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Gottesdienst am 10.09.2006
Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
Sie haben eine Reise auf
den Malediven gebucht. Das Reisebüro hat ihnen wunderschöne Kataloge
zur Ansicht gegeben, ein traumhafter Strand erwartet sie, große
Palmen voller Kokosnüsse säumen die Uferpromenade. Restaurants
der Spitzenklasse sind im Pauschalpreis inbegriffen, freundliche Menschen
bieten Service rund um die Uhr inklusive Massagen, Animation und Ausflügen.
Nun kommen sie auf dem Flughafen an. Das Gepäck für 2 Wochen
Himmel auf Erden ist eingecheckt, Sie betreten die Wartehalle, um auf den
Abflug zu warten. Sie wundern sich, denn die Leute dort gehören alle
zu Ihrer Gemeinde. Ja, Sie ärgern sich sogar im Stillen. Die wollten
Sie ja nicht beim Urlaub dabei haben. Da ertönt eine Stimme durch
den Lautsprecher: "Verehrte Reisende mit Ziel Malediven, Sie nehmen teil
an einem Projekt Ihrer Kirchengemeinden. Sie werden jetzt mit dem Bus zu
einem kleinen Dorf gefahren und können dort zwei Wochen intensiv Gemeinde
leben. Die Reise zu den Malediven wird zu einem späteren Zeitpunkt
nachgeholt."
Ich wäre gespannt,
wie die Leute im Warteraum reagieren würden. Würden sie die große
Chance erkennen, die in einem solchen Intensivurlaub "Gemeinde" steckt?
Würden sie in den zwei Wochen Lebensgemeinschaft wirklich den "Himmel
auf Erden" entdecken? Würden sie merken, dass Gemeinde kein Supermarkt
ist, bei dem man sich schnell das besorgt, was man für seine private
Reise in den Himmel braucht? Dass Gemeinde selbst schon die Gegenwart Jesu
bedeutet und der Himmel auf Erden ist?
Paulus begann seinen Brief
an die Gemeinde in Thessalonich mit einem Dank. Er dankte Gott für
diese kleine Gemeinde, die offenbar ein Stück Himmel auf Erden darstellte.
Er dankte Gott für ihren Glauben, ihre Liebe und ihre Hoffnung. Er
erkannte an ihr die Prägung durch Jesus Christus und konnte miterleben,
wie diese Gemeinde andere Gemeinden in ganz Griechenland - noch ohne Internet,
Zeitungsartikel oder Kongresse - prägte. Mich fasziniert diese Gemeinde
und ich möchte wissen, was sie zu einem Lebenszentrum für Christen
machte. Ich möchte von ihr lernen, wie Gemeinde heute aussehen kann,
um selbst nicht nur Supermarkt zur religiösen Bedürfnisbefriedigung,
sondern Lebenszentrum zu werden, ein Dorf, das Himmel auf Erden ist.
1.Thessalonicher 1,1-10
Paulus, Silvanus und Timotheus
schreiben diesen Brief an die Gemeinde in Thessalonich, die Gott, dem Vater,
und Jesus Christus, dem Herrn, gehört: Gnade und Frieden sei mit euch!
Wir danken Gott immerzu für euch alle, wenn wir in unseren Gebeten
an euch denken. Vor Gott, unserem Vater, erinnern wir uns stets voll Dank
daran, was als Frucht eurer Gemeinschaft mit Jesus Christus, unserem Herrn,
bei euch herangereift ist: wie bewährt euer Glaube ist und wie aufopfernd
eure Liebe und wie unerschütterlich eure Hoffnung. Gott liebt euch,
Brüder und Schwestern, und wir wissen, dass er euch dazu erwählt
hat, ihm zu gehören. Denn als wir euch die Gute Nachricht verkündeten,
geschah das nicht nur mit dem Wort, sondern zugleich mit Taten, in denen
sich die Macht Gottes zeigte, mit dem Beistand des Heiligen Geistes und
mit großer Überzeugungskraft. Ihr wisst ja, wie wir unter euch
gelebt und gewirkt haben, um euch die Rettung zu bringen. Ihr aber seid
unserem Beispiel gefolgt und damit dem Beispiel unseres Herrn. Obwohl ihr
schwere Anfeindungen ertragen musstet, habt ihr die Botschaft mit der Freude
angenommen, die der Geist Gottes schenkt. So seid ihr ein leuchtendes Vorbild
für alle Glaubenden in Mazedonien und Achaia geworden. Und nicht nur
dorthin ist die Botschaft des Herrn von euch aus gelangt; es hat sich auch
überall sonst herumgesprochen, dass ihr euch Gott zugewandt habt.
Wir brauchen niemand etwas davon zu erzählen. Wo wir auch hinkommen,
sprechen sie davon, was für ein segensreiches Wirken wir unter euch
entfalten konnten. Überall erzählen sie, wie ihr euch von den
Götzen abgewandt habt und dem wahren und lebendigen Gott dient - und
wie ihr nun vom Himmel her seinen Sohn erwartet, den er vom Tod auferweckt
hat: Jesus, der uns vor dem bevorstehenden Gericht rettet.
Thessalonich
-
Die Gemeinde ist Lebenszentrum,
nicht Supermarkt. Sie ist der erste Wohnsitz der jungen Christen. In ihr
entfalten sie ihren Glauben, sind in enger Verbindung zu Jesus Christus,
hören miteinander auf Gottes Wort. Dort praktizieren sie Liebe, die
auch mit Mühe verbunden ist. Sie bestärken sich gegenseitig in
ihrer Hoffnung, dass die Anfeindungen von außen sie nicht von ihrem
Ziel abbringen können. Sie lassen sich in der Gemeinschaft von Jesus
Christus prägen, sie lassen sich korrigieren und einfügen in
seine Gemeinde. Sie verwirklichen nicht ihre privaten Lebensträume,
sondern kommen zusammen, um Jesu Auftrag zu erfüllen.
-
Die Gemeinde Jesu hat eine
Aufgabe, sie ist nicht nur für sich selbst da. Sie hat sich um die
zu kümmern, die noch nicht da sind. Sie ist aufgefordert, zu zweit
in die Umgebung auszuschwärmen, um Menschen mit Jesus in Berührung
zu bringen. Sie erniedrigt die Eingangsschwelle, statt Türsteher zu
engagieren, die Menschen an der Eingangstür abweisen.
-
Jeder Christ, jede Christin
ist doppelt berufen: Sich mit Jesus im Lebenszentrum Gemeinde einzubringen
und das Lebenszentrum für Neue vorzubereiten.
Gemeinde, Supermarkt
oder Lebenszentrum?
Um herauszufinden, ob wir
Gemeinde mehr als Supermarkt oder als Lebenszentrum verstehen, hilft es
vielleicht, uns vor Augen zu führen, wie Gemeinde heute aussehen kann,
die mehr ist als ein "Minimal" für religiöse Bedürfnisse.
Gemeinde ist der Ort, an
dem Glaube gelebt wird.
In Thessalonich waren
die ersten Christen auf die Gemeinde angewiesen, um ihren Glauben leben
zu können. Sie waren oft von ihren Familien oder Freunden isoliert,
die den Glauben an Jesus ablehnten. Sie hatten keine Bibel und keine christlichen
Bücher zu Hause. Ihr Glaube konnte nur mit den anderen Christen gemeinsam
wachsen. Das hatte zur Folge, dass sie ein intensives gemeinsames Leben
praktizierten. Keine und keiner blieb, wie er oder sie war. Sie änderten
sich miteinander, wuchsen zusammen zu einem Organismus, der gemeinsam Aufgaben
anpackte.
Wir haben andere Möglichkeiten.
Glaube kann auch sehr privat ohne Gemeindekontakt gelebt werden.
Aber stimmt das wirklich?
Gehört nicht zu Glaube genau dieses Übungsfeld der Gemeinde hinzu?
Glaube, Vertrauen zu Jesus Christus kann nur wachsen durch Anregungen,
die persönlich weitergegeben werden. So sind wir Menschen angelegt,
dass wir eine Vermittlung brauchen, die uns anspricht, uns bewegt, uns
zuhört, uns fordert. Ein Fernsehgottesdienst oder ein Buch sind hin
und wieder eine gute Möglichkeit, um über den Zaun zu schauen,
aber sie können nie ein persönliches Wort ersetzen, dass mir
jemand hier in der Gemeinde sagt. Sie können mich nicht so herausfordern,
dass ich mein Verhalten ändere. Eher schalte ich den Fernseher ab
und ärgere mich über den Prediger, der mich da in Frage stellte.
Oder ich werfe das Buch in die Ecke und sage mir, dass der Autor mich ja
nicht gemeint haben kann.
Glaube gehört in die
Gemeinde, in der er wachsen kann und in der er seine Ausdrucksformen findet:
im gemeinsamen Gebet, im Hören auf Gottes Wegweisung, im Erleben von
Gebetserhörungen, im Entdecken der Bibel.
Gemeinde praktiziert Liebe.
Manchmal stelle ich mir
vor, was jemand von uns denken würde, der völlig unvorbelastet
unsere Gespräche über Gemeinde belauschen würde. Da fallen
Sätze wie: "Wir treffen uns zum Arbeitskreis Soundso. Wir brauchen
Mitarbeiter für die und die Aufgabe. Bitte tragt euch in die Liste
am Ausgang ein. Ich muss mich noch ins Thema einarbeiten. Die Vorbereitung
des Festes in der Gemeinde war echt stressig. Den Raum in der Gemeinde
neu zu streichen ist mir zuviel Arbeit." Geht es in der Gemeinde nur um
Arbeit? Haben wir, wenn wir Gemeinde hören, gleich das Gefühl,
es wird stressig? Brauchen wir den privaten Urlaub auf den Malediven etwa,
um uns von der Gemeinde zu erholen?
Paulus dankte Gott für
die Thessalonicher, die sich so viel Mühe machten zu lieben. Offensichtlich
herrschte in der Gemeinde kein Stress, sondern Liebe. Wie können wir
der Liebe mehr Raum geben, dass Menschen wirklich spüren, dass sie
von Gott geliebt werden ohne alles Zutun, ohne Listen und Arbeitseinsätze?
Hier ein paar Gedanken
zu diesem Thema:
-
Vielleicht verfallen wir in
solche Arbeitshektik, weil wir uns wie ein Supermarkt fühlen: Ein
paar von uns sind die Angestellten, sie sind pausenlos damit beschäftigt,
Regale aufzufüllen und an der Kasse abzurechnen. Andere gehen an den
Regalen vorbei, nehmen sich was sie brauchen und kritisieren, wenn etwas
fehlt. Ein Miteinander in Liebe ist nicht zu erkennen, da würden alle
zusammen anpacken und den Laden so gestalten, dass er Gottes Liebe wiederspiegelt
- mit Sitzecken und Kaffeebar.
-
Vielleicht deckt unsere Arbeitsstimmung
aber auch unsere Konflikte zu. Statt Listen zu füllen, wäre es
dran, ein klärendes Wort zu sprechen. Statt über Stress zu klagen,
wäre es hilfreich, sich mit dem Mitarbeiter zu versöhnen, der
den eigentlichen Stress verursacht. Statt sich damit abzufinden, dass man
immer allein die Aufgabe tun muss, wäre ein Gespräch nötig,
um herauszufinden, warum die anderen nicht mit einem zusammen arbeiten
wollen.
-
Vielleicht drehen wir uns
aber auch zu sehr um uns selbst. Es kann langweilig werden, immer mit denselben
Leuten zusammen zu sein. Liebe in der Gemeinde lebt davon, dass neue Inspiration
von außen kommt, Neue hinzu stoßen. So war die Liebesmühe
der Thessalonicher auch evangelistische Liebesmühe. Sie mühten
sich um Menschen, die sie für Christus gewinnen wollten. Sie gingen
hinaus aus ihrer sicheren Gemeinschaft, um die zu erreichen, die diese
Liebe brauchten. Sie füllten dafür nicht Supermarktregale, sondern
knüpften Beziehungen.
Gemeinde lebt Hoffnung.
Für die Thessalonicher
bedeutete Hoffnung, dass sie ihren bedrängten und frustrierenden Alltag
durchstehen konnten, weil sie vertrauten, dass Jesus ihnen bald eine neue
Zukunft eröffnete.
Wir können in der
Gemeinde Hoffnung leben, indem wir uns gegenseitig zu Seelsorgern und Seelsorgerinnen
werden. Doch bleibt dieses Angebot Theorie, solange wir einander nicht
vertrauen können. Wir werden uns nichts gegenseitig anvertrauen, solange
wir nicht wissen, was der andere davon weitererzählt. Situationen,
in denen wir ein mutiges Wort der Hoffnung brauchen, sind selten für
alle Ohren bestimmt, sondern sehr persönliche Anliegen. Eine Hoffnungsgemeinde
zeichnet sich nicht durch große Worte im Allgemeinen aus, sondern
durch Menschen, die wieder Hoffnung von Gott bekommen haben, nachdem ihr
Karren an die Wand gefahren ist. Und die aus dieser Erfahrung heraus anderen
Mut machen können, ganz privat und hinter verschlossenen Türen.
Gemeinde ist offen für
Neue.
Gemeinsam sind wir gerufen,
auf unsere Mitmenschen zuzugehen und sie abzuholen. Dazu ist es nötig,
dass wir nach ihren Bedürfnissen fragen. Keiner, der zu Jesus Christus
kommt, braucht irgendwelche Vorbedingungen, so sagen wir. Aber wir verhalten
uns oft anders. Wir erwarten, dass der Neue oder die Neue unseren Musikstil
im Gottesdienst gut findet, dass er oder sie keine Mühe hat, in unserem
Angebot eine passende Kleingruppe zu finden, dass er oder sie auch unsere
Kekse und unseren Tee nach dem Gottesdienst mag. Und wenn nicht, sagen
wir, dass er oder sie eben doch nicht den Kontakt zu Jesus will.
Aber können wir nicht
in vieler Beziehung mehr Schritte auf Außenstehende zu machen? Wenn
wir selbst uns nicht wie im Supermarkt bedienen, sondern miteinander unser
Lebenszentrum gestalten, bleibt viel Raum, Außenstehenden entgegen
zu kommen und sie einzuladen, hier Glaube, Liebe und Hoffnung zu erleben.
Die Gemeinde in Thessalonich
gibt viele Anregungen, über die eigene Gemeinde nachzudenken. Wenn
wir demnächst in dem kleinen Dorf zwei Wochen miteinander zubringen
- Sie erinnern sich, statt Urlaub auf den Malediven - werden wir Gelegenheit
haben, näher zusammen zu rücken und uns als Lebenszentrum, in
dem Jesus wohnt, wieder neu zu entdecken.
Die Gemeinde ist Jesu Kraft
in dieser Welt, sind wir in ihr vereint, werden wir Gott dienen und ihm
Freude machen. Supermärkte gehören zu unserem Alltag und in unsere
Zeit, aber sie sind kein biblisches Konzept von Gemeinde. Jesus will dauerhaft
mit uns zusammen sein. Das ist mehr als eine Supermarktbeziehung.
Cornelia
Trick
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