Ist Gott wirklich da? (2.Mose 33,17-23)
Gottesdienst am 24.7.2016 in Brombach

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
in einer Zeitschrift für junge erwachsene Christen war ein Interview mit einem Seelsorger veröffentlicht. Er wurde gefragt, wie er zu seiner Berufung gekommen ist, für Menschen in Not da zu sein. Er erzählte daraufhin seine Lebensgeschichte. Er war Pastor, verheiratet, lebte in einer lichtdurchfluteten 120 qm großen Wohnung mit Terrasse und Kamin. Doch plötzlich zerbrach seine Ehe und gleichzeitig erhielt er das Kündigungsschreiben seiner Gemeinde. Er landete in einem 12 qm kleinen Zimmer im 7.Stock eines Hochhauses und gefühlt ganz am Boden. Sein Leben lag zerbrochen in 1000 Scherben da. Seine Selbstachtung ging gegen Null. Die Frage, wer er eigentlich sei, beantwortete er für sich mit „eine Ratte im Kellerloch“.  Gott hatte er angeschrien und angefleht, aber keine Antwort erhalten.

Erst als er begann, seine Situation zu akzeptieren, kamen plötzlich Antworten. Menschen sprachen ihn auf seinen wertvollen Dienst an und baten ihn, weiter Pastor zu bleiben. Erste Gespräche mit seiner Kirche zeigten, dass sich für ihn ein neuer Weg als Seelsorger abzeichnete. Oft fragte er sich, warum er durch diese persönliche Tiefe hindurch musste. Und ganz ehrlich musste er einsehen, dass er darauf keine eindeutige und leichte Antwort finden konnte. Er wollte sich Gott nicht vorstellen als einen, der sein Kind von der Klippe schubst, damit es im tiefen Wasser aus Überlebensangst schwimmen lernt. Böses geschah nicht, damit daraus Gutes werden konnte. Aber das Bittere blieb nicht nur bitter, der Nachgeschmack war überraschend gut, denn das Dunkel hatte zu neuem helleren Licht geführt.

Eine Geschichte der Bibel bringt diese Erfahrung zum Ausdruck. Das Volk Israel war von Mose aus Ägypten geführt worden. Es machte Halt am Sinai, wo Mose 40 Tage auf den Berg ging, um Gottes Weisungen, die 10 Gebote, in Empfang zu nehmen. Das Volk wartete währenddessen ungeduldig am Fuß des Berges, es fühlte sich allein gelassen und bekam langsam Angst. So kam die Idee auf, sich aus dem Schmuck der Leute einen goldenen Stier zu gießen, ein sichtbares Bild Gottes, das Stärke und Kraft symbolisierte. Aber natürlich brachten die Israeliten damit ihr Misstrauen Gott gegenüber zum Ausdruck, der ihnen ja zugesagt hatte, bei ihnen zu sein, auch wenn sie ihn nicht sahen. So beschreibt die Bibel, angelehnt an urmenschliche Erfahrungen, wie Gott zornig wurde, sein Volk vernichten wollte und ganz allein mit Mose einen Neuanfang plante. Doch Mose bedrängte Gott, führte die anderen Völker auf, die doch von dieser besonderen Beziehung Gottes zu seinem Volk wussten. Was sollten sie denken, wenn Gott sein Volk vernichtete? Gott lenkte ein. Er wollte sein Volk am Leben lassen, weiter mit ihnen gehen. Mose war ihm so wichtig, dass Gott seinen Wunsch erfüllte.

Hier wird eine entscheidende Gotteserfahrung geschildert. Israel hatte seine Gottesbeziehung hingeworfen, den lebendigen Gott durch einen toten Stier ersetzt. Israel hatte geistlichen Ehebruch begangen, alles lag in Scherben. Doch Gott vergab und schenkte einen Neuanfang.

Mose brauchte in dieser verdichteten Atmosphäre Vergewisserung. Es reichte ihm nicht, nur Gottes Stimme zu hören, der mit ihm redete wie mit einem Freund. Er wollte Gott richtig sehen, den Vorhang zwischen Gott und ihm zur Seite ziehen und in sein Angesicht blicken.

Mose erwartete, Gott wie einen Menschen zu sehen, mit Augen, Nase, Mund und Ohren, Händen, Füßen, einem Rücken. Dabei standen die Körperteile für die Beziehung, in der Gott zu Mose stand. Augen und Ohren symbolisierten das Du Gottes, Hände und Füße seine Hilfe, sein Vorausgehen, sein Führen. Der Schoß war ein Ort der Geborgenheit und der Rücken stand für ein zeitliches Im-Nachhinein. Mose wollte sein Band zu Gott wieder festmachen und sich vergewissern, dass Gott wirklich da war. Die Antwort Gottes lesen wir in

2.Mose 33,17-23

Der HERR antwortete: »Ich werde auch diese Bitte erfüllen, weil du in meiner Gunst stehst und mein Vertrauter bist.« Nun bat Mose den HERRN: »Lass mich doch den Glanz deiner Herrlichkeit sehen!« Der HERR erwiderte: »Ich werde in meiner ganzen Pracht und Hoheit an dir vorüberziehen und meinen Namen 'der HERR' vor dir ausrufen. Es liegt in meiner freien Entscheidung, wem ich meine Gnade erweise; es ist allein meine Sache, wem ich mein Erbarmen schenke. Trotzdem darfst du mein Gesicht nicht sehen; denn niemand, der mich sieht, bleibt am Leben.« Weiter sagte der HERR: »Hier auf dem Felsen neben mir kannst du stehen. Wenn meine Herrlichkeit vorüberzieht, werde ich dich in einen Felsspalt stellen und dich mit meiner Hand bedecken, bis ich vorüber bin. Dann werde ich meine Hand wegnehmen und du kannst mir nachschauen. Aber von vorn darf mich niemand sehen.«

Gott gibt Mose eine dreifache Antwort.

1 Ich will vor deinem Angesicht meine Güte vorüberziehen lassen
Güte ist das Gute, das Gott vor Moses innerem Auge vorüberziehen lassen wird. Gott soll er in dem erkennen, was Gutes in seinem Leben geschehen ist. Das kann auch eine Antwort für uns sein. Die Bruchstücke sollen wir vom Boden aufheben und uns erinnern, wofür sie stehen. Die gescheiterte Beziehung, die da auf dem Boden zerbrochen liegt, hatte auch glückliche Momente, Geborgenheit, Freude. Im Arbeitsleben, das gerade so schwierig ist, gab es auch befriedigende Zeiten. Da war nicht nur alles schlecht, sondern vieles auch gut. Wenn wir genau hinschauen, erkennen wir Gottes Spuren auch auf den zerbrochenen Scherben.

Jesus Christus steht für Gottes Güte. Er verspricht uns, Begleiter an unserer Seite zu sein. Er bleibt bei uns bis ans Ende unserer Tage, zu ihm haben wir eine 24-Stunden-Hotline. Auf jeder dieser kleinen Scherben steht sein Name, er ist dabei.

2 Ich gehe in meiner Güte an deiner Schuld vorbei
Gott zieht in seiner Güte an dem schuldig gewordenen Volk vorüber. Er hält nicht fest an dem Vertrauensbruch, sondern vergibt einseitig. Auch wenn ich mich im Recht fühle, so bin ich doch nicht ganz unbeteiligt an zerbrochenem Porzellan. Immer habe ich auch einen Anteil an den Problemen. Und wenn es die Schuld ist, die Zeichen der Zeit nicht rechtzeitig bemerkt zu haben. Doch ich muss mit dieser Schuld und diesem Versagen nicht allein bleiben. Gott vergibt. Er rechnet nicht kleinlich auf, was er für mich getan hat und was im Gegenzug ich für ihn tat. Er verlangt nicht, dass ich akribisch die Schuld abarbeite.

Jesus wand sich Sündern zu, die aus eigener Kraft nicht aus ihrem Schlamassel heraus kamen. Er wendet sich uns zu, wenn wir fassungslos vor dem Scherbenhaufen stehen und hilft uns beim großen Aufräumen.

3 Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig
Gott ist frei, wem er sich zuwendet. Es gibt keinen Anspruch darauf. Er ist nicht verpflichtet zu vergeben, etwa, wie wenn die Bahn verpflichtet ist, die Fahrkarte zu erstatten, wenn der Zug ausgefallen ist. Gott hat sich dazu entschieden, Mose und seinem Volk einen Neubeginn zu schenken.

An Jesus sehen wir, dass er gnädig sein will. Sein tiefstes Bedürfnis ist, mit uns versöhnt zu sein und uns zu helfen, uns mit unseren Bruchstücken zu versöhnen. Es war Jesu Auftrag hier auf der Erde, denen nachzugehen, die mit ihrem Leben gescheitert sind. Und denen, die scheinbar alles auf die Reihe brachten, hielt er einen Spiegel vor die Nase: Auch ihr seid nicht fehlerlos, euer Hochmut ist eure Sünde, die euch zu Fall bringen wird.

Wenn wir wie Mose sicher sein wollen, dass Gott in unserem kleineren oder größeren Scherbenhaufen da ist, wie können wir ihn nun sehen? 

Mose lernte, dass er Gott nicht ins Angesicht schauen konnte, wie wir die Sonne nicht direkt ansehen können, wir würden blind werden. Die Helligkeit der Sonne können unsere Augen nicht fassen. Die Heiligkeit Gottes kann unsere Seele ebenso wenig fassen. Aber Gottes Antwort deutet auf einen Weg hin, wie wir Gott eben doch sehen können.

Er stellt uns an einen sicheren Ort wie Mose in die Felskluft. Ich denke dabei an einen Film über Pinguine. Die Babys sind sicher in einer Hauttasche zwischen den Füßen der Eltern. Dort sind sie optimal geborgen und warm. Ein solcher Schutzort Gottes war in biblischen Zeiten der Tempel, ist in unserer Zeit die Gemeinde Jesu. Hier hören wir von Gottes Güte, wie er an unserem Versagen nicht festhält, lernen seine Gnade und Vergebung kennen. Hier erleben wir das hautnah, wo Menschen einander weh tun, aber auch wieder neu anfangen können. Wo man miteinander betet, obwohl man nicht in allem einer Meinung ist. Wo man sich gegenseitig in aller Schwäche und Fehlerhaftigkeit trägt.

Wir erkennen Gott im Hinterherschauen. Mittendrin scheint er oft weit weg zu sein wie bei dem Pastor, der alles verloren hatte, was ihm bis dahin wichtig gewesen ist. Aber im Abstand erkennen wir Gottes Handschrift – einen Menschen, der uns anrief, eine Begegnung, die uns neuen Mut machte, ein Bibelwort, das den Nagel auf den Kopf traf und vieles andere. Im Nachhinein wird uns auch manches klarer. Wir verstehen uns selbst besser, können uns vergeben und dem anderen vergeben. Wir wissen um Gottes Hand unter uns, aus der uns nichts und niemand reißen  kann.

Es lohnt sich, die zerbrochenen Lebensstückchen nicht zu entsorgen, sondern sie aufzuheben. Daran können wir die Güte Gottes buchstabieren, wir können uns unsere Anteile vergeben lassen und Gottes Vergebung erfahren. Die Bruchstücke lassen sich wieder zu neuen Mustern zusammenfügen. Sie sehen anders aus als vorher, aber sie sind dennoch schön. Gott antwortet und wirkt. Im Nachhinein können wir seine Güte erkennen und die Kraft zum Neuanfang bekommen.

Denn: Gott ist für uns da mit Augen, Ohren, Mund und Händen, Füßen und einem Rücken, den wir sehen können: Jesus Christus.

Cornelia Trick


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