Jesus im Miteinander (Lukas 22,24-30)
Gottesdienst am 11.03.2012

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
eine Situation in einem Restaurant in einem Vorort von Frankfurt. Ein Stammgast klatscht in die Hände, um den Ober herbeizurufen. Der Ober kommt und bemerkt: „Ich bin kein Hund!“ Er bedient den Gast erstmal nicht, der Gast verlässt wütend das Lokal und ward nie mehr gesehen.

Die Szene aus dem Restaurant spiegelt deutlich unseren Alltag wieder: Einer dient und einer wird bedient. In welcher Rolle wären wir lieber? Wären wir lieber der Kellner, der wie ein Hund herbeigeklatscht wird? Oder lieber der Gast, für den die Kellner tanzen? Welche Rolle spielen wir als Christen, und was will Jesus von uns?

Lukas 22,24-30

Es kam unter den Jüngern auch ein Streit darüber auf, wer von ihnen als der Größte zu gelten habe. Da sagte Jesus zu ihnen: »Die Könige der Welt unterdrücken ihre Völker, und die Tyrannen lassen sich 'Wohltäter des Volkes' nennen. Bei euch muss es anders sein! Der Größte unter euch muss wie der Geringste werden und der Führende wie einer, der dient. Wer ist denn größer: wer am Tisch sitzt oder wer bedient? Natürlich der am Tisch! Aber ich bin unter euch wie der Diener. Ihr habt mit mir durchgehalten in allen Prüfungen, die ich zu bestehen hatte. Dafür werde ich euch an der Herrschaft beteiligen, die mein Vater mir übertragen hat. Wenn ich meine Herrschaft angetreten habe, werdet ihr an meinem Tisch essen und trinken und über die zwölf Stämme Israels herrschen.« 

Jesus sitzt mit seinen Jüngern beim letzten Abendmahl zusammen. Die Unterhaltung streift verschiedene Themen, die Jesus wichtig sind kurz vor seinem Tod. Auch für die nachösterliche Gemeinde behalten die Themen Gültigkeit, deshalb hat sie der Evangelist festgehalten und überliefert.

Jesus hatte gerade das Abendmahl mit den Jüngern gefeiert und ihnen deutlich gemacht, dass er für sie sterben würde. Die Jünger verstehen nicht, dass Jesus hier auch eine Wahrheit über ihr Leben in der Nachfolge ausspricht. Auch sie sind herausgefordert, für andere ihr Leben einzusetzen. Statt sich über diese Konsequenzen Gedanken zu machen, beschäftigt die Jünger das nahe Liegende. Wenn Jesus stirbt, muss ein Anderer die Führung im Jüngerkreis übernehmen. Die Jünger wollen klären, wer zukünftig das Sagen bei ihnen hat. 

Jesus stellt die normale Lebenswelt der kommenden christlichen Gemeinschaft gegenüber. Er verlangt von den Jüngern, dass bei ihnen die normale Hierarchie durchbrochen wird, wie Jesus sie selbst durchbrochen hat. In der Welt, so stellt er fest, gibt es ein klares Machtgefüge. Demokratien wie die, in der wir leben, gab es damals nicht. Wäre die Jüngerschar, wäre die Gemeinde ein solches weltliches Machtgefüge, sähe sie so aus:
Wer die größte Macht hat, regiert und setzt seinen Willen durch. Macht hat, wer reich ist, die richtige Verwandtschaft hat, die stärkste Lobby besitzt. Wer keine Macht hat, muss nach der Mächtigen Pfeife tanzen, sonst wird er zu den Löwen geschmissen. Einen solchen Mechanismus sehen wir zurzeit in Syrien. Wer die Macht hat, besitzt die schlagkräftigeren Waffen, hat den längeren Atem, setzt seine Interessen gnadenlos durch.

In der Gemeinde hat Jesus die Macht. Er ist das Haupt der Gemeinde, ihr Zentrum und ihr Herz. Ohne ihn ist die Gemeinde tot, ohne Jesu Geist fällt die Gemeinde in sich zusammen wie ein Luftballon, der ein Loch hat. Nach weltlichen Maßstäben lässt der, der die Macht hat, die Puppen tanzen, klatscht die Kellner herbei, lässt andere dienen. Jesus aber verlässt seinen Herrschaftsbereich bei Tisch und wird selbst zum Kellner. Er lässt die Gemeinde nicht wie Marionetten der Augsburger Puppenkiste tanzen, sondern lädt sie ein, sich an den Tisch zu setzen und sich von ihm bedienen zu lassen.

Er fragt jeden einzelnen Gast: Was kann ich dir bringen? Was kann ich für dich tun, damit du froh und voller Zuversicht leben kannst, wie Gott es für dich vorgesehen hat? Vordergründige Wünsche fallen uns vielleicht ein – endlich mal ausschlafen, eine Woche Urlaub, ein Lob am Arbeitsplatz, mit der Freundin essen gehen. Doch tief in uns stecken vielleicht noch andere Wünsche:

  • Dass ich heil werde, mit mir und meiner Umgebung im Einklang lebe.
  • Dass mir Schuld abgenommen wird und ich selbst bereit werde zu vergeben.
  • Dass Gottes Liebe durch mich strömt, innere Durchblutungsstörungen behoben werden und Totes in mir lebendig wird.
  • Dass ich großzügig sein kann, ohne Angst zu kurz zu kommen.
Jesus dient, er liest uns diese Wünsche aus dem Herzen ab. Er ist deshalb für uns gestorben, um uns lebendig werden zu lassen. Den Störsender der Sünde hat er entfernt, der freie Zugang der Liebe Gottes in unser Herz ist möglich.

Jesus übt Herrschaft aus, indem er dient. Er ist darin Vorbild für die Gemeinde, die einander und dieser Welt dienen kann, um Heilung zu ermöglichen. Nicht ein Puppenspieler hat die Macht, die Fäden in der Hand und alle tanzen, sondern wir sind einander zugeordnet im Dienen füreinander.

Dienst beginnt im Kopf

Bevor wir uns dem nähern, was Dienen bedeuten kann, ist es wichtig, unsere Motivation zu klären. „Warum dienen wir?“ statt „was tun wir?“ Unsere Motivation sollte von Jesus herrühren. Wir haben Jesu Dienen im eigenen Leben erfahren und sind jetzt fähig, für andere da zu sein. Aber schieben sich nicht auch andere Motivationen dazwischen? Ich diene, damit andere mich mögen, mir Beifall klatschen. Ich diene, damit ich Erwartungen anderer erfülle. Ich diene, damit ich meine eigenen Ziele erreiche. 

Sehr unterschiedliche Auswirkungen haben die Motivationen. Geht es mir um meine eigenen Ziele, meinen Selbstwert, habe ich bei allem Dienst mich selbst im Blick. Der Andere ist Mittel zum Zweck. Ich diene nicht ihm, sondern er dient mir. Stellen wir uns eine Tischszene mit diesem Hintergrund vor. Wenn der Kellner sich selbst im Blick hat, wird er nicht wirklich auf die Bedürfnisse des Gastes eingehen können. Er wird sich ihm anbiedern, um zu gefallen, er wird schon beim Getränkeaufnehmen ans Trinkgeld denken und sich ärgern, wenn nur Mineralwasser bestellt wird, er wird ärgerlich werden, wenn ihm die Aufmerksamkeit versagt wird, weil die Gäste zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind.

Ganz anders die Auswirkungen, wenn ich etwas tue, weil ich Jesu Dienst selbst erlebt habe: Ich habe den Anderen im Blick und will ihm dienen. Ich bin in meinem Dienst verlässlich und verbindlich und schmeiße bei Enttäuschungen nicht gleich alles hin. Ich erfülle eine Aufgabe, egal, ob ich gelobt werde oder nicht, ob ich im Rampenlicht oder im Keller stehe. Ich habe bei meinem Dienst die Gemeinde im Blick. Was braucht die Gemeinde? Womit kann ich der Gemeinde dienen? Der Dienst gibt mir eine gewisse Erdung. Denn ich lerne meine Mitgeschwister in der Gemeinde und meine Mitmenschen in anderen Zusammenhängen aus verschiedenen Perspektiven kennen. Einmal serviere ich den Tee nach dem Gottesdienst, einmal dient ein Anderer mir. Einmal freue ich mich, ein Abendprogramm als Teilnehmer genießen zu dürfen, einmal bin ich für das Programm wieder selbst verantwortlich. 

Theoretisch ist das klar. In einer Dienstgemeinschaft hat keiner Macht über den Anderen. Alle haben das Beste füreinander im Sinn. Die Praxis sieht bisweilen anders aus. Anstatt einander liebevoll zu dienen und aufeinander zuzugehen, gibt es Streit um Richtig oder Falsch. Es geschehen Ausgrenzungen, Rechthaberei, Unversöhnlichkeit, Hintenrum-Gerede, man ist stur und nimmt einen Tunnelblick ein. Dass dies nicht nur in der eigenen Gemeinde vorkommt, sondern weit verbreitet ist, beweist eine Fülle von Literatur zum Thema. Warum scheitern wir so schnell am Dienst aneinander?

In dem Arbeitsbuch zur Aktion 2012 „Glaube am Montag“ fand ich zwei interessante Gedanken.

  • Die Gemeinde liegt uns so sehr am Herzen. Sie ist unser Zuhause, unsere erweiterte Familie. Deshalb wollen wir, dass sie wie unser Zuhause gestaltet ist. Nur – unsere Vorstellungen von einem Zuhause sind verschieden. Was für mich gut ist, muss für meinen Bruder in der Gemeinde nicht gut sein. Was ich in der Gemeinde wichtig finde, kann einem Anderen furchtbar auf die Nerven gehen. Dass Gemeinde für uns Zuhause ist, wird dann zur Falle, wenn wir nicht mehr gemeinsam uns darauf ausrichten, was für Jesus gut ist, was er hier will. Wahrscheinlich wird ihm viel mehr egal sein, als wir denken – Musikstile, Einrichtungen, Gottesdienstabläufe, Organsationsfragen. Ihm ist aber wichtig, dass hier ein Ort der Gottesbegegnung ist, der für jeden und jede offen ist und so einladend ist, dass auch scheinbar Verlorene wieder neu anfangen können.
  • Wir sind selbst so bedürftig nach Liebe, Lob und Anerkennung, dass wir nur noch „unser Projekt“ sehen. Wir verlieren die anderen Projekte aus dem Blick, wir interpretieren jede Aussage nur im Verhältnis zu uns selbst und rechnen nicht damit, dass Gottes Liebe für uns alle reicht.
Was hilft, aus dieser Einbahnstraße herauszukommen? 

Neue Freude zum Dienst

Umkehr ist die logische Folge, wenn wir in Einbahnstraßen festsitzen. Umkehr meint in diesem Zusammenhang, dass wir uns ehrlich die Frage stellen: Habe ich mir von Jesus wirklich dienen lassen? Habe ihm mein Innerstes hingehalten, dass er es heilt? Habe ich seine Worte in mich aufgenommen: „Ich habe dich so geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte?“ Zum Dienen aus vollem Herzen gehört, dass wir erstmal selbst an Jesu Tisch sitzen und uns dienen lassen, selbst satt werden. Das können wir nicht überspringen.

Reinigung der Gedanken ist ein notwendiger Prozess. So schnell schleicht sich das sehr menschliche Vergleichen ein. Wir sehen die Anderen und messen uns mit ihnen. Wir werden sauer, wenn wir dreimal Teedienst machen, Andere nie. Wir zählen die Stühle ab, die wir tragen und die der Andere trägt. Das bringt uns nicht weiter. Wir kochen keinen Tee und tragen keinen Stuhl, weil wir im Wettbewerb sind. Wir tun es, weil wir Jesus eine Freude machen und seinen Kindern diese grenzenlose Liebe Jesu zeigen wollen. Was haben die Anderen damit zu tun? Kann ich sie durch mein Vergleichen erziehen? Bekommen sie ein schlechtes Gewissen, wenn ich sauer schaue und stöhne? Wohl eher nicht. Wie anders wirkt es, wenn jemand mich ohne Vorwurf fragt, ob ich ihm helfen kann – wer von uns würde denn nicht helfen, wenn er dazu in der Lage wäre? Die Gedanken des Vergleichens kommen, wir können sie nicht totschlagen, aber wir können unsere Gedanken reinigen, Jesus um Vergebung bitten, uns von ihm zeigen lassen, wo unser Dienen nötig ist, dass andere Liebe erfahren und ein Arbeitszweig Liebe verströmt.

Die Gemeinde können wir bei unserem Dienen in den Blick bekommen. Sie hat einen Auftrag. Es wäre hilfreich, wir könnten uns darüber verständigen. Was fördert unseren Dienst aneinander und an der Welt? Was braucht unsere Umgebung von uns? 

Jesus sagte zu den Jüngern: „Ihr habt mit mir durchgehalten in allen Prüfungen, die ich zu bestehen hatte.“ Noch liegt das kapitale Scheitern der Jünger mit Verrat und Flucht noch vor ihnen, und doch sagt Jesus ihnen schon jetzt zu, dass sie durchhalten werden. Nicht, weil sie es schaffen könnten, sondern weil Jesus für seine Nachfolger und Nachfolgerinnen einsteht und ihnen immer wieder hilft, Neuanfänge zu wagen.

Jesus weiß, wir werden scheitern, wir werden lieber die Ober herbeiklatschen, als selbst Ober sein, wir werden nach menschlicher Größe streben und nicht gerne die Kleinsten sein, wir werden unsere Interessen verfolgen, statt Jesu Auftrag ernst zu nehmen. Doch er lässt uns auch in unserer Schwäche nicht fallen. Er ermutigt uns, neue Verhaltensmuster auszuprobieren, zuzuhören, statt zu bestimmen, danach zu fragen was der Andere braucht.

Wenn wir jetzt am Tisch des Herrn Abendmahl nehmen, so wollen wir uns anschließend den Friedensgruß weitergeben – als ein Zeichen, dass wir bereit sind, füreinander da zu sein und einzustehen.

Cornelia Trick


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