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Gottesdienst am 07.09.2008

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
der Philosoph Plato verfasste um 400 v.Chr. das berühmte Höhlengleichnis. Er entwarf folgende Szene:
Ein langer Gang führt hinab in eine Höhle, in der Menschen so gefesselt sind, dass sie ihre Körper und Köpfe nicht bewegen können und ausgerichtet sind auf eine Wand, auf die Licht von hinten fällt. Zwischen der Lichtquelle und den Rücken der Menschen befindet sich eine Ballustrade, an der Figuren wie in einem Kasperletheater vorbei getragen werden. Diese Figuren werfen Schatten an die gegenüberliegende Wand, auf die die Gefangenen tagein tagaus starren. Sie halten diese Schatten von leblosen Figuren für die Wirklichkeit. Wenn jemand den langen Gang hinuntersteigt, um sie von den Fesseln zu befreien und ans Licht zu führen, sträuben sie sich. Sie sind ja nur die Höhle gewöhnt. Man müsste sie schon fast mit Gewalt ans Licht zerren, und auch dort würden sie nicht gleich begreifen, dass sie bisher Schatten für Realität gehalten hatten. Sie würden geblendet die Augen schließen und nichts erkennen können. Erst nach einer Weile hätten sich die Augen an das helle Licht gewöhnt, und sie könnten die wahren Menschen, die die leblosen Figuren nur umhergetragen hatten, erkennen. Sie wollten dann sofort in die Höhle zurück, um noch mehr Menschen aus ihren Fesseln zu retten, aber die Menschen würden sie wegschicken, verlachen und verspotten. Sie wollten nicht weg aus ihrer Scheinwelt.

Plato erzählte dieses Gleichnis als Bild für die Philosophie. Wer sich auf den Weg machte, das Sein hinter allem Schein zu erkennen, wurde zum Erleuchteten. Aber es war schwer, andere dafür zu begeistern. Sokrates wurde von den „Höhlenbewohnern“ sogar umgebracht.

Treffend beschrieb Plato in wenigen Worten, was Jesus 400 Jahre später den Menschen von Gott erzählte. Gefangen in den Ketten der Sünde, der Trennung von Gott, saßen sie in einer Höhle Blick aus der Höhleund begnügten sich mit Schattenbildern. Sie jagten dem Geld nach, der Macht und dem Einfluss. Sie wollten sich selbst unsterblich machen, statt sich von Jesus befreien zu lassen, ans Licht zu kommen und Gottes Gegenwart zu erfahren. Jesus hatte von Gott den Schlüssel zur Höhle bekommen, um Menschen aus ihrer Schattenwelt zu befreien. Wer sich von Jesus befreien ließ, wurde selbst zum Retter, lief auf dem Weg schnell bergab und zerrte an den Ketten derer, die einst die Mitgefangenen waren. 

Das gilt bis heute. Durch Jesus und seinen Heiligen Geist sind von Jesus Gerettete dazu da, andere zu retten, sie in Gottes Gegenwart zu locken und ihnen zu helfen, die wirkliche Welt jenseits der Schattengrößen zu erkennen. Dieser Rettersinn ist das gemeinsame Problem der Christen, und nichts schweißt so zusammen wie ein gemeinsames Problem: Wie können wir dazu beitragen, dass die Höhle ihre Gefangenen freigibt? Dass sie nicht in der Höhle sterben, ohne Jesus Christus kennengelernt zu haben? Dass sie ihr Leben vergeuden an Trugbilder?

Matthäus 9,35-10,1

Jesus zog durch alle Städte und Dörfer. Er lehrte in den Synagogen und verkündete die Gute Nachricht, dass Gott jetzt seine Herrschaft aufrichtet und sein Werk vollendet. Er heilte alle Krankheiten und Leiden. Als er die vielen Menschen sah, ergriff ihn das Mitleid, denn sie waren so hilflos und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben. Darum sagte er zu seinen Jüngern: »Hier wartet eine reiche Ernte, aber es gibt nicht genug Menschen, die helfen, sie einzubringen. Bittet den Herrn, dem diese Ernte gehört, dass er die nötigen Leute schickt!« Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen die Vollmacht, böse Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden zu heilen.

Jesus verkündete die Gute Nachricht. Er schloss die Höhle auf. Noch tat er es auf Hoffnung, Karfreitag und Ostern waren noch nicht geschehen, die Ketten konnten noch nicht endgültig abfallen, aber die Köpfe waren schon frei, sie konnten sich schon zum Licht wenden und erahnen, dass es außerhalb der Höhle Leben geben würde, das die Schattenbilder weit zurückließ. 

Jesus redet hier von seinem Volk Israel. Aber er hat schon die im Blick, die nach Ostern von seiner Botschaft erreicht werden, auch uns heute. Jesus lässt seine Gemeinde zu allen Zeiten wissen, was ihr gemeinsames Problem ist:
Das Mitleid zu Menschen, die hilflos und erschöpft sind, umherirren, keinen roten Faden in ihrem Leben finden und schon gar nicht den Ausweg aus der Höhle. Das Mitleid zu Menschen, die sich häuslich in ihrer Höhle eingerichtet haben, weil sie die Schatten für Wirklichkeit halten. Das Mitleid zu Menschen, die in unserem unmittelbaren Umfeld leben, seien es unsere engsten Familienangehörigen oder unsere Freunde und Arbeitskollegen, die nicht die Kraft kennen, die Christen täglich speist.

Jesus nimmt Bestand auf. Es gibt eine reiche Ernte. Es gibt mehr als genug Menschen, die dringend Befreiung brauchen und auch bereit sind, sich befreien zu lassen. Sie haben Sehnsucht nach einem erfüllten Leben.

Das gilt heute genauso, schon ein Blick auf die Ratgeberliteratur lässt uns erahnen, wie groß die Suche nach erfülltem Leben jenseits von dunklen Höhlen und Schattenwesen ist. 

Doch der biblische Bericht lässt uns stutzen. Jesus ist offensichtlich nicht der, der alle selbst aus der Höhle herausholt. Er spricht von Erntehelfern. Es gibt keine „Operation Jesus“, bei der er als Superman von Höhle zu Höhle fliegt und mit dem Zauberstab alle Leute herausholt. Jesus deutet einen merkwürdigen Zwischenschritt an. Er beklagt das Fehlen von Leuten, die in die geöffneten Höhlen gehen und die Gefangenen ans Licht bringen. Noch nicht mal selbst bittet er um diese Leute, sondern befiehlt seinen Jüngern und heute uns als Gemeinde, um diese Leute zu bitten, die die Menschen hinausgeleiten.

Jesus hat mit seinem Tod und seiner Auferstehung die Höhlen längst geöffnet. Warum nun dieser Zwischenschritt? Warum verlässt er sich auf seine Nachfolger, dass sie sich um die Gefangenen kümmern? Vielleicht gibt es eine recht einfache Erklärung. Das gemeinsame Problem, Menschen zu Gott – ans Licht – zu bringen, schweißt die Gemeinde zusammen. Hier ist das gemeinsame Thema, das allen absolut am Herzen liegt. Und weil das Thema alle zusammenbringt, entsteht eine tragfähige Gemeinde, die die Halbblinden ans Licht trägt und ihnen hilft, langsam die Augen zu öffnen und eine Art Rehabilitationsprogramm zu durchlaufen, um Gottes Nähe glauben und erkennen zu können.

Die Gemeinde Jesu bittet um Arbeiter für die Ernte. Worauf kommt es dabei an? Dazu 7 Thesen.

1 Unser gemeinsames Problem: Menschen in Höhlen
Solange wir uns nicht dieses gemeinsamen Themas bewusst sind, werden wir keine tragfähige Gemeinschaft für Suchende sein können. Jesus weist uns darauf hin, dass wir unser Augenmerk weg von uns selbst hin zu denen zu richten haben, die seine Gegenwart noch nicht kennen, die den Schatten nachjagen und sich mit vordergründigen Bedürfnisbefriedigungen zufrieden geben.

2 Für wen wir beten, ist nicht jedermanns Privatangelegenheit, sondern unser gemeinsames Anliegen
Bringen wir doch die Menschen, die Gott uns besonders ans Herz gelegt hat, in unsere Gebetsgemeinschaften mit ein. Lassen wir doch andere auch für sie beten, dass sie sich retten lassen, sich nicht gegen Jesu Licht wehren, ihren Höhlenplatz verlassen und neugierig auf Jesus werden. Dabei geht es nicht um Klatsch und Tratsch über andere. Der Vorname genügt ja, das Wissen, dass da ein Mensch mit bestimmtem Namen ist, der das Licht sucht und Jesus finden kann. Aber das Gebet und die Fürbitte wird konkreter, persönlicher, und unser Zusammenhalt größer, wenn wir das Anliegen gemeinsam vor Gott bringen.

3 Gottes Geist befähigt uns, mit Liebe auf Menschen in Höhlen zu sehen
So leicht können wir arrogant auf diese Höhlenmenschen herabsehen. Wir fühlen uns als die Erleuchteten meilenweit überlegen, haben gar keinen Bezug mehr zu ihnen und meiden den Kontakt. Wir wollen uns beim Abwärtssteigen in die Höhle nicht dreckig machen und werfen lieber Lassos nach unten oder lassen Aufzüge auf und ab fahren. Doch die Liebe lässt uns selbst hinuntersteigen. Lässt uns das Leben mit ihnen ein Stück weit teilen und gibt uns Geduld, sie mitzunehmen und zu warten, bis ihre Augen sich dem Licht angepasst haben.

4 Es sind immer zu wenige Arbeiter in der Ernte
Dabei wünschten wir uns, dass ganz viele dabei sind, die andere retten, aber es sind immer zu wenige. Wir spüren das im Gemeindeleben. Nie sind alle Stellen besetzt. Nie können wir uns zurücklehnen und sagen, jetzt kann ich mich ausruhen, es geht auch ohne mich. Warum das so ist? Wohl damit wir zu jeder Stunde unsere volle Abhängigkeit von Gott erfahren, der die Arbeiter schickt. Wir haben es mit Personalmanagement nicht in der Hand. Wir können den Mitarbeiterstab nicht festlegen. Wir sind angewiesen darauf, dass Gott unser Gebet und unser Flehen erhört.

5 Um Menschen aus der Höhle zu retten, braucht es nicht nur Evangelisten, sondern alle
So leicht stehe ich in der Versuchung, nur die Evangelisten, die Lehrer und Prediger zu suchen, doch es sind oft andere, die die entscheidenden Schritte gehen. Eine ganz kuriose Geschichte erzählte mir gestern ein Freund. In einem Bürgersaal lief eine Evangelisationsveranstaltung, bei der seine Gemeinde mitmachte. Er bereitete mit dem Team den Abend vor, stellte Stühle, dekorierte. Sein Pastor äußerte, dass er schrecklichen Hunger habe. Der Freund ist ein kreativer Mensch, ging in die benachbarte Gastwirtschaft und besorgte ihm einen Teller Essen. Der Pastor aß es und brachte den Teller in die Gastwirtschaft zurück. Dort traf er ein Ehepaar, das vor langer Zeit einmal die Gottesdienste seiner Gemeinde besucht hatte. Er lud sie zu der Veranstaltung ein, sie kamen, und der Mann fand an diesem Abend zum lebendigen Glauben an Jesus. Was hatte mein Freund dazu beigetragen? Er kaufte dem Pastor einen Teller Essen, mehr nicht. Aber das war wichtig und setzte eine ganze Kette von Ereignissen in Gang. 

6 Die Mitarbeitenden haben Aufgaben
Sie bringen sich alle selbst ein, nicht nach dem Motto, wenn Hilfe gebraucht wird, schicke ich jemand, der mich vertritt.

Sie sehen von ihren eigenen Bedürfnissen ab, um die Hände für andere frei zu haben. Wer mit vollen Händen den engen Gang in die Höhle herabsteigt, wird niemand an die Hand nehmen können. Wer mit seinen Themen andere zutextet, wird ihnen nicht zuhören können. Wer mit seinen eigenen Sorgen nicht zu Jesus geht, kann andere nicht auf Jesus hinweisen.

Sie lassen sich von Jesus zeigen, wo sie gebraucht werden. Am Anfang des Schuljahres erhielt ich einen Anruf einer Bekannten. Sie sagte: Jesus hat mir gezeigt, dass ich mich mehr für ihn einbringen muss. Ich will ab jetzt mehr für meinen Hauskreis dasein. Ich fand das großartig, dass Jesus so deutlich zu ihr gesprochen hatte. Zufällig wusste ich aber, dass sie sehr viel für ihren Hauskreis tut und es ihr die größte Freude macht, mit den Hauskreisleuten Tag und Nacht zusammenzuhängen. So fragte ich sie ganz zaghaft: Meinst du sicher, dass es dein Hauskreis sein sollte? Gibt es nicht vielleicht ein anderes Feld, wo Jesus dich jetzt braucht? Und nach einer Woche rief sie wieder an und erzählte, dass sie nun bei einer ganz anderen Aufgabe gelandet war, die wirklich neu für sie ist und eine echte Herausforderung darstellt.

Sie haben Geduld. So schwer fällt es, mit denen Schritt zu halten, die zögerlich aufstehen und den Weg in die Freiheit gehen. Wir wissen ja schon, was uns im Licht erwartet. Sie aber müssen sich erst ans Licht gewöhnen. Sie haben Zweifel, ob sie wirklich das Licht finden. Sie brauchen vielleicht Jahre. Sind wir bereit, Jahre an ihrer Seite zu bleiben?

7 Mitarbeitende haben nach der Bibel bestimmte Qualifikationen
Sie sind gabenorientiert, wie wir aus den Briefen des Neuen Testaments erfahren, und bringen sich mit dem ein, was sie von Gott bekommen haben. Sie sind verlässlich, bereichern sich nicht, haben im Privatleben den Rücken frei und sind verschwiegen, so können wir es in den Timotheusbriefen nachlesen. Das eigentliche Herzstück ihrer Mitarbeit ist ihr Bemühen, mehr von Gott durch Bibelstudium, Seelsorge und Gebet zu erfahren. Hier setzt die biblische Orientierung direkt in unserem Alltag an: Wo geschieht das Bibelstudium, die Seelsorge und das Gebet in Ihrem und meinem persönlichen Leben fortwährend und nicht nur punktuell?

Jesus schaute auf die Menschen und sah ihre Verlorenheit. Alles beginnt mit diesem Wahrnehmen, das Jesus uns schenken will. Die Ernte ist reif, die Zeit ist reif, dass wir nicht nur Weltuntergangsszenarien in der Wissenschaft diskutieren, sondern mit dem Herrn rechnen, der wiederkommt, um seine Kinder zu sammeln. Es bleibt noch Zeit, den Weg in die Höhlen dieser Welt anzutreten, wir sollten sie nutzen und uns unseres gemeinsamen Problems bewusst sein: Da sitzen Menschen, die halten Vordergründiges für Lebenserfüllung. Denen sind wir das Zeugnis von Jesus Christus schuldig. ProChrist im März 2009 hilft uns, es konkret werden zu lassen in den nächsten Monaten. 

Wir dürfen uns darauf verlassen, dass Jesus uns die Vollmacht geben wird, in seinem Namen Menschen aus der Höhle ans Licht zu begleiten.

Cornelia Trick


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