Gott und Arbeit (Römer 12,14-18)
Gottesdienst am 1.5.2016 in Brombach

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
der erste Mai fällt dieses Jahr auf einen Sonntag. Arbeitnehmer stöhnen: ein Feiertag weniger. Was hätte man doch an diesem zusätzlichen freien Tag alles machen können, die Wohnung renovieren, wegfahren und eine Auszeit nehmen, ins Grüne gehen und das Maigrün in die Seele aufnehmen. Manche hat das Gefühl, bestohlen worden zu sein. Vielleicht ist das Zusammenfallen des Tags der Arbeit mit dem Sonntag aber auch eine gute Gelegenheit für Christen, die Verbindung von Arbeit und Gott zu betrachten. So kann der Glaube in den Arbeitsalltag hineinwirken und ihn verändern. Dabei habe ich alle Arten von Arbeit vor Augen, die bezahlte, die ehrenamtliche und die tägliche Arbeit, die jede und jeder von uns zu tun hat.

Gott und Arbeit in der Bibel
Arbeit gehört nach biblischem Zeugnis zu unserem Leben. Adam und Eva bekamen im Paradies eine Arbeitsanweisung. Sie sollten den Garten bebauen und für ihn sorgen. Der Garten Eden musste gepflegt werden, das übernahm keine externe Gartenbau-Firma. Am Abend eines jeden Tages war Ausruhen angesagt. Da kam Gott zu Besuch, lief durch den Garten und redete mit Adam und Eva wahrscheinlich über ihre Tageserlebnisse, vielleicht über den Ertrag der Bäume und des Ackers und die weiteren Planungen. Eine Art Dienstbesprechung zwischen Gott und seinen Menschen.

Nach dem Sündenfall änderte sich nicht die Arbeit, weiterhin waren sie als Bauern tätig, sondern die Bedingungen, unter denen Adam und Eva nun arbeiten mussten. Dornen und Disteln wuchsen nun auf dem Feld, und Steine mussten nun schweißtreibend aus der Erde geholt werden.

Arbeit, so lernen wir es auf den ersten Seiten der Bibel, ist für uns Menschen selbstverständlich. Wir haben unsere Fähigkeiten bekommen, um sie tun zu können. Wir brauchen Arbeit. Sie gibt uns Sinn und einen Rahmen für unseren Alltag. Sie fordert uns, dass wir uns entwickeln können. Auf der Couch würden wir verkümmern. Sie lässt uns Teamwork lernen, denn manches können wir nicht allein bewegen. Wir spüren, dass wir auf andere angewiesen sind und Ergänzung brauchen. Arbeit ist gut für unsere Welt. Mit ihr gestalten wir sie. 

Doch wir sehnen uns zurück nach Paradies-Arbeit: Pflanzen in lockerem Boden, Fische fangen ohne frustrierende leere Netze wie bei Petrus. Wir wollen Früchte unserer Arbeit ernten, nicht Dornen und Disteln beackern. Wir wollen in einem gut funktionierenden Team arbeiten, nicht in tödlicher Konkurrenz wie Kain und Abel. Wir wollen am Abend eines Arbeitstages von Gott gelobt werden und nicht von ihm hören, dass wir es mal wieder mit der Arbeit an der falschen Stelle übertrieben haben wie Martha im Gegensatz zu ihrer SchwesterMaria. 

Arbeit, so eine alte Vorstellung, ist ein Karren, den wir hinter uns herziehen. Daher kommt auch unser Ausdruck „Karriere“. Wir ziehen die Arbeit hinter uns her, manche steil nach oben, dann sagen wir: „Der hat Karriere gemacht.“ Und das ist eine sehr schweißtreibende Angelegenheit. Manchmal auf recht ebener Bahn, dann reden wir von einer Karriere, die nicht so richtig zum Fliegen kommt. Manchmal auch bergab, dann hängt uns die Arbeit in den Fersen und treibt uns dem Abgrund zu.

Welche Rolle spielt nun Gott dabei? Ist er unser Arbeitgeber, der uns sagt: „Zieh deinen Karren immer weiter und höre ja nie damit auf“ oder ist er unser Vater im Himmel, der uns väterlich und mütterlich als seine Kinder liebt? Ist er wie Eltern zu ihren Kindern, wird er wollen, dass wir unser Leben eigenverantwortlich führen und Freude bei der Arbeit haben, weil sie unseren Gaben und Möglichkeiten entspricht. Er wird uns nicht als seine billigen Arbeitskräfte sehen, die seine Wünsche erfüllen. Gott liebt uns, und er schenkt uns Arbeit, weil er weiß, dass wir sie brauchen. Der Arbeits-Karren, den wir hinter uns herziehen, soll uns nicht in den Abgrund schieben und auch nicht zum Herzinfarkt führen. Er ist eher ein Anhänger voller Blumensamen, die wir auf unserem Lebensweg verteilen können, egal, ob der Lebensweg nach oben führt oder durch manche Schluchten.

Wir müssen dazu nicht alle Sozialarbeiter oder Sozialarbeiterinnen werden, obwohl das natürlich ein idealer Beruf ist, um Gottes Liebe in diese Welt zu säen. Es braucht für dieses Säen alle mögliche Arbeit und sehr viel unbezahlte Arbeit, allen voran die Familienarbeit.

Gott lässt uns mit unserem Karren nicht orientierungslos auf den Wegen des Lebens umherirren. Er gibt uns einen Kompass mit, den Jesus im Doppelgebot der Liebe zusammenfasste: Gott sollen wir lieben und unsere Nächsten wie uns selbst. Daraus entstehen Anfragen an unser Arbeiten:

  • Dient meine Arbeit Gott? Ehrt sie ihn, und freut er sich darüber?
  • Dient meine Arbeit mir selbst? Kann ich mich in die Richtung entwickeln, die Gott mit mir vorhat? Lockt sie Gutes aus mir hervor? Hilft sie mir, meinen Platz in der Gesellschaft einzunehmen?
  • Dient die Arbeit meinen Nächsten? Wer hat etwas von meinem Arbeiten?
Zum Geldverdienen arbeitete ich einige Monate in der Waschküche eines Pflegeheims. Rückblickend stelle ich diese drei Fragen an meinen Job damals und bekomme Antworten. Ja, die Arbeit ehrte Gott. Ich hatte manche Gespräche über ihn mit Kolleginnen. Ich hatte Zeit für meine ehrenamtlichen Aufgaben in der Gemeinde, ich konnte mich sinnvoll in Gottes Welt einbringen. Ja, die Arbeit diente mir. Sie erweiterte meine Fähigkeiten – seitdem kann ich Hemden zusammenlegen – ungemein. Sie erweiterte auch meine Sozialkompetenz und ließ mich viele Wochen fröhlich zur Arbeit radeln. Ja, diese Arbeit diente definitiv meinen Nächsten. Sie bekamen gebügelte Hemden und saubere Bettbezüge, und die Kolleginnen konnte ich etwas entlasten.

Das war ein sehr einfaches Beispiel, an dem die drei Fragen leicht durchzubuchstabieren waren. Aber auch viel kompliziertere Arbeitssituationen können sich so hinterfragen lassen. Es hakt da, wo wir mit unserem Arbeiten gegen Gott anrennen, z.B. indem wir Ruhezeiten missachten, lügen, töten oder in anderer Weise gegen seine Lebensregeln verstoßen. Es hakt, wo wir gegen uns selbst arbeiten. Statt uns zu entwickeln, lassen wir uns begrenzen, Schmerz, Zerstörung und das Gefühl der Ausbeutung sind die Folgen. Es hakt, wo wir gegen unsere Nächsten handeln zum Schaden für sie. Ein Bankangestellter erzählte mir, wie er gezwungen war, Kunden möglichst viele Kapitalanlagen schmackhaft zu machen. Er hielt das nicht aus und empfand sich zunehmend als Betrüger. Er hat inzwischen die Stelle gewechselt.

Solche Stolpersteine sind Alarmsignale. Wir müssen diesen Karren nicht weiterziehen, bis er uns überrollt. Wir können Gottes Nähe suchen und ihn bitten, uns vor einen anderen Karren zu spannen, der das enthält, was Gott säen will.

Eine alte Mönchsregel der Benediktiner heißt „Ora et labora“ – bete und arbeite. Beide Pole sind wichtig. Im Beten werden wir eingestimmt auf Gottes Weg für uns. Er ist die Kraftquelle zum Aushalten und zum Verändern. 

Konkrete Verhaltenstipps – auch für die Arbeit

Römer 12,14-18

Wünscht denen, die euch verfolgen, Gutes. Segnet sie, anstatt sie zu verfluchen. Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Traurigen. Seid alle miteinander auf Einigkeit bedacht. Strebt nicht hoch hinaus, sondern haltet Gemeinschaft mit den Verachteten. Verlasst euch nicht auf eure eigene Klugheit. Wenn euch jemand Unrecht tut, dann zahlt es niemals mit gleicher Münze heim. Seid darauf bedacht, vor den Augen aller Menschen bestehen zu können. So weit es möglich ist und auf euch ankommt, lebt mit allen in Frieden.

Dieser Abschnitt gibt Verhaltenstipps für den Umgang in der Gemeinde und der Gemeindeleute mit ihrer Umgebung. Von daher scheint es erlaubt, diese Vorschläge auch auf die konkrete Arbeitswelt zu beziehen.

1 In Konfrontation segnen
Harte Verhandlungen, Ungerechtigkeit, man fühlt sich über den Tisch gezogen, wer kennt da nicht den Impuls zu kündigen oder dreinzuschlagen. Hier wird uns anbefohlen zu segnen. Wir sollen unsere Kontrahenten Gott anbefehlen. Wir können Gott zutrauen, dass er Herzen wandelt und Wege erschließt. Vielleicht sollen wir in diesem Arbeitsumfeld bleiben und aushalten, vielleicht uns dort für Veränderung stark machen. Vielleicht sollen wir gehen. Auf Gottes Signale gilt es zu achten. Auf keinen Fall sollten wir persönlich in den Rache-Feldzug ziehen. Für Gerechtigkeit zu sorgen, ist Gottes Sache. Voraussetzung des Segnens ist, Segen von Gott zu empfangen. Das geht nur – bildlich gesprochen – an der Ladestation unserer Gottesbeziehung, dem Gebet.

2 Im Miteinander einfühlend sein
Mitfreude und Mittrauern bedeutet, wir nehmen am persönlichen Ergehen unserer Kollegen, Kolleginnen und Nachbarn Anteil. Welcher Kollege braucht uns gerade? Wem können wir die Tür öffnen, dass Gottes Liebe ihn erreichen kann? Wen können wir so begleiten wie Jesus die Emmausjünger, als sie voller Trauer von dem gekreuzigten Herrn erzählten?

3 Bei der Arbeit mit gutem Beispiel vorangehen
Bei jeder Arbeit, ob zuhause, im Beruf oder im Miteinander, gibt es Arbeiten, die undankbar sind. Bei einer Freizeit, an der ich mehrfach teilnahm, ist es der Küchendienst. Jeder muss da mal mitmachen, nur die Leiter nicht. Ja, kann man sagen, die arbeiten ja sonst immer. Aber für die Gruppe ist das das Signal, die sind sich dafür zu schade. Wir drücken uns auch, wo wir können. Welche undankbaren Aufgaben gibt es bei Ihrer täglichen Arbeit? Was wäre, wenn Sie die gerne täten, bevor eine andere sich dazu aufraffen kann?

4 Sich nicht auf die eigene Kompetenz verlassen
Johann Sebastian Bach signierte alle seine beeindruckenden Kompositionen mit dem Kürzel SDG, Soli Deo Gloria, Gott allein die Ehre. Er brachte damit zum Ausdruck, dass nicht er sich den Ruhm auf die Brust heftet, sondern ihn Gott weiterreicht. Wir können nicht jeden Arbeitserfolg mit SDG signieren. Aber wir können einen kleinen Dank zum Himmel schicken: „Danke, dass Du das möglich gemacht hast. Danke für Deine Unterstützung.“ Das gilt nicht nur für die geschafften Projekte, sondern auch im Vorfeld, denn in jeder Herausforderung steckt die Bitte: „Lass dieses Projekt Hinweis auf Dich sein und zeig Deine Größe!“

5 Gleiches nicht mit Gleichem vergelten
Wie leicht lassen wir uns in die Spirale Wie-du-mir-so-ich-dir hineinziehen. Jemand redet schlecht über mich, und ich verbreite das bei allen meinen Kollegen. Stattdessen wäre es besser, das schlechte Gerede zu ignorieren, dem Verursacher freundlich zu begegnen und im stillen Kämmerchen meinen Ärger mit Gott zu besprechen. Da nämlich wird die Wut verpuffen, und langsam werden sich Wege des Friedens zeigen. 

6 Mit allen in Frieden leben
Natürlich können wir nicht mit jemand im Frieden leben, der Streit will. Aber wir können auf manche Spitze mit Humor reagieren. Der andere hat vielleicht einen schlechten Tag, oder sie hat Probleme zu Hause und lässt sie an mir aus. Ich kann darüber stehen, denn der Friede bei der Arbeit ist wichtiger als dass ich recht habe. Manchmal hilft der Spiegel-Test. Ich schaue in den Spiegel und frage mich: „Wäre ich gerne meine Kollegin? Bin ich denn freundlich, berechenbar, verlässlich, verschwiegen, hilfsbereit und teamfähig?“ Und wenn ich merke, dass es da durchaus noch Luft nach oben gibt, kann ich an mir arbeiten und so meinen Beitrag zum Frieden leisten.

Gott und Arbeit stehen in Beziehung. Wir sollten nicht Sonntagabend einen Taucheranzug anziehen und die Woche über versuchen, unseren Glauben möglichst trocken ins nächste Wochenende zu retten. Das wäre schade. Denn der Alltag will von unserem Glauben durchdrungen werden. Wir wachsen an den Herausforderungen. Wir haben Jesus und seine Kraft nötig, und wir freuen uns, wenn wir Früchte ernten können, die auf Gott hinweisen.

Cornelia Trick


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