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Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
Ein Bild seines Auftrags malte Matthias Grünewald im 16. Jahrhundert für den Isenheimer Altar. Auf der ersten Schauseite des Altars ist die Kreuzigungsszene abgebildet. Jesus hängt am Kreuz, links von ihm wird seine Mutter Maria von dem Lieblingsjünger gehalten, zu Jesu Füßen kauert Maria Magdalena, rechts von Jesus steht ganz allein Johannes der Täufer. Er trägt die Heilige Schrift in der Hand, die die prophetischen Aussagen über Jesus symbolisiert. Zu Johannes Füßen sieht man ein Lamm mit dem Kreuzzeichen, es steht für das Gottesknechtslied Jesaja 53, das Jesu stellvertretenden Tod für uns Menschen zum Ausdruck bringt. ![]() Schon als Kind faszinierte mich an dieser Täuferdarstellung dessen überproportionaler Zeigefinger, der direkt auf Jesus zeigt. Im Hintergrund steht die Kernaussage Johannes über Jesus in lateinischer Sprache „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ (Illum oportet crescere me autem minui) (Johannes 3,30) Johannes der Täufer ist untrennbar mit Jesus verbunden. Er ist Vorläufer und Wegbereiter, ein Adventsmensch. Ihm kommen wir heute näher und hören seine Adventsbotschaft. Lukas 3,1-2 Gott spricht zu Johannes Dass Johannes wie ein Eremit in der Wüste lebte, ein Kamelhaar-Gewand trug und sich von Heuschrecken und Honig ernährte, überliefern uns die Evangelien übereinstimmend. Als Adventsmensch zeichnet er sich durch seine hörende und wartende Haltung aus. Um Gottes Botschaft zu hören, ist er beiseite getreten, hat er sich der Stille ausgesetzt. Wie man in der Adventszeit fastet(e), um sich auf Jesu Kommen vorzubereiten, so tat es Johannes in der Wüste. Vielleicht ist das ein
erstes Einhaken wert. Um Gottes Wort zu hören, ist es notwendig, beiseite
zu treten, die Stille aufzusuchen, sich leer zu machen, um Neues aufnehmen
zu können. Manchmal nimmt uns eine Krankheit beiseite, ist unsere
persönliche Wüste. Wir werden aus dem Hamsterrad des Alltags
gerissen, können selbst nicht mehr machen und erfahren, wie Gott an
uns handelt, zu uns redet, mit uns neu anfängt. Warum erst warten,
bis wir so gewaltsam in die Wüste getrieben werden? Jemand erzählte
mir vor ein paar Tagen, wie während des Schneechaos der Fernseher
tot blieb und er erstaunliche Gespräche führen konnte. Der Fernseher
hat ja eigentlich einen Aus-Knopf, also müssten wir nicht auf Schnee
warten, um einen freien Abend für die Seele zu bekommen. Merkwürdig,
dass wir den so selten finden.
Lukas 3,3-9 Da sprach Johannes zu der Menge, die hinausging, um sich von ihm taufen zu lassen: Ihr Schlangenbrut, wer hat denn euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße; und nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken. Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Johannes predigt Nach Ostern und Pfingsten wissen wir, dass wir letztlich die Sünde in unserem Leben nie selbst wegräumen können. Das Unkraut in unserem Herzen wächst gleich wieder nach. Jesus ist der einzige, der die Sünde besiegt hat, und nur mit ihm können wir frei werden. Sein Heiliger Geist macht uns fähig, die Steine möglichst dauerhaft aus dem Weg geräumt zu lassen, das Unkraut dauerhaft zu besiegen. Doch warum brauchen wir dann überhaupt die Adventspredigt des Johannes, wenn wir doch Jesus haben? Mir ist an einem Alltagsbeispiel der letzten Wochen etwas klar geworden. Wir hatten etliche Möbel zu entsorgen. Klar war, allein schaffen wir es nicht, sie sind viel zu schwer für zwei. Manche wussten darum und boten Hilfe an. Aber eigentlich wollte ich die Hilfe nicht annehmen, sah, dass die anderen doch genug mit sich selbst zu tun hatten und auch nicht so stabile Wirbelsäulen besaßen. So blieben die Möbel wochenlang im Weg stehen. Nichts tat sich. Nur ein Wort meinerseits hätte genügt und fünf Leute hätten mit angepackt – wie das dann schließlich auch geschah. Und sie halfen gerne, wir hatten an dem Abend großen Spaß miteinander. Welche „Möbel“ stehen bei uns im Advent 2010 im Weg? Ist es der Kleinglaube, der Gott nur das zutraut, was man selbst schafft? Ist es der Hochmut, der meint, alles selbst am besten zu regeln? Ist es die geistliche Armut, dass man sich mit christlichen Worthülsen zufrieden gibt und keinen Bedarf hat, die Hülsen mit Leben zu füllen? Sind es Erschöpfung und Kraftlosigkeit, dass man vom Alltag so gerädert ist, dass nichts mehr geht? Wenn Sie auch nur einen klitzekleinen Berg entdecken, der dem kommenden Herrn im Weg steht, dann ist dieser Berg Anlass, Gott zu bitten, beim Aufräumen zu helfen. Er wird es gerne tun und Ihnen vielleicht auch 5 Leute schicken, die mit anpacken – gerne! Johannes redet die Leute, die zu ihm in die Wüste gepilgert sind, nicht mit „liebe Gemeinde“ an, sondern mit „Schlangenbrut, Otterngezücht“. Wir hören Lokalkolorit. In der Jordansenke gab es damals Giftschlangen, wie Ausgrabungen belegen. Die Leute wussten, dass Schlangen lebensbedrohlich waren. Johannes fasst die Zuhörenden hart an. Er macht ihnen deutlich, dass sie sich trotz Herkunft nicht sicher sein können, dass Gott zu ihnen steht. Wie ein Baum nicht nach den Wurzeln, sondern nach den Früchten beurteilt wird, so wird Gott auf die Früchte schauen und eventuell nichts finden. Wird der wiederkommende Jesus Früchte in unserem Leben finden? Wir haben von Jesus gelernt, dass Früchte nur wachsen können, wenn wir bei Jesus bleiben, er uns durchströmt, unser Leben bestimmt, uns an die Hand nimmt. Lassen wir das zu? Können überhaupt Früchte wachsen? Der Unterschied von der lieben Gemeinde und der Schlangenbrut ist ein ganz einfacher: Die liebe Gemeinde lebt von Christus und wagt sich mit ihm hinein in diese Welt. Sie lässt sich von ihm senden zu Menschen, die Jesus noch nicht kennen. Die Schlangenbrut dreht sich um sich selbst, um die eigenen Interessen, um das eigene Gemütlich-Sein. Wir stehen wahrscheinlich immer in der Gefahr, bequem zu werden, deshalb brauchen auch wir Christen Adventspredigten, um uns infrage stellen zu lassen, um unsere „heiligen Kühe“ zu erkennen, um bereit zu werden, Gottes Aufträge anzunehmen. Lukas 3,10-14 Johannes führt Beichtgespräche Johannes sprach sehr persönlich zu den Fragenden. Er verlangte von ihnen nicht das Unmögliche, Außergewöhnliche, sondern lediglich einen gerechten Ausgleich, wie es schon die Gesetzesordnung des alten Israel vorschrieb. Er wandte sich gegen Habgier und Gewalt, die sich gegen den Nächsten richtete. Erst Jesus befreit zu mehr. Von Jesus hören wir, dass wer um seinen Rock gebeten wird, auch noch den Mantel dazugeben soll, dass der Zöllner seinen Beruf aufgeben soll und die Friedfertigen selig sind. Johannes ist Vorbote Jesu. Er weist darauf hin, die Hürden für Jesus aus dem Weg zu räumen, und dass es Sünde ist, Ungerechtigkeit durch eigenes Verhalten zu fördern. Welches Beichtgespräch führt Johannes mit uns? Wie bereitet er uns auf Weihnachten vor? Vielleicht gibt es Bereiche in unserem Leben, in denen wir nicht frei von Habgier, Gewalt und Neid sind. Wo wir uns geradezu davon angetrieben fühlen, dem anderen etwas zu neiden, mehr zu wollen, als uns zusteht oder aggressiv und unversöhnlich in Konflikten zu sein. Da setzt Johannes an. Wir werden eingeladen, diese Herzenshaltungen zu überdenken und um Vergebung zu bitten. So kann Jesus es in uns neu werden lassen. Später, als Johannes im Gefängnis sitzt, schickt er zwei seiner Vertrauten zu Jesus, um ihn zu fragen: „Bist du, der da kommen soll?“ Der große, gewisse, standhafte Johannes ist selbst Christus-bedürftig. Er ist selbst Fragender, Zweifelnder, Suchender. Er ist Zeuge in menschlicher Schwachheit. Auch er kann nur glauben, auch wenn Jesus alle Begleiterscheinungen des Messias aufzeigt. Keiner ist größer als Johannes, so sagt es Jesus über ihn, denn er ist der letzte Prophet vor Jesus, das endgültige Verbindungsglied von Gottes Zusage an Abraham zu Jesus. Aber er ist der Kleinste im Reich Gottes, denn er ist nur Vorläufer, Kreuzigung und Auferstehung hat er nicht mehr erlebt, die Ausgießung des Heiligen Geistes auf Jesu Gemeinde hat er nicht mehr erfahren. Auch wir können nur glauben, noch nicht schauen. Aber wir wissen, dass Jesus wirklich der Retter der Welt ist. Wir können unser Leben an ihn hängen und seinen Geist erfahren. Sich ihm anzuvertrauen, ist letztlich die einzige Chance, die Wege eben zu machen, aufzuräumen, Früchte zu bringen und Gott die Ehre zu geben. Ergreifen wir die Chance im Advent 2010? Cornelia
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