick, Email: ulrich@trick-online.de
Internet-Adresse: http://www.predigt-online.de/prewo/prewo_naechster_werden.htm