Gott sieht dich an
Gottesdienst am 12.09.2010

Liebe Gemeinde,
mit den Jugendlichen im Kirchlichen Unterricht haben wir gerade die Geschichte Israels mit seinem Volk erarbeitet. Wir legten einen roten Faden in unsere Mitte und sortierten die Ereignisse, die wir aus dem Alten Testament kannten, in chronologischer Reihenfolge an diesem roten Faden entlang. Der rote FadenDemnächst werden wir einen weiteren roten Faden mit einem stabilen Knoten anfügen. Der Knoten steht für Jesus Christus, der am Scheitelpunkt zwischen alt und neu steht. Er verbindet die alten Geschichten von damals mit den neuen Geschichten seit seiner Geburt. Er verbindet all die Menschen mit sich und dem alten Israel, die heute zu Gott gehören. Und der Faden läuft weiter, immer neue Leute werden in Gottes Geschichte mit dieser Welt eingebunden und dürfen diesem roten Faden in ihrem Leben vertrauen.

Wir taufen heute Oscar und stellen ihn damit in Gottes Geschichte hinein. Er ist durch die Taufe mit Jesus verbunden, er wird getragen von Gott und hat ein klares Woher und Wohin – er kommt aus Gottes Hand und er geht in Gottes Herrlichkeit, dazwischen hält ihn der rote Faden seines Lebens.

Als Eltern habt ihr für Oscar ein Merkwort aus der Bibel gewählt, das zu dem 1. roten Faden vor Jesu Geburt gehört. Ihr beschreibt mit dieser Wahl den großen Bogen der Geschichte Gottes, in die Oscar nun eingefügt wird:

1. Samuel 16,7

Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an. 

Der Prophet Samuel wurde von Gott beauftragt, einen neuen König für Israel zu salben. Für Samuel war es ein ungewöhnliches Vorhaben, denn der alte König Saul war noch im Amt. Doch Gott hatte ihm das Vertrauen entzogen, seine Tage waren gezählt. Um es nicht wie Putsch aussehen zu lassen, sollte der Prophet die Berufung des neuen Königs innerhalb einer Opfermahlfeier geschehen lassen. So ging Samuel nach Bethlehem und rief die Bewohner des Ortes und besonders Isai mit seiner Familie zur Feier ein, wie Gott es ihm befohlen hatte. Und wir merken, dass hier eine Herzgeschichte der Bibel erzählt wird: Bethlehem ist der Geburtsort von Jesus, des Retters der Welt. Als Samuel nach Bethlehem ging, begann ein wichtiger Wegabschnitt auf Gottes rotem Faden hin zu Jesus – der Vorfahr Jesu wurde zum König berufen am selben Ort, an dem Jesus später geboren werden sollte.

Samuel kam also nach Bethlehem mit einer Kuh, die er dort opfern sollte. Die Familie Isais erschien, und Samuel ließ sich nacheinander dessen Söhne vorstellen. Der Erstgeborene Eliab trat vor Samuel. Samuel muss sofort die Ähnlichkeit mit dem amtierenden Saul bemerkt haben, ein stattlicher Mann, der aussah, als ob er der geborene König wäre. Fast hätte er schon seine Salbölflasche ausgepackt, doch Gottes Stimme korrigierte ihn: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an." Nein, er sollte nicht Eliab salben, noch den Zweitgeborenen, Dritten, Vierten, Fünften, Sechsten oder Siebten. Ratlos wandte der Prophet sich wieder an den Vater Isai, ob es denn noch einen Sohn gäbe. „Ja“, erwiderte der, „draußen auf dem Feld, da hütet der Kleine die Schafe.“ Samuel versteht die Welt nicht mehr. Ein Teenager soll König werden? Ein Schafhirte ist ausersehen, Gottes Volk nach seinem Willen zu regieren? Doch so war es. Als der Hütejunge herbei kommt, sagt Gottes Stimme Samuel: „Der ist es!“

Gott sieht anders

Unser menschlicher Blick richtet sich normalerweise zuerst auf die Fassade, erst mit dem 2. oder 3. Blick schauen wir tiefer. Wenn Sie mich besuchen kommen, werden Sie feststellen, dass ich ein sehr ordnungsliebender Mensch bin und es aufgeräumt und sauber in meiner Wohnung ist. Ich rate Ihnen nur: Schauen Sie nie in meine Schränke! Da könnte der 1. Blick schnell widerlegt werden. Denn so sehr mir die Ordnung meiner Wohnung wichtig ist, so unwichtig sind mir die Innenansichten meiner Schränke und Schubladen. Doch weil wir Menschen so funktionieren, uns mit dem 1. Blick meistens begnügen, muss ich die Schränke nicht aufräumen, um den Eindruck zu vermitteln, ich sei ordentlich. 

Bei Gott ist es genau andersherum. Er interessiert sich nicht für die Fassaden, die äußere Ordnung und die gefegte Gasse vor dem Haus. Ihn interessiert zu allererst unser Innenleben, der Inhalt unserer Lebensschränke, die Inhalte unserer verkramten Erinnerungsschubladen. Er sieht auf uns mit diesem 2. Blick, weil er uns von Herzen lieb hat und sich deshalb nicht mit Äußerlichkeiten abspeisen lässt.

Eigentlich ist das ein unangenehmes Gefühl, dass Gott uns bis ins Innerste sieht und kennt, dass es keine noch so versteckten Ecken gibt, in denen wir unseren Müll lagern können. Doch ist in Bethlehem etwas Wunderbares geschehen. Gott stellte uns Jesus zur Seite, um diese Ecken aufzuräumen, Verletzungen zu heilen und Schuld zu entsorgen. Wir müssen uns nicht mehr wie Kaninchen im Käfig fühlen, die von allen Seiten begutachtet werden, sondern uns dem Freund Jesus anvertrauen, der uns hilft, Ordnung in unser Leben zu bringen und darin zu halten. 

Manche sagen, dass sie dann lieber nicht an Gott glauben wollen. Sie finden es einfacher, zu leben ohne den Einen, der in ihre Schubladen schaut. Sie brauchen keinen Jesus zum Aufräumen, weil sie das lieber selbst tun wollen. Doch ist das nicht ein Trugschluss? Können wir ohne Hilfe Ordnung ins Leben bringen?

Wir stecken zuhause gerade in einer Renovierungsphase, es muss ausgemistet werden. Wenn es keine Müllsäcke und keinen Sperrmüll gäbe, wäre das schlicht weg unmöglich. Wir würden alles nur umschichten, aber keine Luft zum Atmen mehr haben. Wir können ohne Gott und Jesus leben, klar. Aber wir werden unseren Müll nicht los. Es ist niemand da, der uns Schuld abnimmt, der Verletzungen heilt, der uns Mut macht, alte Geschichten abzustreifen und neu anzufangen. Es ist niemand da, der uns herausfordert, aus dem Schatten zu treten wie der Hütejunge David, und Verantwortung zu übernehmen. Wir bleiben dann einfach, wie wir sind.

Gott sieht anders. Er schaut durch unsere Fassaden hindurch. Das ist Rettung pur.

Gott sieht an

Wenn Gott einen Menschen ansieht, verändert er dadurch den Menschen. Dieser Blick ist zu vergleichen mit der Sonne. Wenn die Sonne eine Sonnenblume berührt, richtet sich ihre Blüte nach der Sonne aus. Die Blume wird von der Sonne angesehen und verändert sich.

Als David vor Samuel stand, öffnete er sein Herz für Gott. Er ließ Gottes Kraft und Liebe in sich hinein und wurde zu einem König nach Gottes Herzen. Er vertraute Gott und ließ sich von ihm führen. Das ging nicht ohne Irrwege und Sackgassen ab. Wer die Geschichte Davids kennt, weiß um die dunklen Kapitel in seiner Lebensgeschichte. Aber was ihn unterschied von vielen anderen Menschen seiner Zeit war, dass er sensibel für Gott war wie die Sonnenblume für die Sonne. Als ihm gute Freunde sagten, dass er völligen Mist gebaut hatte, kehrte er um, bereute aus tiefem Herzen und bat Gott um Vergebung. Er fuhr nicht wie ein Geisterfahrer immer weiter in die falsche Richtung bis zum Zusammenstoß, sondern fand den Weg zurück und wagte einen neuen Anfang. 

Dass Gott uns ansieht, ist lebensnotwendig. Nur so können wir uns auf Gott ausrichten und unser Leben nach seinem Willen gestalten. Gott sieht uns an in Jesus Christus. Vorhin hörten wir in der Lesung von Jesus, wie er die Kinder zu sich kommen ließ trotz Protesten seiner Mitarbeiter. Das ist Gottes Ansehen. Jesus sieht die Kinder und ihre Mütter an, er weiß, dass sie Segen, Ermutigung und Kraft Gottes brauchen. Trotz Widerstand ebnet er ihnen den Weg zum himmlischen Vater.

Gott sieht das Taufkind an

Gottes liebevoller Blick ruht auf Oscar, seit er ihn ins Leben gerufen hat. Jesus nimmt ihn an die Hand wie damals die Kinder. Er schenkt uns die Zeichenhandlung der Taufe, dass wir sichtbar und fühlbar wissen, Jesus sieht Oscar an. Jesus ist für Oscar in diese Welt gekommen, er ist für Oscar gestorben und für Oscar auferstanden. Jesus will Oscar auf den roten Faden der Geschichte Gottes mit seinen Menschen einfädeln und mit ihm durch das Leben gehen. Er will als Oscars bester und verlässlichster Freund beim Ordnung Halten und Aufräumen helfen, dass Oscar nie den Blick Gottes in sein Leben zu fürchten braucht. Jesus sagt Oscar zu: Gott ist mit dir! Du gehörst dazu! 

Gott sieht uns an

Oscar wird heute in die Gemeinde getauft. Er gehört nun zu unserer Gemeindefamilie. Und wie in jeder Familie tragen die Älteren Verantwortung für die Jüngeren, die Stärkeren für die Schwächeren. So werden wir uns heute als neue Familie Oscars verpflichten, ihn zu lieben mit der Liebe, die Jesus uns gelehrt hat und die wir von ihm erfahren. Wir verpflichten uns, Oscar Jesus lieb zu machen und ihm durch unser Vorbild Jesus zu zeigen. Wir werden ihm die gefährlichen Seiten des Lebens zeigen und ihn vor Abstürzen warnen. Nicht zuletzt werden wir ihm nachgehen, wenn er sich verlaufen hat wie das kleine verlorene Schaf im Gleichnis, das Jesus erzählte. Wir werden für ihn beten und ihn in das große Netz der Fürsorge Gottes einflechten, das ihn umgeben soll.

Oscars Taufe erinnert uns , dass auch wir auf diesen roten Faden Gottes gehören. Manche von uns sind schon lange dabei. Vielleicht ist gerade auf einem langen Weg das Ausmisten mit Jesus wieder mal nötig, dass Gott mit seiner Liebe auch in die dunklen Kramecken hinein kann. Manche von uns sind noch nicht solange mit dem roten Faden verbunden. Sie mögen ermutigt sein, Jesus zu vertrauen, der das Beste für sie will und sie weiterführen wird durch dieses Leben ins ewige Leben. Manche haben den Schritt vor sich. Sie fragen sich vielleicht, ob sie ohne Gott nicht bequemer durchs Leben kommen. Wer liebt schon Aufräumen! Aber ihnen sei gesagt, dass man am Müll ersticken kann und das kein schöner Tod ist. Also warum nicht schon rechtzeitig diesem Gott vertrauen, der uns nicht nach Äußerlichkeiten beurteilt, sondern nach unserer Offenheit für ihn? 

Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; Gott aber sieht das Herz an.“ 

Das gilt Oscar und uns, denen mit Vorzeige-Biographie, aber auch gerade denen, die ihre Kratzer im Lebenslauf haben. Gott sieht uns an und will uns in seine Richtung ziehen, hin zu Leben, Freude, Hoffnung und Liebe.
Er sagt uns zu: „Fürchte dich nicht! Ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“ (Jesaja 43,1)

Cornelia Trick


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