Er ist auferstanden!
Ostergottesdienst am 27.03.2005

Lukas 24,1-12

Am ersten Tag der Woche sehr früh kamen die Frauen zum Grab, die mit Jesus gekommen waren aus Galiläa, und trugen bei sich die wohlriechenden Öle, die sie bereitet hatten. Sie fanden aber den Stein weggewälzt von dem Grab und gingen hinein und fanden den Leib des Herrn Jesus nicht. Und als sie darüber bekümmert waren, siehe, da traten zu ihnen zwei Männer mit glänzenden Kleidern. Sie aber erschraken und neigten ihr Angesicht zur Erde. Da sprachen die zu ihnen: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden. Gedenkt daran, wie er euch gesagt hat, als er noch in Galiläa war: Der Menschensohn muss überantwortet werden in die Hände der Sünder und gekreuzigt werden und am dritten Tage auferstehen. Und sie gedachten an seine Worte. Und sie gingen wieder weg vom Grab und verkündigten das alles den elf Jüngern und den andern allen.
Es waren aber  Maria von Magdala und Johanna und Maria, des Jakobus Mutter, und die andern mit ihnen; die sagten das den Aposteln. Und es erschienen ihnen diese Worte, als wär's Geschwätz, und sie glaubten ihnen nicht. Petrus aber stand auf und lief zum Grab und bückte sich hinein und sah nur die Leinentücher und ging davon und wunderte sich über das, was geschehen war. 

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
Die Ostergeschichte, wie Lukas sie erzählt, weist Besonderheiten auf. Die Engel sagen den Frauen, dass der Lebende nicht bei den Toten ist. Also ist Jesus bei den Lebenden zu finden. Dann öffnet erst die Erfahrung des Ostermorgens die Augen für Karfreitag und die Leidensweissagungen Jesu. Ferner zieht Lukas den Bogen zu Pfingsten aus. Ostern hat Auswirkungen. Wer dem Auferstandenen begegnet ist, sagt es weiter.

Der Lebende ist bei den Lebenden

Die Frauen, die Jesus auch an die Grabstätte gefolgt waren, befinden sich in tiefster Trauer. Sie haben ihren Lebensinhalt verloren. Seit den Anfängen der Wirksamkeit Jesu in Galiläa waren sie mit Jesus zusammen, haben ihr Geld in die Jesus-Bewegung gesteckt, ihre Arbeitskraft. Einige von ihnen haben mit Jesus ihre Würde wieder gefunden, ein neues Leben begonnen. Die Verbindung zur Vergangenheit hatten sie unwiderruflich abgebrochen. Der Tod Jesu bedeutete für sie mehr als der Verlust eines geliebten Menschen. Ihr eigenes Leben war damit gestorben, an die Wand gefahren, aus und vorbei. Eine Zukunft hatten sie nicht. An die Endstation ihres persönlichen Lebens pilgerten sie am Ostermorgen, um den Leichnam zu salben, ihre Hoffnungen in diesen Ritus des Abschiednehmens zu legen und Jesus ein letztes Mal ihre Liebe und Hingabe zu zeigen. 

Da reißt sie der Anblick der offenen, leeren Grabhöhle aus ihren Gedanken. Der Leichnam Jesu war weg, ihren letzten Liebesdienst konnten sie Jesus nicht erweisen. Bekümmert waren sie, so stellt es der Evangelist fest. Es näherten sich ihnen zwei Männer, die mit ihrem Glanz die dunkle, leere Grabkammer erhellten. Die Finsternis war besiegt durch das Licht, die Schrecken des Todes und des Teufels überwunden von Gott, der Jesus ins Leben rief. Wer sich in neuerem christlichen Liedgut auskennt, dem wird an dieser Stelle ein Lied auf den Lippen liegen, das die Engel gesungen haben könnten: "Seid nicht bekümmert ..." (siehe unten). Die Frauen aber erschraken und schauten zu Boden. Sie waren geblendet von dem göttlichen Licht, erschüttert von der so offensichtlichen Wende der Geschehnisse. Die Engel trösten sie nicht. Sie sagen ihnen nicht Gottes Frieden zu. Sie stellen die Frauen nur in Frage, erinnern an Worte Jesu und schicken damit die Frauen ins Leben zurück.

Die Auferstehung Jesu kann nicht aus ihrer Erfahrung abgeleitet werden. Gott hat eingegriffen. Anders als bei Totenauferweckungen, die von Propheten oder Jesus vollzogen wurden, wird Jesus nicht zurück in das irdische Leben geholt, um später wieder sterben zu müssen. Er ist auferweckt worden in die Ewigkeit. Doch Ewigkeit bedeutet keinen abgeschlossenen Raum, der für uns tabu ist. Jesus ist als der Ewige uns allen nahe, er ist bei den Lebenden durch seinen Heiligen Geist. Das ist das Neue und Umwälzende, das auch wir heute feiern. Jesus lebt! Er ist nicht bei den Toten, er ist nicht in einem abgeschotteten Bereich im Himmel. Er lebt bei den Lebenden, ist ihnen nah und öffnet ihnen den Blick für ihn und Gott. 

Diese Wende war für die Frauen ihre 2. Chance. Eine erste Chance hatten sie erhalten, als Jesus sie in die Nachfolge rief. Doch jetzt mit dem auferweckten Jesus konnten sie zurück ins Leben gehen. Aus der Hoffnungslosigkeit wurden sie in ein neues Dasein gerufen. Aus Mitziehenden wurden Missionarinnen. 

Wollen wir mit den Frauen die 2. Chance annehmen? Vielleicht ist unser Leben trotz unseres Glaubens an Gott auch gerade gegen die Wand gefahren. Wir haben Kummer im Herzen. Sind enttäuscht, dass Gebetsanliegen scheinbar keine Antwort finden. Suchen nach einem Weg an einer Kreuzung, bei der die Beschilderung fehlt. Stecken in einer Beziehungskrise, die sich wie Sterben anfühlt. Die Sehnsucht nach Licht und Hoffnung ist groß.

Hier wird uns diese 2. Chance am Ostermorgen angeboten. Jesus ist bei uns Lebenden. Er gibt Hoffnung. Er will uns aus den Erfahrungen des Todes heraus reißen. Er hat die Kraft, auch Tot-Geglaubtes aufzuerwecken. Er sieht unseren Kummer an, er hört unsere ungläubig vorgebrachten Gebetsanliegen. Er kennt unsere Orientierungslosigkeit vor der Zukunft, er spürt unsere Verletzung durch den Partner oder die Partnerin. Er spricht uns zu, dass er uns nahe ist, uns begegnet, auf unserem Weg mit uns geht. Und er spricht uns zu, dass er alles auf sich genommen hat, um uns den Weg mit Gott frei zu machen, auch unsere Anteile an Schuld, auch unser Versagen und unseren Kleinglauben. Seit er der Auferstandene ist, gibt es keine Situation mehr, die wir ohne ihn durchstehen müssen.

Wer diese Nähe Jesu wieder neu herbei sehnt, den lade ich ein, sich eine Kerze vom Ostertisch zu nehmen. Sie ist Sinnbild der 2. Chance, die Jesus uns mit diesem Ostermorgen 2005 schenkt.Osterkerze

Ostern öffnet die Augen für Karfreitag

Die Engel legen den Frauen Worte Jesu aus. Erst von Ostern her können sie begreifen, was Jesus ihnen über seinen Tag sagte. Jesus hat stellvertretend für die Menschen die Konsequenz der Trennung von Gott auf sich genommen. Er ist gestorben, damit wir nicht diesen ewigen Tod sterben müssen. Er musste sterben, damit wir leben können. Leben an Jesus vorbei kann es deshalb nicht geben. Höchstens ein Leben, das vom Tod nach wie vor begrenzt wird, ist ohne Jesus möglich. 

Die Frauen nahmen sich die Worte der Engel zu Herzen. Nehmen wir sie auch zu Herzen? Dann können wirden Dingen ins Auge sehen, die Jesus für uns aus dem Weg räumen will. Sehr unterschiedlich kann das aussehen, was an der Seele zerrt, persönliche Schuld, Mutlosigkeit, Gefühle des Versagens, kalte Beziehungen, Verletzungen, die andere zugefügt haben. Diese Dinge können wir Jesus bekennen und sie von ihm vergeben lassen. Wir müssen sie nicht mitschleifen in unser neues österliches Leben. Sonst haben wir schon gleich am Anfang unsere 2. Chance vertan und werden nur künstlich am Leben gehalten, die Altlasten blockieren den Neuanfang.

Vielleicht kann ein kurzes Gebet dabei helfen, das die Engel des Ostermorgens uns in den Mund legen:
"Jesus, du musstest überantwortet werden in die Hände der Sünder und gekreuzigt werden. Auch meine Hände waren dabei. Ich bitte dich, dass du mir hilfst, folgende Situation zu bereinigen und dir ganz zu vertrauen, dass du mir eine 2. Chance gibst ..."

Ostern hat Auswirkungen

Die Frauen bekommen keinen Missionsbefehl von den Engeln. Sie brauchen keinen Auftrag, das Ungeheuerliche ihrer Lebenswende weiterzuerzählen. Sie gehen einfach los und suchen die verängstigten und hoffnungslosen Jünger auf. 

So erleben wir es bei Menschen, die neu zum Glauben an Jesus Christus kommen. Sie gehen einfach los, können nicht schweigen von dem, was sie erlebt haben. Ihre Begeisterung ist so ansteckend, dass sie andere mitziehen. 

Schleichend lässt diese Begeisterung nach. Die Beziehung zu Jesus ist vertraut geworden, das Lebensumfeld hat sich verändert, die echten Freunde sind jetzt Christen, man fühlt sich wohl mit ihnen, die "Welt" rückt aus dem Blickfeld, man richtet sich ein mit dem Gedanken, dass manche eben einfach nicht glauben wollen. Erst in dieser Phase des Glaubens greift der Missionsbefehl Jesu. Aus der Selbstgenügsamkeit weckt er uns auf. "Gehet hin, verkündet das Evangelium allen Völkern", auch wenn ihr keine Lust habt, keine Zeit oder sowieso keine Hoffnung mehr für die anderen habt. Im Evangelium steckt soviel Kraft, dass sie nicht bei uns bleiben kann, sie drängt hinaus, will über die Gemeinde alle Menschen erreichen und fängt mit uns an. Die Frauen machten sich auf den Weg. Wir können heute mit ihnen gehen. Die 2. Chance lässt uns aus der Selbstgenügsamkeit aufwachen. 

Nur einer ließ sich von den Frauen wachrütteln. Petrus ging zum leeren Grab. Er tat genau das Gegenteil von dem, was die Frauen erzählten. Er suchte den Lebenden bei den Toten. Und er fand ihn nicht. Das leere Grab ließ ihn staunen, lebendigen Glauben rief es nicht hervor. Erst eine kurze Randnotiz einige Sätze später lässt erahnen, wie es mit Petrus weitergegangen ist (Lukas 24,34). Offensichtlich ist ihm persönlich Jesus begegnet, vielleicht auf dem Rückweg vom leeren Grab. Diese Begegnung war für ihn entscheidend und lebensverändernd - sie war seine 2. Chance. Jesus suchte ihn auf, den Sünder, der ihn verraten und verlassen hatte. Petrus konnte umkehren, Jesus vergab ihm. Aus dem hoffnungslosen Fischer wurde ein Gemeindegründer.

Was ist unsere Mission heute?

Versöhnung leben: Die Kraft des Auferstandenen wirkt, wo wir selbst oder in unserem Umfeld Zerbruch und Trennung erleben. Christen sind von diesen Erfahrungen nicht ausgenommen. Aber seit dem Ostermorgen haben sie Hoffnung auf eine 2. Chance, auf ein Eingreifen Gottes, auf Leben, dass er auch in verfahrenen Situationen einen Weg in die Zukunft bahnt. Wir können Jesus gerade in diesen Ausnahmesituationen bezeugen, an ihm festhalten und darum beten, dass er uns und andere aufsucht, wenn das Leben an die Wand gefahren ist.

Menschen nahe sein: Jesus ist uns als Auferstandener nahe, diese Nähe gilt es für uns zu leben. Wie die Frauen losgegangen sind, um das Licht der Engel den Jüngern weiterzugeben, so werden wir aufgefordert, das Licht dieses Morgens in anderer Leben zu tragen. Wir brauchen dafür Sensibilität für die Notsignale, die unsere Mitmenschen aussenden. Bei manchen Wegen ist es nötig, dass wir sie im Gebet vorbereiten. Dann wird der richtige Moment kommen, wo unser Licht eine offene Tür findet und nicht wie ein Großangriff ankommt.

Hoffnung leben: Als Ostermenschen, die aus der 2. Chance leben, kann unser Reden nicht länger von Jammer und Klagen dominiert werden. Der Dank und die Freude über die Eröffnung eines neuen Horizonts durchdringt unser ganzes Sein. Vielleicht liegt hier der eindeutige Kontrapunkt zu Menschen, die die Begegnung mit Jesus nicht erlebt haben. Wir sind Hoffnungsträger, die über den Tellerrand unserer wirtschaftlichen Not und unseres persönlichen Schicksals hinaus schauen. Da ist einer, der uns heraus reißt und seine Hand anbietet. Da ist einer, der uns nicht nur begleitet, sondern uns von Herzen liebt. Da ist einer, der uns niemals fallen lässt, auch wenn das fast nicht zu fassen ist. Von ihm sollen wir Zeugnis geben, so erfährt unser Leben Öffnung und Freiheit.

Immer noch halten wir die Osterlichter in den Händen. Manche brauchen hier dieses Licht der 2. Chance für sich selbst. Es erinnert sie, dass Jesus ihnen heute diese neue Chance des Lebens anbietet. Andere möchten möglicherweise dieses Licht jemand schenken, es weitergeben als Hoffnungszeichen. Und vielleicht bekommt er oder sie von jemand anderem wieder ein Osterlicht geschenkt als Vergewisserung: Der Herr ist auferstanden - er ist wahrhaftig auferstanden!

Seid nicht bekümmert, seid nicht bekümmert, denn die Freude am Herrn ist eure Stärke,
seid nicht bekümmert, seid nicht bekümmert, denn die Freude am Herrn ist eure Kraft.
Jesus, der auferstandene Herr, ist in eurer Mitte. Jesus , der auferstandene Herr, er ist unter euch.
Jesus, der auferstandene Herr, führt euch seine Wege, Jesus, der auferstandene Herr, geht euch stets voran.
Jesus, der auferstandene Herr, sendet seine Engel, Jesus, der auferstandene Herr, kämpft und siegt in euch.
(Kommunität Gnadenthal)

Cornelia Trick


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