Innere Stärke (Epheser 3,14-21)
Gottesdienst am 19.5.2019 in Brombach

Liebe Gemeinde,
eine alte Wanduhr hatten wir geerbt. Sie wurde im Flur aufgehängt und erfreute uns mit ihrem regelmäßigen Tick, Tack und den Schlägen zur vollen Stunde. Einmal die Woche wurde das Uhrwerk aufgezogen, um sie am Laufen zu halten. Doch manchmal vergaßen wir das Aufziehen. Die Uhr blieb stehen. Berührten wir dann ihr Pendel, fing es wieder an, hin und her zu schwingen. Doch schon bald wurden die Ausschläge kleiner, bis das Pendel wieder in die Ruheposition fiel. Ohne Motor hatte es keine Kraft. 

Diese Uhr in unserem Flur wurde für mich zu einem Gleichnis für mein Leben. Woher kommt meine Kraft? Von äußerem Anschubsen werde ich in Bewegung gehalten. Da ist der Druck, dass ich dies und das machen sollte. Da sind Erwartungen, die mich am Laufen halten. Da höre ich Appelle: Mach doch endlich! Aber dieses Anschubsen von außen hat meist nur kurzfristigen Erfolg. Ich fange etwas an, aber gebe bald wieder auf. Ich stürze mich in eine Aufgabe und merke, wie mir viel zu schnell der Atem ausgeht. Ich versuche wirklich, diese widerständige Person anzunehmen, aber es gelingt mir nur punktuell. 

Ein Anstoß von außen führt nicht zu einer Veränderung meines Lebens, ich brauche eine Kraft von innen, mein Motor muss sozusagen aufgezogen werden.

Auch Paulus erlebte diese Kraftlosigkeit und schrieb dazu etwas an die Gemeinde in Ephesus. Er selbst war im Gefängnis. Seine neue Erfahrung mit Jesus, der ihn liebte und ihn in die Verbindung mit Gott brachte, hatte ihn an jeder Straßenecke von Jesus erzählen lassen. Das weckte in vielen Menschen Sehnsucht nach einem Gott, der sie im Innersten berührte, aber andere sahen Paulus als Eindringling und Konkurrent auf dem Markt der Religiösen. Sie sorgten dafür, dass er im Gefängnis ruhiggestellt wurde. 

Doch Paulus fand andere Wege, um anderen von seinem Glauben weiterzugeben. Er schrieb Briefe, und die hatten eine besondere Autorität. Man nahm Paulus ab, dass er sich in der Gefängniszelle auf das Wesentliche konzentrierte.

Paulus kannte die Gemeinde in Ephesus gut. Er hatte dort selbst einige Jahre gelebt. So konnte er auch erspüren, dass sich die Gemeinde gerade in einer Schwächephase befand. Der Glaube war nicht mehr lebendig und tief. Der kleinste Windstoß konnte die Gemeinde auseinanderbringen. Jede Krise konnte zum Sterben der Gemeinde führen.

Paulus hätte das Pendel der Gemeinde von außen anstoßen können: „Reißt euch zusammen, betet mehr, veranstaltet Glaubenskurse und Evangelisationen, ladet bessere Prediger ein.“ Stattdessen wollte er für die Gemeinde beten. Er bat, dass Gott das Uhrwerk von Ephesus wieder aufziehen sollte. Er bat um eine Veränderung von innen, damit die Gemeinde wieder mit voller Kraft und innerer Stärke weiterleben konnte.

Epheser 3,14-19
Ich beuge meine Knie vor dem Vater, nach dem jedes Geschlecht im Himmel und auf der Erde benannt wird, und bitte ihn: Vater, schenke ihnen aus dem Reichtum deiner Herrlichkeit die Kraft, die dein Geist zu geben vermag, und stärke sie innerlich. Durch ihren Glauben wohne Jesus in ihren Herzen! Lass sie fest in der Liebe verwurzelt sein und ihr Leben auf diese aufbauen, damit sie gemeinsam mit allen Glaubensgeschwistern in der Lage sind, zu begreifen, wie unvorstellbar hoch und tief, breit und lang die Liebe Christi ist, die alle Vorstellungskraft übersteigt. Vater, erfülle sie mit der ganzen Fülle deiner Herrlichkeit! (Übersetzung Willkommen Daheim)

Hingabe
Paulus ist hier nicht der Besserwisser, der vor der Gemeinde mit erhobenem Zeigefinger steht und ihr sagt, was sie ändern sollte. Wäre Paulus bei uns im Gottesdienst, dann würde er nicht vor der Gemeinde stehen und den Leuten ins Gesicht schauen, sondern er würde sich umdrehen und auf das Kreuz schauen. Er würde damit zum Ausdruck bringen, dass er alles von Gott erwartete, was die Gemeinde gerade brauchte. Er würde Gott bitten, ihr Uhrwerk wieder aufzuziehen. Er würde alles von Gott erwarten und selbst mit leeren Händen vor ihm stehen.

Das wird schon deutlich in der Anrede „Vater“. Sie erinnert mich an eine Aussage Jesu. Er verglich Gott mit einem Vater, der seinem Kind keinen Skorpion geben würde, wenn es ein Ei haben wollte. Wir werden hier erinnert an einen Gott, der sich väterlich und mütterlich um uns kümmert und das Beste für uns will. Uns wird wieder neu bewusst gemacht, dass Gott sich wie Eltern im besten Sinne verantwortlich fühlt für unser Leben und unser Wohlergehen, dass er uns bei unserem Namen gerufen hat und wir bei ihm sein können. Er wird uns keinen Skorpion geben, wenn wir um ein Ei bitten, und keinen Stein, wenn wir Brot brauchen.

Paulus erwartet, dass Gott handelt, Anschubsen allein würde nicht reichen. Er nimmt die Gemeinde und damit auch uns heute hinein in sein Gebet: Herr, gib neue Kraft!

Innere Stärke
Die Kraft Gottes bewirkt, dass Jesus in den Herzen wirken kann. Er ist der Motor, der Lebensgeist in dreifacher Hinsicht schenkt.

1. In der Liebe verwurzelt
Uns wird hier ein Bild aus dem Wald und Garten vor Augen gemalt. Eine starke Wurzel hält eine Pflanze. Eine Pflanze ohne Wurzel stirbt. 

Was ist das für eine Wurzel, die Paulus meint?

Es sind Erfahrungen, die wir mit Jesus gemacht und die uns zu Jesus geführt haben. Vielleicht begann es schon im Elternhaus, wo wir Glauben gelernt haben. Es sind Situationen, wo wir Jesus gespürt haben, Bewahrungen in kritischen Situationen, Durchhilfe in Krisenzeiten, Engel, die uns zur Seite standen. Zu unseren Wurzeln gehört auch Wissen, das wir über Jesus und Gott gesammelt haben, biblische Geschichten aus dem Kindergottesdienst und Religionsunterricht.

Wurzeln führen dazu, dass wir uns angenommen und in Gottes Armen geborgen wissen. Sie werden uns geschenkt, wir können sie nicht hervorbringen, nur stärken. Stark werden sie, wenn wir Jesus Raum geben, uns ihm hinhalten, uns mit ihm beschäftigen. Ich hatte mir dafür in der Passionszeit vorgenommen, nur Bücher mit Glaubensthemen zu lesen. Zuerst war das ganz schön anstrengend. Ich las abends meine Einschlafkapitel aus diesen Büchern, die sich mit Jesus beschäftigten. Und prompt träumte ich von Gemeinde, Predigten und meinem Alltag. Es schien keine gute Idee zu sein, meinen Geist bis in die Nacht mit diesen Themen zu füttern. Ein Krimi hätte mehr abgelenkt. Doch Woche für Woche wirkte diese Lektüre und ließ mich mehr von dieser Kraft Gottes spüren. Ich bekam sie nun nicht nur tags, sondern auch nachts, Jesus war allgegenwärtig, meine Wurzeln erfuhren einen Wachstumsschub. Das mag für jeden und jede anders aussehen. Wodurch unsere Wurzeln des Glaubens wachsen, ist individuell verschieden, aber wir können ausprobieren, uns inspirieren und erleben, wie da wirklich eine Kraft fließt.

2. Die Höhe, Tiefe, Breite und Länge der Liebe Gottes entdecken
Alle Dimensionen des Lebens haben mit Gott zu tun. Er will mit seiner Liebe überall präsent sein. Wenn wir es aufdröseln, könnte die Liebe so erfahren werden:

  • Die Höhe der Liebe Gottes ist die Begeisterung, wenn jemand Jesus kennenlernt und wie frisch verliebt sein Leben auf Wolke 7 wahrnimmt. Jedem erzählt sie davon, jeden Weg nimmt er auf sich. Er freut sich auf die Gottesdienste, auf Bibelgespräche, verschiebt den Urlaub, wenn es etwas Wichtiges in seiner Gemeinde zu erleben gibt. Aber wie bei Frischverliebten, bleibt auch die Höhe der Liebe Gottes nicht auf Dauer. Sind es sechs Monate wie bei den Verliebten oder vielleicht auch länger, jedenfalls wird die Euphorie abflauen, der Alltag wieder einkehren. Dann gilt es, wahrzunehmen, dass auch weiterhin noch Schritte geschehen, die näher zu Jesus bringen, auch wenn sie kleiner sind.
  • Die Tiefe der Liebe Gottes erfahren wir in Krisenzeiten. Für mich sind Krisen besonders intensive Zeiten, in denen ich Gott erlebe. Sei es, dass ich von Menschen enttäuscht bin, mich alleingelassen, missverstanden oder ausgebremst fühle. Sei es, dass ich das Beste gewollt habe und einfach nichts bewirken konnte. Sei es, dass Lebensführungen mich ins Dunkel bringen. Eigentlich zweifele ich in solchen Zeiten, ob Jesus mir wirklich zur Seite steht. Und dann kommen meistens kleine Zeichen seiner Liebe, Lichtstrahlen aus dem wolkenverhangenen Himmel, Anrufe von lieben Menschen, die mir sagen: Jesus sieht deine Not. Er fühlt sie mit. Er ist bei dir und lässt dich nicht hängen. Vertraue ihm.
  • Die Breite der Liebe Gottes zeigt mir, dass seine Liebe nicht nur mir und einem eingegrenzten Personenkreis gilt, sondern weiterreicht. Sie dringt auch zu den Menschen, mit denen ich im Alltag eher weniger zu tun habe, zu der Nachbarin, zu der Frau an der Kasse, zum Sitznachbarn in der Bahn, zu dem, den ich eigentlich schon abgehakt habe. Die Liebe Gottes weitet meinen Blick und schickt mich los. Ich bin nicht Mutter Theresa, aber sie hat das Gleiche nur in groß erlebt, wusste, dass die Liebe Gottes sie zu den Armen in Kalkutta schicken wollte. Und sie ist gegangen. Die Breite von Gottes Liebe lässt mich leben nach dem Motto: Alle sind Gott willkommen und deshalb auch mir.
  • Die Länge der Liebe Gottes erstreckt sich über ein ganzes Menschenleben. Ich werde durch wunderbare und durch dürre Zeiten getragen. Ich darf mich fallen lassen und erlebe, wie mir wieder aufgeholfen wird. Gott hat um mich, einen einzelnen Baum mit Wurzel, einen ganzen Wald gepflanzt, der mir Schutz gibt und mir Nährstoffe schenkt. Dieser Wald ist die Gemeinde, die für mich betet, mich ermutigt, nachfragt und unterstützt – natürlich nicht alle auf einmal, aber immer irgendjemand, den Gott mir in gerade dieser Situation zur Seite stellt.
3. Die Fülle der Liebe Gottes leben
Die Pendel-Uhr ist aufgezogen, sodass sie weiterlaufen kann. Bei der Uhr ist es klar, was nun passiert, die Zeiger bewegen sich, die Uhr schlägt zur vollen Stunde. Wie sieht das bei uns aus? Was bewirkt innere Stärke bei uns? Ich erlebe es bei mir so, dass ich eine Hoffnung in mir trage, die allem, was dagegen spricht, mit einem festen „Dennoch“ antworten kann. Die Lebenssituation muss nicht aussichtslos sein. Es gibt einen Weg, den Gott zeigen wird. Die zerbrochene Beziehung muss nicht das Ende der Liebe im Leben bedeuten. Gottes Wege der Liebe sind oft verworren, aber führen zur Heilung. Der Mensch, der mir so übel mitspielt, wird seine Waffen nicht auf Dauer gegen mich richten können, denn Jesus stellt sich dazwischen, das hat er versprochen.

Paulus Fürbitte gilt auch uns. Wollen wir sie uns persönlich zusagen lassen? Dann können wir unsere Herzen und Hände öffnen, dass Gott uns erfüllen kann. Er wird unsere Wurzeln stärken, er wird dafür sorgen, dass wir seine Liebe hoch, tief, breit und lang erfahren. Und er wird uns soviel Fülle schenken, dass wir davon austeilen können.

Gott, der unendlich viel mehr an uns tun kann, als wir uns jemals erbitten oder überhaupt nur ausdenken können – so groß ist die Kraft, die in uns wirkt -, diesem Gott sei die Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus für alle Generationen in alle Ewigkeit. Amen.“ (Epheser 3,20-21)

Cornelia Trick


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