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Gottesdienst am 12.08.2007
Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
am heutigen Israelsonntag
bringen wir als Christen unsere Verbundenheit mit Israel zum Ausdruck.
Der Israelsonntag, der jedes Jahr am 10. Sonntag nach Trinitatis gefeiert
wird, steht in Verbindung zum jüdischen Trauertag, dem 9. Aw des jüdischen
Kalenders, der hauptsächlich an die Zerstörung des Tempels in
Jerusalem im Jahr 586 v. Chr. durch die Babylonier erinnert. Aber noch
vier anderer Ereignisse wird am 9. Aw gedacht. Als die Kundschafter das
Land Kanaan besichtigt hatten, kehrten sie zum Volk Israel, das auf der
Wüstenwanderung war, zurück und warnten sie vor dem uneinnehmbaren
Land. Daraufhin fingen die Israeliten an zu klagen und zu murren und wollten
am liebsten wieder zurück nach Ägypten. Gott wurde, so die Überlieferung,
in der Nacht zum 9. Aw zornig über sein Volk und wollte es durch die
Pest vernichten, um mit Mose einen ganz neuen Anfang zu machen. Doch Mose
trat für sein Volk ein und erinnerte Gott an seine Bundesverpflichtung,
seine Treuezusage und die Bedeutung des Bundes mit Israel als Zeugnis für
alle anderen Völker. Gott ging darauf ein und verwandelte die Strafe
in 40-jährige Wüstenwanderung. Der 9. Aw wurde auch hier ein
Tag des Gerichts und der noch größeren Barmherzigkeit. Auch
der 2.Tempel soll der Überlieferung nach am 9. Aw des Jahres 70 n.
Chr. zerstört worden sein, diesmal durch die Römer. Als vierter
Gedenktag wird der 9. Aw 135 n. Chr. erinnert, an dem die Stadt Beitar,
die Hochburg des Bar-Kochba-Aufstands gegen die Römer, fiel. Ein Jahr
später, am 9. Aw 136 wurde Jerusalem dem Erdboden gleich gemacht,
die Römer löschten die Namen Juda und Jerusalem aus, die fortan
Palästina und Aelia Capitolina genannt wurden.
Die Prophetie Michas (Jeremia
26,18) um 700 v. Chr. war eingetroffen: "So
spricht der HERR Zebaoth: Zion wird wie ein Acker gepflügt werden,
und Jerusalem wird zu Steinhaufen werden und der Berg des Tempels
zu einer Höhe wilden Gestrüpps."
An diesem Gedenktag stehen
Tausende an der Klagemauer Jerusalems, um die Vergangenheit fruchtbar für
die Gegenwart werden zu lassen. Gottes Zorn war groß, Gottes Erbarmen
ist größer, darin steckt das Pflänzchen der Hoffnung, das
den Neuanfang markiert. Christen gedenken zusammen mit Juden des Gerichts
Gottes, sehen die Chance der Reue und zum Neuanfang, die Gott immer wieder
schenkt.
Bevor die Katastrophe der
Zerstörung des ersten Tempels mit nachfolgender Exilierung der Bevölkerung
geschah, gab der Prophet Jeremia Gottes Wort an sein Volk weiter:
Jeremia 7,1-15
Dies ist das Wort, das vom
HERRN geschah zu Jeremia: Tritt ins Tor am Hause des HERRN und predige
dort dies Wort und sprich: Höret des HERRN Wort, ihr alle von Juda,
die ihr zu diesen Toren eingeht, den HERRN anzubeten! So spricht der HERR
Zebaoth, der Gott Israels: Bessert euer Leben und euer Tun, so will
ich bei euch wohnen an diesem Ort. Verlasst euch nicht auf Lügenworte,
wenn sie sagen: Hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel, hier
ist des HERRN Tempel! Sondern bessert euer Leben und euer Tun, dass ihr
recht handelt einer gegen den andern und keine Gewalt übt gegen
Fremdlinge, Waisen und Witwen und nicht unschuldiges Blut vergießt
an diesem Ort und nicht andern Göttern nachlauft zu eurem eigenen
Schaden, so will ich immer und ewig bei euch wohnen an diesem Ort, in dem
Lande, das ich euren Vätern gegeben habe. Aber nun verlasst ihr euch
auf Lügenworte, die zu nichts nütze sind. Ihr seid Diebe,
Mörder, Ehebrecher und Meineidige und opfert dem Baal und lauft fremden
Göttern nach, die ihr nicht kennt. Und dann kommt ihr und tretet vor
mich in diesem Hause, das nach meinem Namen genannt ist, und sprecht: Wir
sind geborgen, - und tut weiter solche Gräuel. Haltet ihr denn
dies Haus, das nach meinem Namen genannt ist, für eine Räuberhöhle?
Siehe, ich sehe es wohl, spricht der HERR. Geht hin an meine Stätte
zu Silo, wo früher mein Name gewohnt hat, und schaut, was ich
dort getan habe wegen der Bosheit meines Volks Israel. Weil ihr denn lauter
solche Dinge treibt, spricht der HERR, und weil ich immer wieder
zu euch redete und ihr nicht hören wolltet und ich euch rief und ihr
nicht antworten wolltet, so will ich mit dem Hause, das nach meinem Namen
genannt ist, auf das ihr euch verlasst, und mit der Stätte, die ich
euch und euren Vätern gegeben habe, ebenso tun, wie ich mit Silo getan
habe, und will euch von meinem Angesicht verstoßen, wie ich
verstoßen habe alle eure Brüder, das ganze Geschlecht Ephraim.
Gott brachte in diesen
Gerichtsworten seinen Willen klar zum Ausdruck. Er wollte bei seinem Volk
wohnen im Tempel. Die Realität sah anders aus. Stehlen, Morden, Ehebruch,
falsche Schwüre und die Verehrung fremder Götter stand auf der
Tagesordnung. Gott ließ den Propheten Jeremia zur Umkehr rufen: "Bessert
euer Leben und Tun, dass ihr heil werdet."
Aber es geschah keine Umkehr zum Heil. So traf der Untergang Judas, Jerusalems
und des Tempels das Volk als Gericht Gottes. Die alten Sicherheiten waren
ausgelöscht. Verstoßen werden sollte das Volk vor Gottes Angesicht.
Bevor wir nur allzu schnell
das Fazit ziehen, dass diese Gerichtsworte uns Christen nicht mehr treffen
können, weil wir a) unsere Sicherheit nie im Jerusalemer Tempel suchten
und b) mit Jesus Christus das Heil schon haben, können wir den Horizont
erweitern. Jüdische Bibelausleger lesen die Prophetenworte zum einen
als Gerichtsworte, aber sie entdecken darin Anzeichen des zukünftigen
Heils, die auch uns Christen weiterhelfen können.
Der jüdische Ausleger
Chana Safrai nennt drei Hinweise zum künftigen Heil, die in den Gerichtsworten
enthalten sind.
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Durch einen lexikalischen
Vergleich sieht er in der Umkehrmahnung Gottes "Bessert
euer Leben und euer Tun" einen Anklang an
die Kain- und Abelgeschichte. Als Kain neidisch auf seinen Bruder Abel
schaute, dessen Opfer von Gott angenommen wurde, mahnt Gott ihn: Wenn du
in deinem Herzen Gutes hast, kannst du den Blick heben, hast du Böses,
musst du zu Boden schauen. Kain hörte nicht auf das Angebot zum Frieden.
Er hob den Blick nicht zu Gott, sondern schaute weiter auf den Boden. Er
brachte seinen Bruder um, Gottes Gericht war unausweichlich. Doch Gottes
Gnade war größer. Der Vertriebene lebte unter Gottes Schutz,
wurde ein Städtebauer und Stammvater eines großen Volkes.
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Als Mose Gott davon abhalten
wollte, das Volk auszurotten, weil es Gott nicht zutraute, das Volk ins
gelobte Land zu führen, hielt er Gott seine Bundesverpflichtung vor.
Gott konnte doch dieses Volk nicht vernichten, dem er ewige Treue zugesagt
hatte. Hierin erkennt Chana Safrai eine Hoffnungsspur, die aus dem Gericht
herausführt. Gott hat sich an sein Volk gebunden. Sein Erbarmen wird
auch beim Untergang Jerusalems größer sein als sein Zorn. Und
wenn die prophetischen Gerichtsworte eintrafen, dann gelten auch die Heilsworte,
die einen Neuanfang verheißen.
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Die Juden werden in der Gottesrede
dreimal mit ihrer Aussage zitiert "Hier ist des Herrn Tempel". Die dreimalige
Aufzählung steht für Chana Safrai für drei Zeitstufen: Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft. Jüdische Leser entdecken in diesem Dreiklang
die Vergangenheit des Tempels, der als Gottes Offenbarungsort gemeint war,
die Gegenwart, in der dieser Ort für falsche Sicherheiten dient, aber
auch die Zukunft, in der der Ort neu für Gottes Gegenwart stehen wird.
Gott bleibt gegenwärtig auch im Gericht. Das Volk darf auf einen neuen
Tempel Gottes hoffen.
Diesen drei Hoffnungsspuren
können wir die christliche Lesart hinzufügen:
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Mit Jesus Christus ist der
Satz "Bessert euer Leben, damit ihr heil werdet"
umgekehrt worden. Gott sandte seinen Sohn in die Welt, um sie zu heilen.
Jesus Christus ermöglicht die Besserung des Lebens durch seinen Geist.
Menschliche Versuche werden Scheitern, aber Gott selbst nimmt die Besserung
der Menschheit in seine Hand. Der Tempel Gottes hier auf Erden muss nicht
wieder aufgebaut werden, denn Jesus Christus ist der neue Tempel (Johannes
4,19-26). Gott erkennen wir in ihm, unsere Schuld wird von ihm aufgedeckt.
Er vergibt und schenkt neues Leben.
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Gemeinsam mit Juden warten
wir auf die Vollendung, den neuen Himmel und die neue Erde. In
jenen Tagen und zu jener Zeit will ich dem David einen gerechten Spross
aufgehen lassen; der soll Recht und Gerechtigkeit schaffen im Lande. Zu
derselben Zeit soll Juda geholfen werden und Jerusalem sicher wohnen,
und man wird es nennen "Der HERR unsere Gerechtigkeit"
(Jeremia 33,15-16).
Der gerechte Spross ist in Jesus gekommen, Juda und Jerusalem wird noch
nicht "Der Herr unsere Gerechtigkeit" genannt. Dies wird nach Offenbarung
21 erst mit dem neuen Himmel und der neuen Erde gegeben sein. Bis dahin
gilt es, den Ruf zur Umkehr ernst zu nehmen, durch Gottes Kraft und seinen
Heiligen Geist das Leben zu ändern.
Jeremias Worte und
wir
"Hier
ist des Herrn Tempel" bedeutet für uns,
uns in den Gottesdienst zu begeben, uns sicher zu sein, dem "lieben Gott"
zu begegnen und seine Gegenwart hilfreich und tröstend zu erfahren,
dabei aber alles abzuschirmen, das das eigene Leben in Frage stellen könnte.
Man könnte es auch bildlich beschreiben als Gottesdienstbesucher mit
Regenschirm, die
ihr Innerstes gegen Gottes Wort abschirmen und sich doch in der kuscheligen
Atmosphäre des liebenden Gottes wohlfühlen wollen. Wie die Mahnrede
des Jeremia damals an den Leuten abprallte, so prallt sie auch heute bei
Regenschirmträgern ab. Zwar stehlen und morden wir nicht, aber es
gibt ja auch viel subtilere Formen, um Gott aus der Schule zu laufen und
seine Weisung zu ignorieren. Die eigenen Schäfchen zuerst ins Trockene
zu bekommen, mag eine Form sein, wie wir Gottes Anspruch auf unser ganzes
Leben abweisen. Oberflächlich mag man ein ehrbares Leben ohne Fehl
und Tadel führen, unter der Oberfläche brodelt der Egoismus,
der sich aus allem raushält, das etwas kostet.
Den Regenschirm zuklappen
heißt, Gottes Anfrage zulassen:
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Wie sieht es mit der Vergebung
in meinem Leben aus? Ist es nur ein Wort, das mir fromm über die Lippen
kommt und das ich von anderen fordere, wenn ich sie verletzt habe? Oder
glaube ich an Gottes Vergebung, die auch Beziehungen wirklich neu macht?
Kann es einen neuen Anfang geben mit einer Person, die mich tief enttäuscht
hat?
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Wie sieht es mit Vertrauen
aus? Wenn wir den Regenschirm weglegen, müssten wir den ersten Schritt
wirklich wagen. Das ist schwerer, als sich hinter einem "vielleicht oder
vielleicht ja doch nicht" zurückzuziehen. Wenn es stimmt, dass Jesus
uns nicht loslässt, können wir es wagen, mit ihm aufzubrechen
in unbekannte Gefilde.
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Wie steht es um unser Verantwortungsbewusstsein?
Wenn gefragt wird, wer sich für die Gemeinde Jesu einbringen kann?
Ziehen wir uns dann unter dem Regenschirm unsichtbar zurück oder sagen
wir laut und deutlich "Ja, hier bin ich"?
Die Gerichtsrede Jeremias
verdeutlicht, dass Gottes Liebe keine naive, blinde Liebe ist, die zu blöd
ist, um Abweisung oder Ignoranz zu bemerken. Wer Gottes Liebe mit Füßen
tritt, indem er sich Gottes Willen verschließt, wird die Konsequenzen
zu tragen haben. Dem Volk Israel brachten die Propheten Gottes letzten
Umkehrruf fünf Minuten vor 12 nahe. Uns rufen diese Propheten zu,
Gottes Liebe ernstzunehmen und Jesus Christus mit ganzem Herzen zu vertrauen.
Noch ist Zeit zur Umkehr. Noch ist Zeit zum Gebet, um Jesus zu bitten,
das Leben heil zu machen und Kraft zum Neuanfang zu schenken. Doch selbst
in einer Situation von Schutt und Asche, in der das Volk Israel wenige
Jahre später steckte, wird Gott niemand allein lassen, mit dem er
zuvor einen Bund geschlossen hat. Er hält nach uns Ausschau wie der
Hirte nach dem verlorenen Schaf. Er hält nach seinem Volk Israel Ausschau
und wird es retten zu seiner Zeit.
Cornelia
Trick
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