Gott gibt noch eine Chance
Gottesdienst am 21.09.2008

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
früh am Morgen schaue ich gewöhnlich zwei Informationsquellen an, die Nachrichten und die aktuelle Bibellese. In den Nachrichten höre ich derzeit hauptsächlich Katastrophenmeldungen mit großem Ausmaß. Auf den Wirbelsturm Gustav folgte Ike, auf den Flugzeugabsturz in Madrid der am Ural, die Bank Lehman Brothers machte Pleite und verseuchtes Milchpulver macht über 6000 Babys in China todkrank. Nach diesen Schreckensnachrichten lese ich den Propheten Jeremia. Seine Aussagen scheinen bei den Tagesereignissen aktueller denn je. Und ich frage mich unwillkürlich, ob beides nicht in Beziehung zueinander steht?

Jeremia erhielt als junger Mann den Auftrag von Gott, seinen Landsleuten das Gericht anzusagen. Sie hatten sich auf Bündnisse mit Nachbarn verlassen, ihre eigene Politik betrieben, ohne auf den lebendigen Gott zu achten, der sie doch führen und leiten wollte, seit sie aus Ägypten vor vielen hundert Jahren aufgebrochen waren. Gott berief Jeremia mit den Worten: „Ich lege meine Worte in deinen Mund: Von heute an hast du die Macht über Völker und Königreiche. Reiße aus und zerstöre, vernichte und verheere, baue auf und pflanze an!(Jeremia 1,10) Viermal wird Jeremia angewiesen zu zerstören, zweimal nur aufzubauen, deutlich betont Gott seinen Willen, dem Treiben des Volkes ohne ihn ein Ende zu bereiten.

Jeremia wirkte mit seiner Aufgabe allein gelassen. Seine einzige vertraute Quelle für Hilfe war Gott selbst. So wundert es nicht, dass von ihm im Jeremiabuch Gebete zu Gott formuliert sind, die seine Sehnsucht nach Flucht, seine Depression, auch Selbstmordgedanken zum Ausdruck bringen. Im 17. Kapitel des Buches ist ein solcher Hilferuf aufgezeichnet. Voller Vertrauen wandte sich Jeremia an Gott: „Heile du mich, Herr, so werde ich heil, hilf mir, so ist mir geholfen!“ (17,14) Doch gleich danach liest man, in welcher Zerreißprobe sich Jeremia mit dieser Bitte befand. Denn „sie sagen, wo bleibt denn das Unheil? Es soll doch kommen!“ So flehte Jeremia Gott an: „Lass doch das Unheil kommen, gib mir Recht!(17,18)

Wird Gott auf die Bitte des Jeremia eingehen, wird er es dem für ihn blinden Volk zeigen, wer ihr Gott ist, der sie lenken will und der ihr Vertrauen sucht? Gottes Antwort führt Jeremia ins Tal zu einem kleinen Fluss, an dem sich wohl Töpfer niedergelassen haben, die zur Tonverarbeitung das Wasser in ihrer Nähe brauchten.

Jeremia 18,1-12

Dies ist das Wort, das geschah vom HERRN zu Jeremia: Mach dich auf und geh hinab in des Töpfers Haus; dort will ich dich meine Worte hören lassen. Und ich ging hinab in des Töpfers Haus, und siehe, er arbeitete eben auf der Scheibe. Und der Topf, den er aus dem Ton machte, missriet ihm unter den Händen. Da machte er einen andern Topf daraus, wie es ihm gefiel. Da geschah des HERRN Wort zu mir: Kann ich nicht ebenso mit euch umgehen, ihr vom Hause Israel, wie dieser Töpfer? spricht der HERR. Siehe,  wie der Ton in des Töpfers Hand, so seid auch ihr vom Hause Israel in meiner Hand. Bald rede ich über ein Volk und Königreich, dass ich es ausreißen, einreißen und zerstören will; wenn es sich aber bekehrt von seiner Bosheit, gegen die ich rede, so  reut mich auch das Unheil, das ich ihm gedachte zu tun. Und bald rede ich über ein Volk und Königreich, dass ich es bauen und pflanzen will; wenn es aber tut, was mir missfällt, dass es meiner Stimme nicht gehorcht, so reut mich auch das Gute, das ich ihm verheißen hatte zu tun. Und nun sprich zu den Leuten in Juda und zu den Bürgern Jerusalems: So spricht der HERR: Siehe, ich bereite euch Unheil und habe gegen euch etwas im Sinn. So bekehrt euch doch, ein jeder von seinen bösen Wegen, und  bessert euern Wandel und euer Tun! Aber sie sprechen:  Daraus wird nichts! Wir wollen nach unsern Gedanken wandeln, und ein jeder soll tun nach seinem verstockten und bösen Herzen.

Der Töpfer

Gott schickt Jeremia ins Tal zum Töpfer, nahe am Fluss. Dort soll er hören, was Gott ihm zu sagen hat. 
  1. Gott kann mit Israel genauso umgehen, wie der Töpfer mit dem Ton, der ihn drückt, knetet, weich macht, ihn formt, dreht und gestaltet.
  2. Jeder einzelne Mensch ist Ton in des Schöpfers Hand. Der Schöpfer möchte uns nicht nur ins Leben rufen, um uns in irgendeinem Regal zu verstauen, sondern er will lebenslang an uns arbeiten, mit uns arbeiten, uns bei sich in der Werkstatt haben. Doch anders als der Ton in des Töpfers Hand gesteht Gott uns Menschen Freiheit zu, uns für die Hand Gottes an uns oder gegen diese Hand zu entscheiden.
  3. In der Töpferwerkstatt misslingen Gefäße, sei es, dass der Ton zu feucht oder trocken ist, sich darin grobe Brocken befinden, die sich der formenden Hand widersetzen, oder dass die Gefäße im Brennofen zerspringen. Das nahe gelegene so genannte Scherbentor war offenbar der Ort, an dem sich die misslungenen Werkstücke der Töpfer des Tals auftürmten. Es war für Jeremia der Ort des Gerichts, an dem Gott seine Absichten verdeutlichte, wie er mit misslungenen „Werkstücken“ umgehen wollte.
  4. Der Töpfer gibt sich nicht zufrieden mit dem misslungenen Werkstück. Er hofft darauf, dass sich der Mensch besinnen wird, wieder neu Gottes Gegenwart suchen wird. In dem Fall, so verspricht es Gott, wird er das Gefäß nicht zerbrechen und nicht auf den ScherbenhaufenScherbenhaufen werfen. Er wird aus dem Ton ein anderes Gefäß formen. Doch wenn sein Volk ihm dauerhaft nicht vertraut, wird er es aus seiner Werkstatt entlassen und dem Scherbenhaufen, dem Gericht übergeben.
  5. Gott erneuert den Auftrag an Jeremia: Predige Umkehr! Doch er sieht, worauf alles hinauslaufen wird. Trotz aller Bemühungen und Zusagen Gottes wird das Volk die eigenen Pläne verfolgen und entgegen Gottes Willen so handeln, wie es ihm gefällt. Den Aussagen des Jeremiabuches zufolge wurde das Südreich Israels mit der Metropole Jerusalem 587 v.Chr. von den Babyloniern zerstört, ein Teil der Bevölkerung deportiert und der Tempel zerstört. Gott suchte das Vertrauen seines Volkes, aber die religiösen Führer entschieden sich für ihre eigene Bündnispolitik und ihr eigenes Machtstreben. Das Jeremia-Buch endet mit dem Untergang, doch zeigen sich schon zwischen den Zeilen, die Gericht ankündigen, Heilsworte, die auf eine neue Zukunft weisen. Diese Heilsworte sehen wir im Nachhinein als Ansagen des Gottessohnes, der erst gut 500 Jahre später geboren werden sollte, doch Gottes Chance zur Umkehr universal und jeden Menschen betreffend zum Ausdruck bringt.
  6. Gericht und Evangelium: Der Töpfer, so das Gleichnis, von dem Jeremia lernen sollte, findet sich mit Gefäßen, die zerbrochen werden, nicht ab. Nachdem die Botschaft seiner Propheten wirkungslos geblieben war, schickt er seinen Sohn Jesus Christus. An ihm wird deutlich, was es heißt, sich ganz von Gottes Händen formen zu lassen. Er ist der, der an unserer Stelle verworfen wurde, obwohl an ihm kein Makel war. Er landet auf dem Scherbenhaufen, damit wir, die wir ihm vertrauen, das Gericht nicht am eigenen Leib ertragen müssen. Er stirbt für uns, auf dass wir leben können und von der Hand des Schöpfers und Töpfers geformt werden, wie er uns haben will. Durch seine Gegenwart werden wir fähig, bei Gott zu bleiben und uns seiner Hand nicht länger aus Trotz, falsch verstandenem Freiheitswillen oder Gleichgültigkeit zu widersetzen.
  7. Wir heute können das Wort „Umkehr“ mit neuer Zuversicht hören. Die Umkehr ist nicht mit eigenen Mitteln möglich, dazu ist der Zwang in uns zu groß, uns von den Händen Gottes unabhängig zu machen, unser Leben „in die eigenen Hände“ zu nehmen. Doch mit Jesus Christus ist ernsthafte Umkehr möglich, bevor es zu spät ist. Im Kirchlichen Unterricht (Konfirmandenunterricht) behandelten wir letzte Woche das Thema „Umkehr“. Denn Umkehr war das Motto Jesu: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium(Markus 1,15) Wie lässt sich das ernsthafte Umkehren konkret machen? Was bedeutet es im ganz normalen Leben, so dass nicht einfach ein Etikett „Umkehr“ auf das alte Leben geklebt wird, ohne dass sich wirklich etwas verändert?
Gott will aus uns Gefäße machen, die ihm gefallen – zu seiner Ehre, sonst sind wir nicht besser als die Scherben am Scherbentor.

Die Umkehr

Ein Blick auf die Evangelisten Lukas und Matthäus gibt Orientierung, wie für Jesus Umkehr praktisch geschah. Richteten sich seine Umkehrworte nach Lukas an die Reichen, Satten, Lachenden und Wohlangesehenen (Lukas 6,24-26), nahm er nach Matthäus die religiöse Führungsriege besonders ins Visier (Matthäus 5,3; 23). Jesu Bußruf reicht tief in die Wurzeln menschlicher Existenz. Mit der Spitze seines Aufrufs umzukehren werden alle Menschen getroffen.
Jesu Umkehrruf an die Reichen stellt die Frage: Kann ein Mensch freikommen von notwendiger und letztlich aussichtsloser Existenzsicherung auf eigene Verantwortung?

Als Beispiele erzählt er von einem reichen Mann, der einen armen Lazarus vor der Tür vor sich hinvegetieren lässt. Er nennt das Schicksal eines Kornbauern, der eine reiche Ernte einfuhr, danach aber plötzlich starb. Er begegnet selbst einem jungen Mann, der Jesus nicht folgen wollte, weil sein Reichtum ihn in seiner alten Umgebung festhielt. Jesus stellt fest, dass ein Mensch den Vater im Himmel nicht ehrlich um das tägliche Brot bitten wird, solange sein Brotvorrat für eine ganze Woche reicht. Er wird sich nicht aus vollem Herzen nach dem Reich Gottes sehnen, solange sein Herz auf dieser Erde noch gebunden ist.

Der Umkehrpunkt, so macht es Jesus deutlich, ist der Nullpunkt der eigenen Existenzsicherung. Erst die leeren Hände strecken sich Gott entgegen, und er kann sie füllen. Die Androhung des Gerichtes Gottes ist die letzte Chance umzukehren. Und wir sollten uns von Jesus ehrlich fragen lassen, ob wir bereit sind, den Nullpunkt einzunehmen, ihm nicht nur das Übriggebliebene zu überlassen, sondern ihm alles zu übergeben, was wir in den Händen halten. Solange wir Umkehren als Etikett verstehen, wird sich in unserem Leben nicht wirklich etwas verändern. Erst wo es ernst wird, kann Gott uns eine neue Richtung geben.

Bei der religiösen Oberschicht sah die Lage ähnlich aus. Sie meinte, Gottes Willen perfekt zu entsprechen und dafür Lob zu verdienen. Doch Jesus deckt ihre innersten Motive auf. Es ging ihnen nicht um Gottes Ehre, sondern ihre eigene Geltung und Stellung. Sie redeten, als ob Gott das wichtigste für sie wäre, sie handelten, als ob sie das Zentrum des Universums wären. Sie wollten keine Tongefäße sein, sondern selbst Töpfer, die Ton formen konnten. Für sie bedeutete Umkehr, keine Überlegenheit dem Volk gegenüber ausspielen zu können. Sie waren nicht besser als andere. Sie liefen falschen Bündnissen hinterher, sie hatten ein unstillbares Verlangen nach Anerkennung, was sie anfällig machte für alle möglichen Abhängigkeiten. Umkehr war für sie Selbsterkenntnis, von Gott abhängig zu bleiben, für ihn da zu sein, alle Überlegenheitsgefühle und Machtansprüche als Irrwege zu erkennen und sie Jesus zu bekennen, um sie vergeben zu lassen.

Der rote Faden

Die alte Geschichte von Jeremia, die Unglücke von heute, die Wahrnehmung von Scherbenhaufen aller Art sind Zeichen, dass es höchste Zeit zum Umkehren ist. Erst am Nullpunkt der eigenen Sicherheit werden wir nach Jesus greifen, und er wird unser Ein und Alles sein. Erst am Nullpunkt der eigenen Suche nach Bestätigung und Geltung werden wir nach Gottes Liebe greifen, und er wird uns liebevoll empfangen, wie der Töpfer seinen Lehmklumpen voller Vorfreude auf ein wunderschönes neues Gefäß in die Hände nimmt.

Diese Hoffnung auf Gott, der sich uns immer noch zuwenden will, bringt Jeremia in einem Gebet zum Ausdruck, das seinen persönlichen Nullpunkt widerspiegelt. In letzter Verzweiflung über seinen Auftrag, der ihn in äußerste Not und Einsamkeit getrieben hat, betet er: „Ich habe dir meine Sache anvertraut(20,12).

Und so dürfen wir darauf vertrauen, dass Jesus für uns eintritt, weil er auf dem Scherbenhaufen unseres Lebens auf uns wartet, um uns heil zu machen.

Wir haben Jesus Christus, der für uns im Gericht beim Vater eintritt. Durch seinen Tod ist er für unsere Schuld eingestanden, für die Schuld der ganzen Welt. (1.Johannes 2,1-2)

Cornelia Trick


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