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Gottesdienst am 9.2.2020
in Brombach
Liebe Gemeinde,
eine Bekannte von mir
ist vor Kurzem Oma geworden. Sie reist nun oft zu ihren Kindern, um sie
zu unterstützen. Davon erzählte sie mir. Wie sie sich nicht mit
dem Baby auf dem Arm die Treppen herunter zu laufen traut, sie könnte
stolpern und das Kind fallen lassen. Erst musste ich lachen, hatte ich
die Bekannte doch in Erinnerung, wie sie ihre eigenen Kinder überallhin
mitschleppte. Doch offensichtlich war ihr mit dem Enkelkind etwas so Kostbares
anvertraut, dass sie äußerste Vorsicht walten ließ.
Nicht nur bei kleinen Kindern
haben wir Angst, sie fallen zu lassen. Bei einem Umzug, bei dem ich mithalf,
sollten auch kostbare antike Vasen bewegt werden. Ich weigerte mich, sie
anzufassen, wollte nicht schuld sein, wenn sie zerbrachen.
Paulus schrieb seinen ersten
Brief an die Korinther, als er merkte, dass in der von ihm gegründeten
Gemeinde manches falsch lief. Es gab Parteiungen, die drohten, zu Spaltungen
zu führen, es gab unterschiedliche Auffassungen, wie Leben in der
Nachfolge Jesu aussehen sollte, es gab ein gewisses Chaos beim Abendmahl,
sodass das Essen nicht für alle reichte. Abendmahl wurde damals mit
einem richtigen Festessen zelebriert. Bei diesen Missständen musste
sich Paulus einschalten.
Seinen Ermahnungen voraus
schickte er einen Rückblick auf die Anfänge in Korinth. Es ging
ihm bei der Gemeindegründung nicht darum, selbst groß herauszukommen
oder bei dem Projekt gut auszusehen. Im Gegenteil, mit Jesus Christus hielt
Paulus etwas sehr Kostbares in den Händen. Seine Hände zitterten
vor lauter Ehrfurcht, er fürchtete, das Kostbare fallenzulassen. Er
wollte das Augenmerk der Menschen um ihn herum nur auf das Kostbare in
seinen Händen lenken, nicht auf sich selbst. Er verstand sich nur
als Träger.
1.Korinther 2,1-5
Brüder und Schwestern,
ich bin damals zu euch gekommen, um euch das Geheimnis Gottes zu verkünden.
Ich bin aber nicht mit großartigen Worten oder mit Weisheit aufgetreten.
Denn ich hatte beschlossen, bei euch von nichts anderem etwas wissen zu
wollen als von Jesus Christus – und besonders davon, dass er gekreuzigt
wurde. Ich trat mit einem Gefühl der Schwäche und zitternd vor
Angst bei euch auf. Ich setzte bei meiner Rede und meiner Verkündigung
nicht auf die Weisheit und ihre Fähigkeit zu überzeugen. Ihre
Wirkung verdankte sich vielmehr dem Heiligen Geist und der Kraft Gottes.
Denn euer Glaube sollte nicht aus menschlicher Weisheit kommen, sondern
aus der Kraft Gottes.
Jesus sieht
Was Paulus in den Händen
hält, nennt er „Geheimnis Gottes“, Jesus, den Gekreuzigten. Was macht
Jesus so besonders, so kostbar, habe ich mich gefragt. Mir ist die Szene
in den Sinn gekommen, als Jesus mit seinen Freunden nach Nain kommt (Lukas
7,11-17). Ein Trauerzug passiert die Straße, allen voran die
Mutter des Toten, an ihrer Kleidung wohl als Witwe erkennbar. Offenbar
stützt sie niemand, sie ist ganz allein. Jesus sieht diese Frau, er
sieht ihre Not, ihren Kummer, er reagiert darauf, gibt ihr den Sohn lebendig
zurück. Diese Szene steht für viele andere. Jesus sieht nicht
nur die Witwe damals, sondern auch mich, meine Nachbarin, meinen Arbeitskollegen,
den, der im Wartezimmer vor der Diagnose des Arztes Angst hat, und die,
die sich in ihrem Beziehungschaos verstrickt hat. Jesus ist sensibel für
unsere Lebenssituation. Er weiß, wo unser Schmerz steckt. Manchmal
ist es der eigene, manchmal ist es der, den andere uns auf die Seele gelegt
haben, manchmal haben wir Schmerzen beim Anblick unserer Lebenswelt.
Jesus entrümpelt
Jesus sieht nicht nur
den Schmerz, sondern er geht mit uns in diesen Schmerz. Nach Weihnachten
machte sich in unserem Fahrradkeller ein penetranter Gestank breit. Woher
kam er? Ein undichtes Rohr? Eine feuchte Wand? Rasendünger, der nass
geworden ist? Auch ein erstes Suchen brachte kein Ergebnis. Ein bisschen
graute mir vor dem kompletten Ausräumen, was würde ich finden?
So machten wir uns zu zweit ran und schauten nach, tatsächlich, Hinterlassenschaften
von Mäusen. Und am Morgen nach Aufstellen der Fallen bin ich auch
nicht allein in den Keller, mein Mann half mir, das Gruseln vor der toten
Maus in der Falle zu überwinden.
Jesus geht mit uns in den
Lebenskeller. Er entbindet uns nicht vom Mitkommen. Mir wäre es lieber,
er würde sagen: „Bleib du mal im Wohnzimmer, ich regele das da unten
für dich“. Aber so läuft es nicht. Wir müssen schon selbst
mit hinunter, die Tür des Kellers aufschließen. Aber er ist
dabei, er gibt uns Rückendeckung und nimmt uns den Seelenmüll
ab, um ihn zu entsorgen.
Was da alles liegen kann:
-
Sätze: „Du störst!
Du bist nicht so, wie ich gehofft hatte. Du wirst das nie können,
schaffen, hinbekommen. Ich mag dich nicht!“
-
Verpasste Möglichkeiten:
auf den Feldern von Bildung, Beruf, Beziehungen, Partnerschaft.
-
Schuld: jemand etwas zugefügt
zu haben und keine Entschuldung zu erfahren, die Schuld geht immer mit.
-
Wunden und Narben.
Jesus entsorgt, sein Kreuz
ist die Müllkippe unseres Kellers.
Manchmal wird Jesus allerdings
im Keller abgesetzt, man lässt ihn da unten wirken, Entrümpeln
scheint seine einzige Aufgabe zu sein. Man selbst geht wieder seinem Alltag
oberirdisch nach, als wäre nichts gewesen. Doch Jesus will noch viel
mehr tun, als alle Jahre wieder unsere Keller zu entrümpeln.
Jesus verändert
Bei unserem Mäusekeller
wurde eine Metallschiene auf die Türschwelle geklebt, seither sind
wir wieder mäusefrei, der Spalt unter der Tür ist geschlossen,
und die Mäuse müssen sich ihr Futter woanders suchen. So hoffen
wir, nie wieder die Fallen zu brauchen.
So macht Jesus das mit
unserem Seelenkeller, er will uns durch seinen Heiligen Geist so verändern,
dass wir seine Entrümpelung immer seltener brauchen.
-
Er will unsere Sätze
„Du störst!“ verändern: Ja, manche Menschen werde ich stören,
aber Gott störe ich nicht, er will, dass ich da bin.
-
Er will uns neue Möglichkeiten
eröffnen. Ja, wir haben diese oder jene Gelegenheit verpasst, aber
da wird stattdessen etwas Anderes möglich werden, das wird Gott uns
zeigen.
-
Die Schuld hole ich mir nicht
immer wieder aus der Seelenmülltonne, sondern lasse sie dort, Gott
hat vergeben, weil Jesus für mich eingetreten ist.
-
Auch die Wunden und Narben
werden mich zwar teils lebenslang begleiten, aber Tag für Tag erlebe
ich in meiner Zeit mit Jesus, wie er sich darum kümmert und sie heilen
lässt.
Aus dem Entrümpeln im
Keller wird neue Lebensenergie. Das Alte muss nicht mehr belasten, ich
kann fröhlich die nächsten Schritte wagen.
Wir wissen nicht, wie die
Witwe mit ihrem Sohn in Nain weitergelebt hatte, ob sie für sich einen
neuen Weg einschlagen konnte, aber in meiner Vorstellung machten die Beiden
nicht weiter wie bisher. Sie hatten das Leben noch einmal geschenkt bekommen,
sie wussten, dass Gott sie in ganz besonderer Weise auf diese neuen Chancen
aufmerksam gemacht hatte, sie werden neue Möglichkeiten ergriffen
haben.
Vielleicht wurden sie zu
einem Seelsorgezentrum im Ort. Leute kamen zu ihnen und konnten ermutigt
werden, an Gott festzuhalten. Vielleicht gründeten sie ein Hospiz,
Sterbenden hielten sie die Hand und erzählten ihnen von Gottes Liebe,
die sie nie im Stich ließ, nicht in diesem Leben und nicht im zukünftigen.
Jesus in unseren Händen
Paulus hatte Jesus in
seinen Händen. Er war sich bewusst, dass das, was er in Händen
hielt, wichtiger war als er selbst. Er brauchte nicht groß heraus
zu kommen. Er gierte nicht nach Beifall für sein Predigen. Er konnte
nicht nachvollziehen, was es einen Sinn haben konnte, sich in der Gemeinde
aufzuspalten, weil jeder einen anderen Prediger bevorzugte. Sie alle in
ihren unterschiedlichen Akzentuierungen waren nur Träger Jesu, nicht
Jesus selbst.
Beziehen wir das heute
auf uns, so können wir feststellen, dass wir wie Paulus damals Jesus
auch in unseren Händen tragen und ihn weitergeben. Wie das aussehen
kann gemäß Korintherbrief (1.Korinther 12):
Wir sind durch den Heiligen
Geist befähigt, mir unseren Gaben anderen zu dienen, ihnen dadurch
Jesus nahe zu bringen. Das sind manchmal außergewöhnliche Begabungen,
aber auch die ganz unscheinbaren Gaben. Ich denke an einen Mann, der mit
großer Liebe Hausmeister in seiner Gemeinde war. Immer wenn ich ihn
traf, hatte er wieder ein neues Projekt im Gemeindehaus, um das er sich
kümmerte. Kein Gang war ihm zu weit und keine Schraube zu unbedeutend,
als dass er sich nicht darum kümmerte. Wenn er in Urlaub war, merkten
das alle, im Zentrum der Gemeinde fehlte er, obwohl er nie eine Gruppe
leitete, nicht besonders musikalisch war und auch kein Prediger war. Er
diente Jesus mit seinen Gaben und war ein Zeugnis Jesu für die ganze
Nachbarschaft.
Ich denke an eine Beerdigung.
Eine alte Dame aus der Gemeinde war gestorben. Sie war eine intensive Beterin.
Sie hatte eine Liste und betete täglich für alle, deren Anliegen
sie kannte. In der Traueransprache sagte ich, dass ihr Platz nun leer sei.
Noch auf dem Friedhof kam eine andere Frau auf mich zu. Sie hatte in der
Trauerfeier den Ruf Jesu gehört und wollte den Platz dieser alten
Beterin einnehmen. Das ist viele Jahre her. Neulich traf ich sie, und sie
erzählte mir glücklich, dass sie nach wie vor bete, auch für
mich, obwohl ich längst nicht mehr in ihrer Gemeinde lebe. Sie spinnt
mit ihren Gebeten das Sicherheitsnetz unter der Gemeinde weiter, dass niemand
aus Gottes Liebe fallen kann.
Jesus vertraut sich uns
an. Es kommt nicht auf uns an, sondern auf ihn. Und selbst wenn uns diese
Kostbarkeit aus den Händen rutschen sollte, Jesus ist letztlich nicht
angewiesen auf unsere Hände, er kann für sich selbst stehen.
Aber er adelt uns, dass wir dazu beitragen können, dass er wirkt und
seine Liebe weitergeht.
Vor einigen Tagen hatten
wir am Rande mal wieder ein Gespräch über den Applaus am Ende
des Gottesdienstes. Mein Gesprächspartner meinte, ihn würde das
immer merkwürdig berühren, wenn die Tastenspieler nach dem Nachspiel
beklatscht würden. Ich empfinde ganz anders. Es ist unsere kulturelle
Prägung zu klatschen, wenn wir begeistert sind. Und wir sind hier
hoffentlich immer wieder begeistert von Jesus, der uns berührt, mit
dem wir in unseren Seelenkeller steigen können, der aufräumt
und mit uns wieder ans Licht geht. Er wirkt hier, das beklatschen wir,
und wir freuen uns zutiefst, dass er sich uns anvertraut, auch den kleineren
oder größeren Händen der Musiker, die Jesus in unsere Herzen
bringen.
Unser Glaube sollte nicht
aus menschlicher Weisheit kommen, sondern aus der Kraft Gottes.
(1.Korinther 2,5)
Cornelia
Trick
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