Jesus und die Politik (Matthäus 22,15-22)
Gottesdienst am 14.10.2018 in Brombach

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
vor zwei Wochen fuhren wir zu viert von einer kirchlichen Konferenz im Auto nach Hause. Wir tauschten uns aus, was uns gerade beschäftigt. Bald kamen wir auf die politische Großwetterlage zu sprechen, den ständigen Streit bei wichtigen Sachthemen, die Spaltung unserer Gesellschaft, den Rechtextremismus, Menschenverachtung, obwohl es uns so gut geht, und unser Gefühl der Ohnmacht, bei allem nur zuschauen zu können.

Es entspann sich ein lebhaftes Gespräch, was wir als Christen dazu zu sagen haben. Dabei wurden uns schnell klar, dass wir in der Gemeinde die politischen Themen eher umschiffen. 

Wir wollen Streit vermeiden. Christen sind friedlich und sollten sich im Frieden begegnen. Bei politischen Streitpunkten kann es leicht passieren, dass jeder auf seinem Standpunkt beharrt und man sich dabei entzweit.

Wir fühlen uns in der Gemeinde wie auf einer Insel mitten im Getriebe dieser Zeit. Bei uns ist doch alles gut, was sollen wir uns die Probleme von draußen hereinholen.

Wir reden in der Kirche über den Glauben an Gott, nicht über Dieselabgase, Flüchtlingsschicksale oder deutsche Außenpolitik.

Doch spätestens, wenn wir wieder in unseren Alltag eintauchen, begegnen uns Menschen, die diese Fragen umtreiben, und sie wollen wissen, wie wir auch gerade als Christen dazu stehen. Da ist es gut, wenn wir uns mit dem Thema schon vorher beschäftigt haben, schauen, was in der Bibel dazu steht und was Jesus dazu zu sagen hat.

Unsere 4-er Crew im Auto jedenfalls stellte fest: Wir brauchen mal einen Gottesdienst zu diesem Thema, wollen mehr darüber wissen und unsere Standpunkte teilen, nicht weil wir Recht haben wollen, sondern weil wir Gott lieben und er will, dass wir Salz und Licht in dieser Welt sind.

Für mich waren es spannende Entdeckungen, zu denen mich das Thema geführt hat. Die politische Haltung der Bibel lässt sich nur als ein langer Prozess begreifen.

Im Alten Testament wird uns vor Augen geführt, wie Glaube und Politik nur gemeinsam gedacht werden konnten. Der Gott Israels war auch für die Politik zuständig. Gottes Segen ließ sich an Frieden und Gebietserweiterung ablesen. Sind die Israeliten von Gott abgefallen und anderen Göttern hinterher gelaufen, folgten Krieg und Vertreibung als Konsequenz.

Hin zum Neuen Testament wuchs eine große Friedenssehnsucht. Man war das ewige Hin und Her zwischen wechselnden Besatzungsmächten und aussichtslosen Aufständen dagegen leid. Es wuchs die Einsicht, dass Menschen von sich aus nicht zum Frieden fähig sind. Es brauchte Veränderung der Herzen von Gott. Die späteren Propheten sprachen von einem neuen Geist, von neuen Herzen und von einem göttlichen König, der befrieden und Wohlstand bringen würde.

So ist es nicht verwunderlich, dass sich nach einem anfänglichen Hype um Jesus Enttäuschung breit machte. Jesus trat den Römern nicht entgegen, er vertrieb sie nicht und machte Israel nicht wieder groß. Eine Kampagne „Make Israel great again“ hätte viele Anhänger gefunden, aber darum ging es Jesus nicht. Er knüpfte an die Sehnsucht nach Frieden an und nahm die Worte der Propheten auf. Dieser Friede konnte nur von innen wachsen, aus einem von Gott geliebten Herzen. Veränderte Menschen würden automatisch veränderte Zustände schaffen.

So führt dieser Weg durch die Bibel zu der These: Jesus war kein Politiker, aber er machte Politik.

Matthäus 22,15-22
Daraufhin kamen die Pharisäer zusammen. Sie beschlossen, Jesus mit einer Fangfrage in die Falle zu locken. Sie schickten ihre Jünger zusammen mit einigen Anhängern des Herodes zu Jesus. Die sagten zu ihm: »Lehrer, wir wissen: Dir geht es nur um die Wahrheit. Du sagst uns die Wahrheit, wenn du lehrst, wie wir nach Gottes Willen leben sollen. Du fragst dabei nach keinem anderen. Denn du siehst nicht die Person an. Sag uns bitte, was du für richtig hältst: Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuern zu zahlen, oder nicht?« Jesus durchschaute ihr böses Spiel und sagte: »Wollt ihr mir eine Falle stellen, ihr Scheinheiligen? Zeigt mir eine Münze, mit der ihr die Steuern bezahlt!« Sie gaben ihm eine Silbermünze. Jesus fragte sie: »Wer ist auf dem Bild zu sehen und wer wird in der Inschrift genannt?«  Sie antworteten ihm: »Der Kaiser.« Da sagte Jesus zu ihnen: »Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!« Als sie das hörten, waren sie sehr erstaunt. Dann ließen sie Jesus einfach stehen und gingen weg.

Die Politker der damaligen Zeit waren zugleich führende Theologen der Religionsbehörde. Sie wollten Jesus loswerden. Er bedrohte ihre Existenz, indem er den Tempelkult infrage stellte. Er wirkte wie ein Gotteslästerer und band viel zu viele Menschen an sich. Das Eleganteste wäre gewesen, die Römer auf ihn aufmerksam zu machen, dass sie ihn aus dem Weg schafften. So stellten sie Jesus eine Fangfrage. Würde er Ja zu Steuern sagen, wäre er bei den Juden enttarnt. Ein Sohn Gottes würde doch niemals mit Besatzern zusammenarbeiten. Würde er Nein sagen, könnte man ihn direkt den Römern ausliefern. 

Doch sie rechneten nicht mit Jesu auf den ersten Blick für alle korrekte Antwort: „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört.“ Was wie ein Ausgleich nach beiden Seiten aussieht, hat seinen Schwerpunkt eindeutig auf dem 2.Teilsatz. Gebt Gott, was ihm gehört, heißt ja, gebt Gott alles, denn ihm gehört als Schöpfer der Welt alles. Gott ist dem Kaiser vorgeordnet, Gottes Wille ist entscheidend.

So lebten es die ersten Christen der Urgemeinde, Petrus wird in einem Prozess vor den Römern zitiert mit den Worten: „Man muss Gott mehr gehorchen, als den Menschen.“ (Apostelgeschichte 5,29)

Wie äußert sich nun der Wille Gottes im politischen Geschehen? 

Jesus verkündete das Reich Gottes, eine Utopie des Staates
Wenn Jesus vom Reich Gottes erzählte, entwarf er eine Art Gegenwelt zu den herrschenden Zuständen. 

  • Gott liebt alle Menschen. Die Liebe Gottes verbindet alle Menschen aus allen Kulturen.
  • Gott beugt sich herab zu den Armen.  Er bewirkt Güterausgleich und Verzicht zugunsten von Bedürftigen.
  • Gott ist barmherzig. Seine Gerechtigkeit lässt immer seine Barmherzigkeit durchscheinen. Gerecht ist, wenn jeder bekommt, was er braucht, nicht, wenn alle das Gleiche bekommen, egal, ob sie es brauchen oder nicht.
Jesus war klar, dass kein Staat dieser Welt diese Grundprinzipien Gottes umsetzen kann. Doch er rechnete damit, dass Gottes Welt schon in diese Welt hineinleuchtet, dass Christen diese Werte in ihre Umgebung hineintragen und sie von innen verändern wie ein Hefeteig.

Jesus machte Politik im Kleinen

  • Jesus gab den Ausgeschlossenen, den Armen und Bedürftigen eine Perspektive. Er zeigte ihnen, dass sie wertvoll, geliebt waren, dass Gott ihnen eine Zukunft öffnete, die sie sich niemals selbst schaffen konnten.
  • Jesus entgrenzte die herrschende Sicht. Er lobte Römer, die sich von Gott berühren ließen. Er verließ Israel und wirkte grenzüberschreitend. Er hatte Umgang mit solchen, die von anderen verachtet wurden.
  • Jesus predigte überraschend anderes Verhalten. Er forderte die Leute auf, dem Schläger noch die andere Backe hinzuhalten, dem Nötiger nicht nur das Abverlangte zu geben, sondern ihm doppelt so viel zu geben. Er rief auf, die Feinde zu lieben und machte selbst damit Ernst, als er am Kreuz für seine Peiniger betete.
  • Jesus wollte nicht, dass seine Nachfolger unter sich blieben und sein Andenken feierten, sondern er sandte sie aus als Salz und Licht für die Welt, verändernd, erhellend und zukunftsorientiert.
  • Jesus wollte nicht nur Bekenntnisse, sondern er wollte, dass sich Glaube im Tun konkretisierte, im direkten Umgang mit den Mitmenschen, die den Weg kreuzten oder auf dem Weg lagen.
Was will Jesus von uns heute?
  • Gott an erster Stelle: Um den Vorrang Gottes vor allem anderen zu leben, ist es wichtig, mit Jesus in Kontakt zu sein. Dadurch erst gewinnen wir Standfestigkeit und Sicherheit, dass nichts uns aus seiner Hand reißen kann. In politischen Diskussionen brauchen wir keine Angst um uns selbst zu haben, es geht nicht darum, ob wir oder unser persönlicher Diesel überleben, sondern dass Gott zu Wort kommt.
Untersuchungen haben ergeben, dass viel Hass in politischen Auseinandersetzungen daher kommt, dass man sich entwertet fühlt – durch seine Herkunft, sein Einkommen, seine Bildung. Man fühlt sich ungerecht behandelt, übergangen, zutiefst verunsichert. 

Den Halt in Gott zu haben, ist ein starkes Gegengewicht gegen diese Ängste. Gott liebt uns, kein Mensch kann uns das aus der Hand schlagen und aus dem Herzen reißen. Auch wenn wir gesellschaftlich abstürzen, wird Gott uns immer halten. 

  • Klare Ansagen: ein guter Freund von mir ist in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen. Eine seiner erstaunlichsten Eigenschaften ist, dass er nie lügt. Darauf angesprochen erzählt er von seiner christlichen Erziehung. Seine Eltern haben ihm glaubhaft nahegebracht, dass Glauben an Gott und Lügen nicht zusammenpassen. Denn egal, was man anstellt, nichts ist so schlimm, als dass Gott uns nicht helfen könnte. Und wer lügt, verspielt alles Vertrauen.
Unsere Politikverdrossenheit entsteht hier, wenn wir merken, dass wir von einflussreichen Menschen angelogen werden. Vertrauen schwindet, man weiß nicht mehr, woran man sich halten kann. Fatalerweise reißt ein Lügner viele andere mit. Auch den Ehrlichen wird nicht mehr geglaubt, alle werden in einen Topf geschmissen.

So ist es wohl an der Zeit, die Bedeutung der Wahrhaftigkeit wieder groß zu schreiben, in unserem Leben beginnt es. Wir sollten die unterstützen, die sich trauen, ehrlich zu sein, auch wenn es erst mal Nachteile mit sich bringen kann. Wir müssen uns verabschieden von Werbefotos von der schönen, heilen Welt. Wer ehrlich ist, wird auch die Schattenseiten dieser Welt benennen müssen.

Unter „Klare Ansage“ gehören Stichworte wie 

  • Nächstenliebe gegen Gleichgültigkeit
  • Feindesliebe statt „die anderen sind immer schuld“
  • Grenzüberschreitung aus der eigenen Wohlfühl-Blase hinaus: Was denkt die andere?
  • Solidarität mit Rechtlosen: Wer sind die Schwachen in meiner Umgebung? Wer kann mir helfen, wenn ich schwach bin?
  • Teilen statt Habgier, eine Ernte-Dank-Haltung, die darum weiß, dass alles an Gottes Segen gelegen ist
  • Respekt vor dem Mitmensch als Geschöpf Gottes, das von Gott genauso geliebt ist wie ich
  • Respekt vor der Schöpfung, die uns nur anvertraut ist zum Bebauen und Bewahren, nicht zum Ausbeuten und Zerstören.
Diese klaren Ansagen Jesu gepaart mit "Gott an erster Stelle" sollten die Richtwerte sein für alle Christen, die aktiv Politik mitgestalten, und Wahlprüfsteine für alle christlichen Wählerinnen und Wähler.

Jesus war kein Politiker, aber seine Aussagen hat er uns in politische Stammbücher geschrieben. Sie umzusetzen, ist nicht nur Aufgaben „der“ Politiker, sondern unser aller Aufgabe, im Kleinen, in den Einflussbereichen, die wir durchdringen können und für manche auch in der großen Politik. Diese Menschen brauchen unsere Unterstützung und Fürbitte, dass sie den Halt in Gott besonders stark erfahren, wenn die Stürme sie umzuwerfen drohen.

Jesus predigte Reich Gottes, eine Utopie, die in unsere Welt wirkt. Wir werden keine ideale Gemeinschaft hier auf Erden gestalten können, aber eine geheilte Gemeinschaft, die von Gott berührt und verändert wird. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns nicht wegducken, wenn die Politik uns zur Stellungnahme herausfordert, sondern uns mit unserem Leitbild Jesus und unserem Glauben einmischen als Salz und Licht für diese Welt.

Cornelia Trick


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