Gottes Geschichte und Menschengeschichte
Gottesdienst am 18.03.2007

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
"Was hat Gott mit meinem Leben zu tun?", so fragte mich ein Gast beim Frühlingsfest der Lazarus-Wohnsitzlosenhilfe, als wir ins Gespräch über den christlichen Glauben kamen. "Ich glaube nicht, dass Gott sich in die Geschichte einmischt. Er lässt uns unseren freien Willen und kümmert sich nicht weiter um das Ergebnis." Wir haben uns dann noch eine Weile über andere Themen unterhalten, aber mich hat seine Frage nicht losgelassen. Wie kommen Gottes Geschichte und Menschengeschichte zusammen?

Dabei ist mir eine Szene in Erinnerung gekommen. Eine Kindergruppe saß auf dem Boden, jedes Kind hatte einen Stapel Eisenbahnschienen vor sich und sollte einen Streckenabschnitt bauen. Die Kinder waren noch klein, so war die Streckenführung eher spontan und zufällig, nicht durchdacht und zusammen abgesprochen. Die einzelnen Schienengebilde Gleisewurden dann auch recht wirr und mussten erst von uns Erwachsenen zusammen gesetzt werden. Wir legten fest, wo Anfang und Ziel im Raum sein sollten und fügten die Teile zusammen, sodass ein Zug auch mit einigen Zusatzschleifen irgendwann am Zielpunkt ankommen konnte.

Menschengeschichte hat viel gemeinsam mit solchen wirren Streckenabschnitten. Manche von uns überschätzen sich und meinen, sie könnten mit ihren paar Schienen schon zum Ziel kommen. Andere kapitulieren gleich und sagen sich, dass sie sowieso nichts Sinnvolles mit ihren paar Schienen zur Gesamtstrecke beitragen können. Wieder andere legen gelangweilt und gleichgültig zwei, drei Schienen hin und kümmern sich nicht weiter um die Aufgabe.

Doch Gott hat die ganze Zeit Anfangs- und Zielpunkt im Auge. Er fügt jeden einzelnen Streckenabschnitt so ins Ganze, dass er zum Ziel führt. Er lässt Umwege und Schleifen zu, aber zeigt immer einen Ausweg an, der weiterführt. Oft erst im Nachhinein können wir seine ordnende und kreative Hand entdecken, die die Menschengeschichte nicht abwertet, sondern einbaut und umbaut, um seine Geschichte auch auf krummen Wegen gerade zu schreiben.

Besonders spannend wird es, wenn Gottes- und Menschengeschichte unmittelbar aufeinander treffen, Gottes Hand sichtbar die Schienen verlegt und versetzt, um seine Streckenführung voranzubringen. Jesus als Sohn Gottes steht für dieses sichtbare Eingreifen. Ich bin auf eine Szene gestoßen, die sich in Jerusalem kurz vor Jesu Tod abspielte. Nicht eine Kindergruppe baute Schienen, sondern der Hohe Rat überlegte, was er mit Jesus machen sollte.

Johannes 11,47-53

Da  versammelten die Hohenpriester und die Pharisäer den Hohen Rat und sprachen: Was tun wir? Dieser Mensch tut viele Zeichen. Lassen wir ihn so, dann werden sie alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns Land und Leute. Einer aber von ihnen, Kaiphas, der in dem Jahr Hoherpriester war, sprach zu ihnen: Ihr wisst nichts; ihr bedenkt auch nicht: Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe. Das sagte er aber nicht von sich aus, sondern weil er in dem Jahr Hoherpriester war, weissagte er. Denn Jesus sollte sterben für das Volk, und nicht für das Volk allein, sondern auch, um die  verstreuten Kinder Gottes  zusammenzubringen. Von dem Tage an war es für sie beschlossen, dass sie ihn töteten.

Wie es zur Sitzung des Hohen Rates gekommen war ...

Jesus war unterwegs ins Ostjordanland. Der Boden in Jerusalem wurde heiß für ihn, beinahe wäre er schon gesteinigt worden. Doch seine Zeit war noch nicht gekommen, er hatte seinen Auftrag von Gott her noch nicht erfüllt. Unterwegs traf ihn die Nachricht, dass sein Freund Lazarus in Bethanien sehr krank geworden war. Die Schwestern von Lazarus ließen ihn rufen mit der nachdrücklichen Erinnerung: Du hast doch Lazarus lieb! Ja, Jesus hatte Lazarus lieb. Er brach seine Reise ab und blieb erstmal zwei Tage an dem Ort, an dem ihn die Nachricht erreicht hatte. Wir wissen nicht, was er an diesen beiden Tagen tat. Nahe liegt die Annahme, dass er auf Weisungen Gottes wartete, nicht selbst entschied, was als Nächstes zu tun war, sich nicht überstürzt zu etwas hinreißen ließ, das das Schienennetz Gottes durcheinander gebracht hätte.

Nach zwei Tagen kehrte er um und lief wieder nach Bethanien in Richtung Jerusalem, wo sie ihn steinigen wollten. Jesus wurde für Lazarus zu einem Todgeweihten. Er riskierte für Lazarus sein Leben, warf es in die Waagschale, um Lazarus zu retten. Wenn die Schwestern ihn auch mit dem Vorwurf empfingen "Wärst du hier gewesen ...!", so machte er durch seine Umkehr deutlich, dass er die ganze Zeit bei ihnen gewesen ist, dass ihn das Leid und der Tod des Lazarus so berührten, dass er sich selbst für Lazarus in Todesgefahr brachte.

Die Auferweckung des toten Lazarus ließ den Blick frei werden für Gottes Bauplan des Schienennetzes. Jesus begab sich in Todesgefahr, um die zu retten, die er liebte. Jesus würde sterben und auferstehen, um über dieses Leben hinaus ewiges Leben zu schenken, das durch keinen Tod mehr begrenzt sein würde.

... Die Sitzung des Hohen Rates ...

Die führenden Leute Jerusalems kamen zusammen, nachdem sie alarmierende Nachrichten bekommen hatten. Jesus hatte Lazarus vom Tod auferweckt, und viele glaubten an ihn. Die einflussreichen Leute fürchteten, dass es zu einem Aufruhr im Volk kommen würde. Die Römer, die das Land besetzten, würden den Aufstand niederschlagen, die führende Oberschicht entmachten und sie ihrer Privilegien berauben. Sie fürchteten um sich und sicher in zweiter Linie auch um das Volk. Ihr Schreckensszenario sollte sich 70 nach Christus bewahrheiten, als die Römer den jüdischen Aufstand niederschlugen, den Tempel zerstörten und Jerusalem vollständig unter ihre Kontrolle brachten.

So war der Rat des Kaiphas nur folgerichtig: "Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe." Der Hohe Rat legte die Schienen nach seinen menschlichen Gesichtspunkten. Gottes Planung und Geschichtsschreibung waren nicht im Blick. Obwohl man von religiös Gelehrten hätte erwarten können, dass sie die Propheten kannten, die voraussagten, dass der Knecht Gottes die Sünde der Welt tragen sollte, um Heilung in die Welt zu tragen, waren die Pharisäer und Schriftgelehrten für diese Sicht blind. 

Anders Gottes Perspektive. Das menschliche Urteil Kaiphas wurde zu einer prophetischen Ansage. Jesus sollte sterben, um nicht nur das Volk Israel zu retten, sondern alle Kinder Gottes in seine Gemeinschaft zu rufen. Kaiphas hatte politisch kalkuliert und abgewogen, aber Gott hatte sein Urteil genau in seinen Plan eingepasst und mit dem Urteil des Hohen Rates seine Geschichte weiter geschrieben. Jesu Tod war kein menschliches (Fehl-) Urteil, sondern Gottes Wille.

Lazarus war Initiator des Todesurteils auf menschlicher Ebene, aber er hatte nicht Schuld an Jesu Tod. Lazarus wurde zum Urbild des Menschen, über den sich Gott in Jesus Christus erbarmt, krank zum Tode, getrennt von Jesus, sehnsüchtig wartend auf dessen Hilfe. Jesus erbarmt sich über den Lazarus-Menschen, er stirbt für ihn, um ihn zu retten und heil werden zu lassen.

... Befiehl du deine Wege ...

Wer bin ich? Ein Mensch wie Lazarus, der krank liegt, der schreit: Jesus, hilf mir? Ein Mensch wie die Schwestern am Grab, die Jesus vorwerfen: "Wärst du hier gewesen!" und auf eine andere Art hilfsbedürftig sind? Ein Mensch wie Kaiphas, der seine Schienen legt, als ob es keinen göttlichen Bauplan gäbe und alles von meinem Kalkül abhängt, dabei aber doch voller Angst, was werden wird?

Ich möchte mich an dem Bauplan Gottes orientieren, den Jesus seinen Jüngern offen gelegt hat. Ich entdecke, dass Jesus davon sprach, wie sich Kriege, Naturkatastrophen mehren werden, wie wir unfähig sein werden, auf Dauer dem etwas entgegen zu setzen. Ich höre, dass Jesus versprochen hat, wieder zu kommen, um Gericht über diese Welt zu halten und die Seinen zu sich zu nehmen. Ich erfahre auch, dass ich in der Zwischenzeit die Aufgabe habe, mich fest an Jesus zu binden, in seinem Sinn zu leben und den Alltag mit seiner Hilfe getrost anzupacken, um Salz und Licht in der Welt zu sein.

Gottes Geschichte ist auch für mein kleines Leben wichtig, dass ich meine Schienen auf ihn ausrichte, es bewusst tue und zu seiner Ehre lebe.

Der Liederdichter Paul Gerhard, der am 12.03.07 seinen 400. Geburtstag feierte, gibt mit seinem berühmten Kirchenlied Anleitung dazu: 
"Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann." Dieses 12-strophige Lied soll Paul Gerhard gedichtet haben, als seine Frau nichts mehr zum Kochen hatte und im ganzen Haus nach einem Kreuzer suchte, um Mehl kaufen zu können. Er dichtete es im Gartenhaus mit dem Versprechen, dass er eine Speise besorgen würde, die nicht mehr vergeht. Nach menschlichem Ermessen war sein Leben in eine tiefe Krise geraten, nicht nur in dieser Hungerstunde, auch später nach dem Tod von 4 Kindern, dem Tod seiner Frau, einem Amtsenthebungsverfahren als Pfarrer und 30 Jahren blutigem Krieg. Doch über diesen menschlichen Schienen, die nur in Sackgassen zu führen schienen, erkannte Paul Gerhard Gottes Geschichte. "Befiehl du deine Wege ..." gewährt einen Blick auf die Geschichte Gottes mit Paul Gerhardt, aber auch die Geschichte Gottes mit uns heute als Lazarusse, Schwestern eines Lazarus oder Machthabende, die Angst um sich selbst haben. Das Lied vertont Psalm 37,5  "Befiehl du deine Wege und hoffe auf ihn. Er wird’s wohl machen."

Das Lebensmotto steckt in der 2. Strophe: "Dem Herren musst du trauen, wenn dir´s soll wohlergehn; auf sein Werk musst du schauen, wenn dein Werk soll bestehn. Mit Sorgen und mit Grämen und mit selbsteigner Pein lässt Gott sich gar nichts nehmen, es muss erbeten sein." Statt auf meine Sorgen zu achten, sie zum Mittelpunkt meiner Gedanken und Planungen werden zu lassen, werde ich aufgefordert, meinen Blick zu Gott zu heben, der mich liebt. Ihn kann ich bitten, dass er mir das Ziel zeigt, das auch für mein Leben gilt. Die eigenen Sorgen lassen mich nur unaufhörliche Kreisverkehre bauen.

Die 5. Strophe bringt die Spannung zu Ausdruck, der ich ausgesetzt bin: "Und ob gleich alle Teufel hier wollten widerstehn, so wird doch ohne Zweifel Gott nicht zurücke gehen; was er sich vorgenommen und was er haben will, das muss doch endlich kommen zu seinem Zweck und Ziel." Ganz klar wird mir zugesagt, dass Gott sich gegen alles Widergöttliche durchsetzen wird. Der Teufel kann seine Schienen zwar legen, aber den Zielort für diese Schienen bestimmt Gott. Jesus wird mir beistehen, wenn ich die Schienenführung nicht verstehe, er wird mich wie einst Lazarus aus der Kummerhöhle (Strophe 6) rufen. Es kann aus meiner Perspektive dauern, bis er mir hilft (Strophe 9) vielleicht vier Tage wie bei Lazarus, vielleicht 4 Jahre. Doch seine Hilfe kommt, oft da "wo du´s am mindsten glaubst" (Strophe 10). Seine Hilfe ist verbunden mit der Befreiung von Last, mit Vergebung, Heilung, mit einem wieder aufrechten Gang. Und statt von Last gebeugt in der Kummerhöhle zu sitzen, darf ich Palmzweige halten, die den Messias verkündigen, Jesus Christus, der auferstanden ist, um mich zu retten (Strophe 11).

Gott kümmert sich um uns Menschen. Jesus Christus steht für das Erbarmen Gottes, der sich unserer wirren Schienenführungen angenommen hat, um sie auf sein Ziel hin zu lenken. Wir wissen mehr als Kaiphas und seine Kollegen damals. Wir wissen, worauf es ankommt: Jesus zu vertrauen, ihm unsere Wege anzubefehlen und voller Glauben neue Wege zu gehen, die auf sein Ziel hin führen.

So ist die letzte Strophe des Liedes von Paul Gerhard eine Bitte um den Segen des Gottes, der sich in unsere Geschichte einmischt, weil er uns lieb hat: "Mach End, o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not, stärk unsre Füß und Hände und lass bis in den Tod uns allzeit deiner Pflege und Treu empfohlen sein, so gehen unsre Wege gewiss zum Himmel ein."

1. Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt, der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt! Der Wolken, Luft und Winden, gibt Wege, Lauf und Bahn, er wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.
2. Dem Herren musst du trauen, wenn dir’s soll wohlergehn; auf sein Werk musst du schauen, wenn dein Werk soll bestehn. Mit Sorgen und mit Grämen und mit selbsteigner Pein lässt Gott sich gar nichts nehmen, es muss erbeten sein.
3. Dein’ ew’ge Treu’ und Gnade, o Vater, weiß und sieht, was gut sei oder schade dem sterblichen Geblüt; und was du dann erlesen, das treibst du, starker Held, und bringst zum Stand und Wesen, was deinem Rat gefällt.
4. Weg’ hast du allerwegen, an Mitteln fehlt dir’s nicht; dein Tun ist lauter Segen, dein Gang ist lauter Licht, dein Werk kann niemand hindern, dein’ Arbeit darf nicht ruhn, wenn du, was deinen Kindern ersprießlich ist, willst tun.
5. Und ob gleich alle Teufel hier wollten widerstehn, so wird doch ohne Zweifel Gott nicht zurücke gehn; Was er sich vorgenommen, und was er haben will, das muss doch endlich kommen zu seinem Zweck und Ziel.
6. Hoff, o du arme Seele, Hoff und sei unverzagt! Gott wird dich aus der Höhle, da dich der Kummer plagt, mit großen Gnaden rücken; erwarte nur die Zeit, so wirst du schon erblicken die Sonn’ der schönsten Freud’.
7. Auf, auf, gib deinem Schmerze und Sorgen gute Nacht! Lass fahren, was dein Herze betrübt und traurig macht! Bist du doch nicht Regente, der alles führen soll; Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl.
8. Ihn, ihn lass tun und walten, er ist ein weiser Fürst. Und wird sich so verhalten, dass du dich wundern wirst, wenn er, wie ihm gebühret, mit wunderbarem Rat die Sach’ hinausgeführet, die dich bekümmert hat.
9. Er wird zwar eine Weile mit seinem Trost verziehn und tun an seinem Teile, als hätt’ in seinem Sinn er deiner sich begeben, und sollt’st du für und für in Angst und Nöten schweben, frag’ er doch nichts nach dir.
10. Wird’s aber sich befinden, dass du ihm treu verbleibst so wird er dich entbinden, da du’s am mind’sten gläubst; er wird dein Herze lösen von der so schweren Last, die du zu keinem Bösen bisher getragen hast.
11. Wohl dir, du Kind der Treue! Du hast und trägst davon mit Ruhm und Dankgeschreie den Sieg und Ehrenkron’. Gott gibt dir selbst die Palmen in deine rechte Hand, und du singst Freudenpsalmen dem, der dein Leid gewandt.
12. Mach End’, o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not, stärk unsre Füß’ und Hände und lass bis in den Tod uns allzeit deiner Pflege und Treu’ empfohlen sein, so gehen unsre Wege gewiss zum Himmel ein. Paul Gerhard (1653)

Cornelia Trick


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