Gottes Trost (Jesaja 66,13)
Gottesdienst am 10.1.2016 in Brombach

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
als ich das erste Mal die Jahreslosung für dieses Jahr las: "Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet", kamen unterschiedliche Gedanken in mir hoch. Zum einen fühlte ich mich in ein Wellness-Hotel versetzt. Glaube als warmer Pool, gedämpftes Licht, Eingewickelt-Werden in wärmende Tücher. Ich vermisste die Aufgabenstellung. Sollte nicht von der Jahreslosung ein Impuls ausgehen, der uns losschickt, um unsere Aufgaben im neuen Jahr anzupacken? Zum anderen krochen Befürchtungen in mir hoch. Wird es so ein hartes Jahr, dass wir Gottes Trösten jeden Tag vor Augen brauchen?

Vor knapp drei Wochen sah ich dann die ersten Entwürfe von Jahreslosung 2016Johannes Fritz und Bernd Müller zu unserem Banner in der Kirche, das wieder ein Jahr lang die Jahreslosung im Gottesdienstraum lebendig halten wird. Ja, diesen Trost, wie ihn Johannes und Bernd in Szene gesetzt haben, will ich gerne für ein ganzes Jahr haben. Rot-goldene Tücher fließen und kommen unten zusammen, als wollten sie mich einhüllen. Sie entspringen dem Dreieck, Symbol für den dreieinigen Gott. Sie umspielen das Kreuz Jesu, das im Hintergrund angedeutet ist. Da ist einer, der mich im Leiden versteht, der selbst Todesqualen durchlitten hat und mich herausführen kann. Die Farben der Tücher signalisieren rot für die Liebe, mit der mich Gott liebt, und goldfarben, dass Gottes Trost wertvoll, nicht billig ist, er bei mir bleibt, treu und beständig ist.

Das Thema Trost scheint auf ein Urbedürfnis von uns Menschen zu reagieren. Der Säugling schreit in der Wiege, ein sterbender alter Mensch sucht nach der tröstenden Hand, die ihn hält. Der zur Welt kommt und der aus der Welt geht, braucht Trost. Und auch in der Zeit dazwischen können wir uns nicht selbst trösten, werden wir immer wieder eine Hand brauchen, die zufasst und uns festhält. Unsere Trostbedürftigkeit lässt uns offen für Hilfe sein, offen für das Evangelium, für Jesus, den Trost der ganzen Welt, wie es in dem Adventslied „O Heiland reiß die Himmel auf“ heißt. 
Die Jahreslosung 2016 greift dies auf:

Jesaja 66,13

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Im Zusammenhang des Jesajabuches spricht Jesaja seinen Leuten Mut zu. Sie sind aus der babylonischen Gefangenschaft heimgekehrt und hatten erwartet, dass nun Gottes Heilszeit anbräche, alles sich zum Guten wende und endlich Friede wäre. Doch schon bald wurden sie desillusioniert. Ihr Traum zerplatzte. Trümmer, Unlust, ein Gefühl der Gottverlassenheit und attraktivere Götter der Babylonier brachten sie ganz schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. Jesaja nun erinnert an Gottes Zusagen. Heil und Heilung werden bestimmt kommen. Der Friede wird wie ein Strom fließen, Reichtum wie ein voller, reißender Bach. Gott tröstet sein Volk und streicht ihm liebevoll über den Kopf. Er flüstert ihm ins Ohr: „Alles wird wieder gut!“

Die Zusage des Trostes blieb nicht auf Jesaja beschränkt, immer wieder wird sie in der Bibel aufgegriffen, so auch von Paulus im 2. Korinther 1,3-5. Dort sagt Paulus, dass Gott sich über seine Menschen erbarmt und deshalb der Gott alles Trostes ist. Das Johannesevangelium bezeichnet  den Heiligen Geist als den Tröster, der in der Zeit, in der Jesus wieder beim Vater ist, die Gemeinde trösten und ihr Jesu Nähe vermitteln wird. Genauso wie zur Zeit Jesajas und des Neuen Testaments ist auch heute Trost von Gott nötig.

Gottes mütterlicher Trost

Jesaja kämpfte für den einen Gott im Gegensatz zu den vielen Göttern, an die man in Babylon glaubte. Er forderte, dem einen Gott, der sich in der Geschichte als der Lebendige erwiesen hatte, zu vertrauen. Die Babylonier verteilten göttliche Eigenschaften auf viele Götter. Für jedes Bedürfnis gab es den entsprechenden Gott. Jesaja stellte fest, dass der eine Gott alle diese Eigenschaften in sich versammelte. Gott hat Kraft und Stärke, eher männliche Eigenschaften, aber genauso auch Barmherzigkeit, Güte und Liebe, eher weibliche Eigenschaften. Wie wir Frauen nicht nur weibliche Eigenschaften haben, sondern je nach Ausprägung auch ganz schön stark und mächtig sein können, so ist in Gott beides ausgewogen vorhanden. Dies ist wichtig, denn der eine Gott kennt keine Beschränkungen. 

In unserer Jahreslosung wird wohl ganz bewusst die weibliche Seite Gottes herausgestrichen, Gott tröstet wie eine Mutter. Wenn wir diesem Bild einen Augenblick nachhängen, werden uns Urbilder dieses mütterlichen Trostes kommen. Innig tröstet die Mutter, weil sie uns lebenslang kennt und genau beobachtet. Sie weiß um unsere seelische Not, bevor wir es selbst wissen. Wir müssen nicht viel sagen, brauchen uns nur an sie kuscheln, auf ihrem Schoß ist immer ein Platz für uns.

Dieses Urbild stimmt nicht unbedingt mit der Realität, wie wir unsere Mütter erlebt haben, überein. Ich bin jedenfalls nicht so eine Mutter, die immer tröstet und genau weiß, was mein Kind fühlt. Ich kann auch einfach genervt die Tür zumachen, weil ich denke, nicht schon wieder!  Als ich mit einer Bekannten über mütterlichen Trost sprach, erzählte sie: „Wenn ich mit blutenden Knien nach Hause kam, tröstete mich meine Mutter nicht, sondern schimpfte, dass meine Strumpfhose schon wieder kaputt war, wir hatten früher nicht viel Geld.“ Ja, da finde ich mich wieder. So ist das mit uns Müttern, unser Blick auf die Kinder ist durchaus beschränkt. In unserer Seele jedoch bewahren wir offenbar ein Bild auf, das über jede reale Mutter hinaus auf Gott weist.

Die Mutter, wie wir sie in unserem Urbild sehen, hält die Familie zusammen. Wenn Kinder miteinander kämpfen oder streiten, wird sie eingreifen und schlichten. Sie hat einen Blick für jedes Kind und bemüht sich, dass nicht immer die Stärkeren siegen

Die Mutter korrigiert. Sie wird nicht immer nur Pflaster auf die Seele kleben, sondern auch nachfragen, warum es zu der Not gekommen ist. Sie wird die Optik zurechtrücken, meinen Anteil am Leid thematisieren und auch die Beweggründe des Angreifers erklären. Sie wird unterscheiden können, ob ich mich in Selbstmitleid bade oder echtes Leid trage.

Wenn sie mir die Perspektive wieder zurechtgerückt hat, wird mich die Mutter ermutigen, wieder aufzustehen. Sie zeigt auf Jesus. Er ist auferstanden und zieht mich mit ins Leben, weg vom mütterlichen Schoß. Das Leiden ist längst angezählt, es wird überwunden werden. Und bis dahin ist Jesus, der Sieger, an meiner Seite.

Gottes Trost im Heiligen Geist

Jesus sagte seinen Jüngern zu, dass er ihnen den Heiligen Geist nach seiner Auferstehung schicken wird. Der Heilige Geist ist Jesu Stellvertreter und sein lebendiger Zuspruch. Wir werden durch den Heiligen Geist getröstet, denn er weiß wie eine Mutter, was wir brauchen. Er hält uns in der Gemeinde zusammen und schenkt uns Frieden. Er korrigiert und ermutigt uns, nach Niederlagen, Rückschlägen, Krankheiten und Verletzungen wieder aufzustehen und ins Leben zurückzukehren.

Die Gemeinde ist Trostgemeinschaft, die vom Trost Gottes lebt und ihn weitergibt. Hier können wir den Tröster herbeirufen, ihm unser Leid klagen, unsere Bitten vorbringen, gemeinsam beten. Hier werden wir in besonderer Weise hingewiesen, Frieden zu halten und das Beste füreinander im Sinn zu haben. Hier werden wir korrigiert: Wir stehen nicht im Mittelpunkt des Universums, da sind noch andere, und auch sie haben Bedürfnisse. Hier ist der Ort der Ermutigung. Jesus zieht uns mit sich an die Aufgaben, die er uns aufgetragen hat. Gemeinsam können wir sie bewältigen.

Das neue Jahr

Wir haben das Banner nun ein ganzes Jahr vor Augen. Gott in seinem Sohn und durch den Heiligen Geist durchströmt uns mit Liebe und Treue. Wir sind nicht allein, Jesus ist dabei. Wir werden von seinem Trost umhüllt wie auf einem Mutterschoß. So gestärkt können wir den Alltag anpacken und die Segensströme rot für Liebe und goldfarben für Treue weiterfließen lassen ins neue Jahr.

Als Trostgemeinschaft und Tröstende werden wir in unserem Umfeld auch an Grenzen stoßen. Da ist es gut zu wissen, dass der, der uns tröstet, auch da wirkt, wo wir es nicht mehr können.

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott.(2. Korinther 1,3-4)

Cornelia Trick


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