In einem kleinen Apfel ...
Gottesdienst am 30.09.2001

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
bevor die Industrie und die Banken in Frankfurt Einzug hielten und zunehmend mehr Leute Wohnraum in und um die Großstadt suchten, war Neuenhain noch ein kleines Nest. Man lebte hier mehr schlecht als recht, die Grundstücke waren mit Bäumen bewachsen und kaum einer wird daran gedacht haben, dass seine Streuobstwiesen einmal zu waren Goldadern werden könnten. Das vorherrschende Obst, von dem die Bauern lebten, waren Äpfel. Und noch heute kann man sie bei jedem Hof zur Hauptsaison kaufen. Nicht nur die Äpfel selbst wurden zur typischen Frucht Neuenhains, auch alle Stufen der Weiterverarbeitung, der Apfelsaft und der Apfelwein erfreuten sich großer Beliebtheit und sind heute noch fest im Ort verankert. So ist es nicht verwunderlich, dass der für diese Gegend so typische Apfel Äpfelauch heute bei unserem Erntedankfest im Mittelpunkt steht. Wir wollen ihn nach allen Seiten beleuchten und genau hinsehen, ob er uns Wichtiges über unser eigenes Leben zu sagen hat.

Gehen wir einmal davon aus, dass der Apfel ein Sinnbild für unsere Existenz sein könnte. So heißt es dann "Ich bin ein Apfel". Stellen Sie sich einmal vor, welcher Apfel Sie sein könnten, ein besonders schöner, reifer, ein etwas mickriger, ein saurer oder ein süßer, ein roter oder eher ein blasser, ein angeschlagener oder ein noch unreifer? Vielleicht müssen Sie dazu auch erst Ihren Nachbarn befragen. Schließlich hat der ja den objektiveren Blick von außen, Sie kennen sich sicher besser in Ihren inneren Werten aus.

Die Aussage "Ich bin ein Apfel" setzt etwas ganz Entscheidendes voraus. Sie sind keine Kartoffel. Denn Kartoffeln sind etwas grundsätzlich anderes. Dabei möchte ich nicht so sehr auf die Biologie eingehen, sondern nur das Erscheinungsbild betrachten. Ein Apfel hängt am Baum. Er ist durch einen dünnen Stiel mit dem Ast verbunden. Scheinbar hat er keine Bodenhaftung mehr. Die Kartoffel dagegen wächst in der Erde. Sie bildet starke Wurzeln aus, die sogar keimen, wenn die Kartoffel längst im Keller liegt. Apfel und Kartoffel scheinen Gegensätze zu sein - in der Luft hängend oder ganz fest am Boden verwurzelt. 

So könnte man sagen, die Kartoffel steht für Leute, die mit beiden Beinen auf dem Boden stehen, die mit ganzer Kraft arbeiten und meinen, ihr Leben hier und heute in den Griff zu bekommen. Aber sie können noch so arbeiten und Wurzeln entwickeln, sie werden keine Äpfel. Die Äpfel könnten für Leute stehen, die ihre Kraft von oben beziehen, aus Gott. Sie haben nur diese scheinbar dünne Verbindung zum Ast. Sie bilden keine Wurzeln, die dünne Verbindung hält sie.

Sagen Sie also von sich "Ich bin ein Apfel", dann haben Sie irgendwann einmal in Ihrem Leben erfahren, dass Gott sie gerufen hat, dass er genau Sie an seinem Apfelbaum haben will. Dann haben Sie auf Gottes Werbung geantwortet und gesagt: "Ja, ich will an deinem Baum sein, ich will zu dir gehören, ich will mit Jesus Christus verbunden sein." Das war wie eine neue Geburt, wie ein radikaler Wechsel von einer erdbehafteten Kartoffel zu einem luftigen Apfel. Christ zu sein ist eine radikal neue Lebensweise mit neuer Orientierung und neuer Perspektive. Um uns das wieder neu ins Gedächtnis zu rufen, feiern wir heute Erntedank, ein Fest um Gott zu danken für die neue Verbindung zu Jesus Christus und alle Folgen, die das in unserem Leben hat.

Jesus Christus hat sich selbst einmal verglichen mit einem Weinstock, in Jesu Umwelt das Pendant zu unserem Apfelbaum. Er sagte:

Johannes 15,5-8

Ich bin der Weinstock und ihr seid die Reben. Wer mit mir verbunden bleibt, so wie ich mit ihm, bringt reiche Frucht. Denn ohne mich könnt ihr nichts ausrichten.  Wer nicht mit mir vereint bleibt, wird wie eine abgeschnittene Rebe fortgeworfen und vertrocknet. Solche Reben werden gesammelt und ins Feuer geworfen, wo sie verbrennen. Wenn ihr mit mir vereint bleibt und meine Worte in euch lebendig sind, könnt ihr den Vater um alles bitten, was ihr wollt, und ihr werdet es bekommen. Die Herrlichkeit meines Vaters wird ja dadurch sichtbar, dass ihr reiche Frucht bringt und euch so als meine Jünger erweist.

Übertragen auf den Apfelbaum: Jesus sagt: "Ich bin der Apfelbaum und ihr seid die Äpfel. Wer mit mir verbunden bleibt, so wie ich mit ihm, bringt reiche Frucht. Denn ohne mich könnt ihr nichts ausrichten..."

Eindrücklich macht Jesus deutlich, dass alles davon abhängt, mit ihm in Kontakt zu sein und zu bleiben. Wer meint, diese Verbindung kappen zu können, hat keine Zukunft. Es ist wie wenn der Apfel im Juni vom Baum fällt. Er ist nicht ausgereift und wird schnell vergammeln. Aber unser Verhalten gleicht manchmal einem solch ungeduldigen Apfel. Der Start war gut, doch dann wird man träge. Der Faden, der mit Jesus zusammenhält, wird lockerer, die Kraft für den Alltag reicht nicht mehr aus. Da versucht man mit eigener Kraft die Probleme wieder in den Griff zu bekommen, statt die Verbindung nach oben zu suchen. Es ist so, als wenn eine Kartoffel am Apfelbaum hinge. Eigentlich will sie wieder in die Erde, zurück zu dem Leben, das eigentlich hinter ihr liegt. Doch macht Jesus deutlich, er möchte uns einladen, die Chance zu ergreifen und die Verbindung zu ihm zu suchen.

Dieser innigen Gemeinschaft ist zugesagt "was ihr bittet, werdet ihr empfangen". Und das ist mehr als ein Gebetsautomat, der mechanisch das Erbetene ausspuckt. Das bedeutet Lebensgemeinschaft, eins werden im Wollen und eins werden im Tun. Wenn wir in dieser Lebensgemeinschaft Jesus um etwas bitten, werden wir es im Einklang mit ihm tun. Und er wird uns erhören und antworten. Vielleicht nicht immer so, wie wir es uns vorstellen. Aber so, dass wir es ihm abnehmen können und in der Antwort seine Handschrift erkennen können. Die Lebensgemeinschaft mit Jesus wird wohl durch nichts so deutlich wie durch das Gebetsleben. Jesus ist ganz aktives Gegenüber, er hört und antwortet, er beeinflusst und korrigiert, aber er schenkt auch, oft mehr als wir erbeten haben.

Nach den Terroranschlägen auf New York und Washington taten sich unzählige Menschen zum Gebet zusammen. Sie waren Christen oder sie wollten mit Christen zusammen die Nähe Gottes spüren. Sie suchten Trost und Gemeinschaft, eine Anbindung nach oben, die Sinn in das Grauen brachte. So haben wir es in unseren Gebetskreisen auch erlebt. Am Abend des 11. September konnten wir nur unsere ganze Hilflosigkeit, unser Entsetzen, unsere Fassungslosigkeit zum Ausdruck bringen. Wir hatten aus uns heraus keine Antworten parat. Doch wir erlebten in diesen Stunden die Nähe Jesu, seinen Trost, sein Licht im Dunkel des Tages. Am nächsten Tag erzählte mir meine amerikanische Nachbarin von der gleichen Erfahrung. Auch sie fand im Reden mit Jesus Christus Trost. Auch sie ließ sich von ihm Antwort geben. Zwar reichte diese Antwort nicht, um das ganze Geschehen zu deuten. Aber sie reicht für heute und morgen. Jesus ist da und er hält auch in den Abgründen eines Terroraktes. Er war bei den Menschen in den Flugzeugen und in den einstürzenden Gebäuden. Wohl dem, der diese Verbindung nach oben hatte und ihn in all dem Schrecken hören konnte.

Bleiben wir aber nicht nur dabei, dass ein Apfel durch den Stiel mit dem Baum verbunden ist. Denn in seine eigentliche Aufgabe wächst der Apfel erst langsam herein. Er ist dazu da, schmackhaft zu werden, Vitamine zu spenden. Er ist vor allem dazu da, mit seinen Kernen neue Apfelbäume auszusäen. Die Aufgabe, die der Christ, der zu Jesus Christus gehört, bekommt, heißt den Alltag zu bestehen. Es geht nicht um einzelne gute Taten, etwa so: ein Christ streitet nicht, klaut nicht, schnappt seinem Freund nicht die Frau weg, ein Christ ist liebevoll, vergibt, trägt älteren Herrschaften die Taschen, ist im Büro der Depp, weil er immer freiwillig zurücksteckt... Die einzelnen Taten sind es nicht, die das Christsein ausmachen. Die einzelnen Taten kann jede und jeder tun, als Apfel und als Kartoffel. Jesus geht es darum, dass wir uns grundsätzlich verhalten wie es ihm entspricht.

Im Johannesevangelium ist dieses Verhalten mit dem Wort Liebe beschrieben. Wir sollen Liebe, die wir von Jesus bekommen, an unsere Schwestern und Brüder in der Gemeinde verschenken. Und diese Liebe wird Leute in unserer Umgebung anziehen und sie aufmerksam auf Jesus machen.

Hier ist es schon spannend innezuhalten. Kommen wir unserer Aufgabe nach und sind wir in der Gemeinde durch ein Netz der Liebe verbunden? Wir können uns selbst prüfen und uns neue Bereitschaft und Offenheit füreinander schenken lassen. Die Liebe, von der Jesus hier redet, entsteht im Kopf. Liebevolle Gedanken sind erst mal unabhängig vom Gefühl. Aber sie setzen Gefühle in Gang. Jemand, an den ich regelmäßig denke, der beginnt mich zu interessieren, an dessen Leben will ich Anteil haben, der wird mir zunehmend wichtiger.

Gehen wir jetzt noch einen Schritt weiter. Angenommen, wir haben hier ein gutes Netzwerk der Liebe. Wie soll das jemand mitbekommen, der außen an der Kirche vorbeiläuft? Wie sollen das unsere Kollegen im Geschäft mitbekommen, die Mitschüler in der Klasse, die Nachbarn, die wir heute Mittag wieder im Vorbeigehen grüßen? Für sie ist Gemeinde oft eine fremde Welt. Und solange wir uns im Alltag wie sie verhalten, merken sie nicht, dass uns ein ganz besonderes Netzwerk hält. Ich meine, wir können die Gemeinde hier als ein Übungsfeld für unseren Alltag sehen. Wir üben hier ein, uns in der Kraft Jesu Christi zu begegnen. Denn was wir hier lernen, nehmen wir mit in die Woche. Die Leute, mit denen wir zu tun haben, kennen unsere Gemeinde vielleicht nicht. Aber sie profitieren von dem, was wir hier lernen. Ich denke an unsere Gebetskreise und Gebetsgemeinschaften. Sie geben uns ungeheure Kraft und haben Auswirkungen auf unseren Alltag. Wir lernen durch Gebet und Fürbitte, dass wir zu allen Zeiten mit Gottes Gegenwart rechnen können. Das macht uns gelassen und zuversichtlich in den Problemen, die über uns fallen. Und wenn es im Betrieb zu einem Konflikt kommt, werden die Kollegen das Gottvertrauen spüren können. Wir üben uns in der Gemeinde ein, einander beim Last Tragen zu helfen. Auch das hat Auswirkungen. Denn es gibt immer wieder Menschen auch außerhalb der Gemeinde, die unsere Hilfe brauchen. Wer das Mittragen geübt hat, tut sich beim Helfen leichter. Wir feiern in der Gemeinde die Feste, wie sie fallen – so auch heute das Erntedankfest. Und die Freude geht mit in den Montag. Wenn andere frustriert ihre Arbeit wieder aufnehmen, haben wir noch das schöne Erlebnis im Herzen, dass es ein Fest ist, zu Jesus zu gehören und diese Festfreude nie aufhören wird. Weil wir in der Gemeinde uns gesagt sein lassen, dass Jesus uns angenommen hat, wie wir sind, werden wir bei den Lästerrunden der Nachbarn nicht mitmachen. Vielleicht macht es den Nachbarn dann auch keinen Spaß mehr. In der Gemeinde machen wir uns oft Gedanken, dass unser Zentrum Jesus ist. Da spricht man dann mit Bekannten über die Großwetterlage und den drohenden Krieg. Was ist der Sinn hinter allem? Wie gut, dass Gemeindeleute eine Antwort haben und auf ihr Zentrum des Lebens hinweisen können. 

Ich habe nur einige Beispiele aufgezeigt, wie wir Christen Frucht bringen können. Übungsfeld ist die Gemeinde, aber bei ihr sollten wir nicht stehen bleiben. Die Frucht ist für die Welt bestimmt. Da gilt es, neue Äpfel zu säen, Leute einzuladen, mit Jesus zu leben.

Sie können einwenden, dass nicht jeder Apfel schmackhaft wird und gute Samen hervor bringt. Manche Äpfel werden faulig, ein Wurm nistet sich ein, Schimmelpilze befallen ihn. Ist das Schicksal? Ich meine nicht. Denn es gibt einen Gärtner, der sich um seinen Apfelbaum und jeden einzelnen Apfel liebevoll kümmert. Gott ist der Gärtner. Er tut alles, dass der Apfel zu voller Frucht heranreift. Er bewahrt vor Schimmel und Fäulnis und er verjagt die Würmer. Er holt sie sogar heraus, wenn sie schon tief in den Apfel eingedrungen sind.

Doch der Gärtner Gott lässt den Apfel mitbestimmen. Er drängt sich mit seiner Pflege nicht auf. Er verordnet keine Spritzkuren. Er wartet, bis der Apfel sich für seine Pflege öffnet. Wenn er signalisiert: Ich brauche Schutz. 

Signalisieren wir unserem Gott, dass wir Schutz und Pflege brauchen noch bevor der Wurm drin ist? Ich denke an unsere Freizeitbeschäftigungen. Sind es Tätigkeiten, die uns bei Gott halten oder lenken sie uns von ihm ab? Und wenn wir uns lieber ablenken lassen, wundert es uns dann, wenn unser Leben irgendwie braune Stellen bekommt? Ich frage mich auch, welche Themen in unserem Herzen den größten Platz einnehmen. Kreisen wir mehr um das Haben- Wollen oder um das Sein in Christus? Bitten wir Gott um neue Liebe in unseren Freundschaften, unseren Ehen? Oder warten wir, dass der andere, die andere die Initiative zur Veränderung ergreift? Und wundern wir uns dann, wenn die Ehe langsam in die Jahre kommt und an Vitalität verliert?

Wir hören heute neu die Zusage Jesu: "Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht."

  • Jesus tut alles für uns, er gibt uns, was wir zum Leben brauchen.
  • Er möchte uns schützen vor Würmern und Schimmel, dass wir nicht frühzeitig absterben und unsere Bestimmung verlieren.
  • Er sorgt sich sogar dann um uns, wenn der Wurm schon drin ist. Das ist der Grund, warum Jesus die Mühseligen und Beladenen zu sich ruft, Sünde vergibt und Kranke heilt.
  • Er will, dass die Kerne in uns reifen und neue Christen gewonnen werden. Mit unserer Art und unseren Erfahrungen wirken wir ansteckend. Weil Jesus in uns ist, können wir die Umgebung verändern.
Erntedank ist Einladung, uns Jesus anzuvertrauen. Er hält uns. Das macht dankbar und froh. Als Dankbare können wir voller Freude wachsen, weitergeben und ermutigen.
Cornelia Trick


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