Glaube auf dem Prüfstand (1.Johannes 1,5-10)
Gottesdienst am 26.8.2018 in Brombach

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
die Jahresinspektion von meinem alten Golf stand an, TÜV war auch wieder fällig. Schon im letzten TÜV-Bericht waren Mängel aufgelistet, und die Werkstatt sagte damals, dass man danach dann schauen müsste, aber es könnte teuer werden. Würde sich das noch lohnen? Am liebsten hätte ich die mahnende TÜV-Plakette ignoriert und wäre ohne Inspektion und Prüfung einfach solange weitergefahren, bis das Auto irgendwann in ferner Zukunft einfach nicht mehr gelaufen wäre. Doch mein gesunder Menschenverstand sagte mir natürlich das Gegenteil und ließ mich brav zur Werkstatt gehen.

Mit vielen Themen des Lebens ist es ähnlich. Checkups sind wichtig, um auf der Spur zu bleiben, sonst dümpeln wir vor uns hin, denken, alles ist ok, bis es knallt.

Auch in unserer Beziehung zu Gott ist eine regelmäßige Überprüfung sinnvoll. Wir lesen in der Bibel gerne die Geschichten und Worte, die uns ermutigen, trösten, bestätigen und stark machen, aber es gibt auch die anderen Aussagen, die uns in Frage stellen und nachschauen lassen, ob in unserem Glaubensleben noch alles in Ordnung ist.

In der ökumenischen Bibellese dieser Tage wird uns der 1.Johannesbrief nahegebracht. Ganz faszinierend ist, ihn sich in der Lutherübersetzung anzuschauen. Da entdecken wir auf Anhieb viele fett gedruckte Sätze, die wie Herzwörter des Glaubens wirken, Zusagen sind, dass Gott Liebe ist. Doch es finden sich auch Prüf-Abschnitte, nicht fett gedruckt. Einen solchen schauen wir jetzt an.

1.Johannes 1,5-10
Das ist die Botschaft, die wir von Jesus Christus gehört haben und die wir euch verkünden: Gott ist Licht, in ihm gibt es keine Spur von Dunkelheit. Wir lügen, wenn wir behaupten: »Wir haben Gemeinschaft mit Gott!«, aber unser Leben nach der Dunkelheit ausrichten. Was wir tun, steht dann im Gegensatz zur Wahrheit. Gott selbst ist ja im Licht. Wenn wir nun ein Leben führen, das – wie er selbst – im Licht ist, haben wir Gemeinschaft untereinander. Dann reinigt uns das Blut, das sein Sohn Jesus vergossen hat, von jeder Schuld. Wir betrügen uns selbst, wenn wir behaupten: »Uns trifft keine Schuld!« Dann ist die Wahrheit nicht in uns am Werk. Wenn wir aber unsere Schuld eingestehen, ist Gott treu und gerecht: Er vergibt uns die Schuld und reinigt uns von allem Unrecht. Wir machen sogar Gott zum Lügner, wenn wir behaupten: »Wir haben noch nie etwas getan, wodurch wir schuldig geworden sind!« Dann ist Gottes Wort nicht in uns am Werk.

Gott ist Licht, so ist der Ausgangspunkt. Ein kleines Teelicht kann einen ganzen dunklen Raum erhellen, wie viel mehr wird Gottes Gegenwart die dunklen Ecken unseres Lebens und unserer Welt ausleuchten. Im Johannesbrief wird diese Dunkelheit sehr konkret benannt. Wenn Leute in der Gemeinde lieblos miteinander umgehen, die Reichen nicht teilen und die Armen abgehängt werden, dann, so Johannes, tun sich tiefe Gräben auf, in denen Gottes Licht nicht mehr zu finden ist. Wenn diese Leute gefragt werden, wie sie die sozialen Unterschiede so ignorieren können, antworten sie, dass das doch gar nichts mit ihrem Glauben zu tun hat. Sie fühlen sich mit Gott verbunden, alles andere ist Nebensache, sie laden keine Schuld auf sich, wenn sie ihr Geld für sich behalten.

Den Blick des Johannes auf seine Gegner können wir uns mit einem Hemd anschaulich vor Augen führen. Das Hemd steht für das Leben mit Gott, Flecken darauf für Dunkelheit, die von Gott trennt, Lieblosigkeit im Fall der Gemeinde des Johannes, aber auch alles andere, was gegen Gottes Willen spricht.

In seinen Ausführungen beschreibt der Briefschreiber drei Vorgehensweisen, wie mit den Flecken umgegangen wird:

  • Die Flecken werden gut verborgen. Nennen wir sie mal Frau A, sie zieht einfach einen Pulli über das Hemd, nur der makellose Kragen schaut heraus. Nach außen scheint alles in Butter. Frau A wirft ihren Schein in den Kollektenkorb, alle können es beobachten. Sie bietet großzügig Hilfe an: „Melde dich einfach, wenn du etwas brauchst“, sie weiß immer, was man noch machen könnte, sagt auch großzügig Mitarbeit zu. Aber wehe, es wird konkret, dann kommt Frau A ins Schwitzen, sie zieht ihren Pullover aus, und darunter offenbaren sich ihre Abgründe. Nein, jemand in einer existentiellen Not helfen will sie nicht, da ist doch eher das Sozialamt zuständig. Mitarbeit beim Hauseinsatz? Ach, das geht nicht, sie hat doch gerade ganz wunde Fingerspitzen oder einen dringenden Termin oder Besuch, eben irgendwas, was dem entgegensteht. Und alle, die sie so kennenlernen, können ihr ihre Pullover-Fassade nicht mehr abnehmen.
  • Das Hemd hat dreckige Ärmelaufschläge. Von Weitem sieht das niemand. Doch wer, nennen wir ihn Herrn B, ihm näher kommt, bemerkt, dass sein Hemd nicht so blütenweiß ist, wie es ausschaut. Wer mit Herrn B enger zu tun hat, bekommt mit, wie er über andere redet, sie nieder macht, wie er seine Stacheln ausfahren kann, wenn ihm jemand zu nahe tritt, und seine Liebe doch sehr begrenzt ist, ganz anders, als er es behauptet.
  • Das Hemd ist durch und durch dreckig, es wird bewusst so getragen. Nennen wir sie Frau C. Sie ist der Meinung, dass jeder ja Ecken und Kanten hat, und sie eben auch. Dass ihre Umgebung damit leben muss und sie keinen Anlass sieht, sich zu ändern. Sie meint, wer sich nicht um sich selbst kümmert, ist selber schuld, wenn er am Schluss verliert. Die Schäfchen ins Trockene zu bringen, ist ihre Lebensdevise. 
Erkennen
Natürlich ist niemand von uns so krass wie diese drei Typen, die ich etwas karikiert dargestellt habe. Doch sind wir sicher auch nicht Typ 4 mit porentief reinem Hemd. Das will uns der 1.Johannesbrief sagen. Wer meint, er ist perfekt, der hat eine völlig verschobene Optik. Vielleicht sind es ja wirklich gut verborgene Flecken, ein heimlicher Groll, eine versteckte Überheblichkeit, eine gewisse Gleichgültigkeit. Es ist wichtig, die Schwachstellen zu entdecken, die kurze Sicht zu bemerken. Nur so kann sich etwas ändern. 

Bekennen
Daraus wächst das Bekenntnis und das Gebet: „Lieber Gott, ich bin nicht perfekt, mein Christsein hat nicht die Auswirkung, die es haben könnte. Ich lasse mich zu wenig auf deine Liebe ein.“

Die Selbsterkenntnis und Offenlegung ermöglicht, dass uns Gott reinigen kann und uns vergibt. Er wirkt auf uns ein, dass wir uns verändern können, wachsen und ihm vertrauen, dass er unsere Grenzen aufbricht.

Verändern
Der Johannesbrief schaut ganz besonders auf die Gemeinde, hier ist der Ort, wo sich entscheidet, wie Gottes Liebe im eigenen Leben wirksam wird. Es gibt noch viele andere Felder des Lebens, wo sich das zeigt, doch Johannes deutet auf die Ursprungszelle des Glaubens, die Gemeinschaft der Gläubigen um Jesus in der Gemeinde. Hier, so seine Auffassung, wird Jesus erfahren, hier beginnt Veränderung.

Ein bisschen ist das mit Schülern in einer Schulklasse vergleichbar. Nichts außer natürlich dem Elternhaus beeinflusst Jugendliche so, wie die Klassengemeinschaft. Was gerade angesagt ist, wer mit wem, wer mich braucht und wen ich brauche.

So sollte uns auch unsere Gemeinde nicht nur beeinflussen, sondern zum Guten bewegen. Wir regen uns an, Gott in unserem Leben zu erkennen, wir helfen uns in Durststrecken und bauen Brücken über reißende Ströme von Problemen, um einander hinüber zu helfen. Wir kümmern uns nicht nur umeinander, sondern auch miteinander um Projekte, die wir allein nicht bewältigen könnten. Wir erleben dabei, dass Gottes Geist uns befähigt, beflügelt und das Gelingen schenkt.Gemeinde ist nicht eine Waschanlage für unsere Seele – wir fahren Sonntagmorgen ein, wenn wir merken, wir haben es mal wieder nötig, lassen uns mit guten, mutmachenden Gottesworten aufbauen und fahren mittags wieder heraus, rein und gestärkt in unseren Alltag.

Gemeinde ist eher eine Gemeinschaft von Waschfrauen und -männern in der Waschküche. In einem Ferienjob war ich mal ein paar Wochen in der Waschküche eines Pflegeheims tätig. Wir waren da ein gutes Team an den verschiedenen Geräten, wir hatten Spaß bei der Arbeit und brachten saubere Wäsche hervor. Einer allein hätte das nie geschafft, aber gemeinsam war es für mich als kleines Mitglied im Team auf jeden Fall ein Vergnügen. Ich habe die Arbeit echt geliebt. 

Wäre das nicht ein schönes Bild für eine einträchtige Gemeinde? Miteinander am Werk, um den Flecken zu Leibe zu rücken, beflügelt durch den Heiligen Geist und gestärkt für eine neue Woche, in der hoffentlich wieder weniger Flecken produziert werden als letzte Woche.

Es hängt nicht nur von "der Gemeinde" ab, ob wir hier eine "Waschküchen-Gemeinschaft" werden, sondern beginnt mit mir. Selbst erlebt habe ich das, als meine Eltern pflegebedürftig wurden und ich mich mit meiner Rolle als betreuuende Tochter vollkommen überfordert fühlte. Da haben mir Wegbegleitende in meiner Gemeinde zur Seite gestanden, haben mir den Blick auf Gottes Möglichkeiten freigeräumt, mich unterstützt, mir Aufgaben abgenommen und mich erinnert an das, was Jesus auch mir verheißen hat: "Nichts kann dich trennen von Gottes Liebe". Diese Erfahrung wünsche ich jedem und jeder, die in einer Gemeinde lebt - geborgen, getragen, auf Spur gebracht und ermutigt.

Cornelia Trick


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