Einer geht verloren (Apostelgeschichte 20,6-12)
Gottesdienst am 12.07.2015 in Brombach

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
nun stehen wir eine Woche vor dem Fernsehgottesdienst, und es ist eine gute Gelegenheit, noch einmal zu hinterfragen, warum wir uns vor einem Jahr auf das Projekt eingelassen haben.

War es Eitelkeit, dass wir so toll sind und ins Fernsehen kommen? War es Zwang, weil wir vorgeschlagen wurden und nicht den Mut hatten abzusagen? War es die Botschaft von der LiebeGottes, die uns motivierte, sie noch mehr Menschen weiterzugeben? Für uns im Bezirksvorstand war es eindeutig die Botschaft, die uns zusagen ließ. Wir hörten Gottes Ruf, uns denen zuzuwenden, die in keine Kirche mehr gehen. Sicher sind viele älter gewordene Christen an den Fernsehern, die früher regelmäßig in die Kirche gingen und sehr wohl die Liebe Gottes auch ohne unseren Gottesdienst kennen. Aber es gibt auch die anderen, die zufällig einschalten, neugierig werden und im besten Fall bis zum Ende des Gottesdienstes dabei bleiben. Diese Menschen erreichen wir mit unseren normalen Gottesdiensten in Brombach sonst nie. 

In der ersten Zeit der Gemeinden geschah in Troas ein Zwischenfall, der dazu passt. Paulus war auf seiner 3. Missionsreise unterwegs. Er besuchte noch einmal die Gemeinde in Troas. Dieser Ort war für ihn mit Erinnerungen verbunden, hier wurde er von Gott nach Europa gerufen in ein neues Missionsfeld.

Apostelgeschichte 20,6-12

Wir aber fuhren nach den Tagen der Ungesäuerten Brote mit dem Schiff von Philippi ab und kamen am fünften Tag zu ihnen nach Troas und blieben dort sieben Tage. Am ersten Tag der Woche aber, als wir versammelt waren, das Brot zu brechen, predigte ihnen Paulus, und da er am nächsten Tag weiterreisen wollte, zog er die Rede hin bis Mitternacht. Und es waren viele Lampen in dem Obergemach, wo wir versammelt waren. Es saß aber ein junger Mann mit Namen Eutychus in einem Fenster und sank in einen tiefen Schlaf, weil Paulus so lange redete; und vom Schlaf überwältigt fiel er hinunter vom dritten Stock und wurde tot aufgehoben. Paulus aber ging hinab und warf sich über ihn, umfing ihn und sprach: Macht kein Getümmel; denn es ist Leben in ihm. Dann ging er hinauf und brach das Brot und aß und redete viel mit ihnen, bis der Tag anbrach; und so zog er hinweg. Sie brachten aber den jungen Mann lebend herein und wurden nicht wenig getröstet.

Die Gemeinde ist gewachsen. Man traf sich zum Gottesdienst im 2. Stock eines Privathauses. Das Wohnzimmer quoll über, jeder wollte Paulus treffen. Mit Kerzen war der Raum beleuchtet, entsprechend schlecht war die Luft. Paulus kam beim Predigen so richtig in Fahrt. Er hatte ja so viel in Europa erlebt und wollte der Gemeinde alle seine Erkenntnisse weitergeben. Ein junger Mann war auch dabei, für ihn gab es nur noch einen Sitzplatz auf der Fensterbank. Von ihm wird berichtet, dass er einschlief, warum, bleibt offen. War es die schlechte Luft, war er einfach müde – Sonntag war damals ja nicht arbeitsfrei, war er uninteressiert, hatte er einfach abgeschaltet? Jedenfalls konnte er sich nicht mehr wach halten, schlief ein und stürzte in den Hof. Soweit das Geschehen in Troas.

Aus dem Gottesdienst und aus der Gemeinde herauszufallen, kann vielfältige Gründe haben. In einer Arbeitsgruppe währende der Freizeit mit Jugendlichen des Kirchlichen Unterrichts nannten die Jugendlichen: Totlangweilige Gottesdienste, niemand ist für mich da, Richtigkeiten, aber ich weiß nicht, wie ich sie anwenden soll. 

Wer ist bei uns „herausgefallen“? Ein Blick ins Kirchenbuch reicht da schon. Mancher ist weggezogen und so aus dem Blick geraten. Manche hat weggeheiratet und setzt nun andere Prioritäten vielleicht am neuen Ort. Einer ist vergrault worden durch Enge, Strenge und Gesetzlichkeit ohne Liebe. Und eine fand keine Vorbilder oder Menschen, die sie begleiteten.

Jesus nennt in den Gleichnissen von Lukas 15 drei Arten des Herausfallens:

  • Das verlorene Schaf hat sich auf neugieriger Erkundungstour verirrt.
  • Der verlorene Groschen ist verloren worden, er konnte nichts dafür. Das Kind, das ohne Liebe und Gott aufwächst, wird einfach fallengelassen.
  • Der verlorene Sohn geht bewusst auf Abstand und sucht nach einem alternativen Lebenskonzept.
Auf diese „Herausgefallenen“ richtet Jesus seinen Blick und ruft uns, seinen Blickwinkel einzunehmen. 

Wie geht es nun in Troas weiter? Die Gemeinde wird auf die Lücke aufmerksam. Sie laufen in den Hof und stellen fest, dass Eutychus tot ist. In dieser kurzen Schilderung steckt eine ganze Menge Evangelium. Der Heilige Geist stößt jemand an, den leeren Platz zu bemerken, seine eigenen Interessen zurückzustellen, sich von Paulus loszueisen und in den Hof zu rennen.  Wer wird bei uns angestoßen, um einen freien Platz zu bemerken? Eine Bläserin erzählte mir bei einer Freizeit ihre Lebensgeschichte, und sie sagte: „Niemand war da, der mir nachgegangen ist.“ Sie ist im übertragenen Sinne aus dem Fenster der Gemeinde gefallen, und niemand hat es bemerkt. Das tut weh und lässt Vertrauen absterben. 

Paulus geht dem Herausgefallenen auch hinterher. Er legt sich auf den Toten und umfängt ihn. Ich sehe darin weniger eine magische Handlung, als vielmehr ein seelsorgliches Umgehen. Mit seiner Liebe umfängt Paulus den Eutychus, er teilt seinen Lebensatem mit ihm, er bleibt dicht bei ihm und zerrt ihn nicht halbtot zurück in die Gemeinde. Durch Paulus wirkt Gott und schenkt Eutychus das Leben zurück. Paulus konnte für Gott nur Hilfsdienste tun, das Entscheidende tat Gott. So ist es immer ein Wunder, wenn ein Herausgefallener gefunden wird. Wir können nur Hilfsdienste für Gott tun, uns als seine Türöffner betätigen. Wann er hilft, ist seine Sache. Das kann uns schon ganz schön viel Ausdauer und Geduld abverlangen.

Wieder am Leben wird Eutychus, übersetzt: der hat Glück gehabt!, wieder in die Gemeinschaft der Gemeinde geholt. Ein Osterwunder ist geschehen, und so feiert die Gemeinde das Abendmahl. Jesus hat dieses Wunder vollbracht, und alle wollen Anteil an Jesus haben. Der Gottesdienst verändert sich nun in seiner zweiten Hälfte. Die Predigt ist nicht mehr frontal, man tauscht sich aus über Erfahrungen mit Gott. Auch Eutychus kann zu Wort kommen, er bleibt nun wach. Der Gottesdienst hat Folgen. Viele werden getröstet. Wer miterlebt, dass ein Herausgefallener wider zurückfindet, der weiß, Gott kümmert sich um jeden. Das lässt Hoffnung für das eigene Leben wachsen und ist Glaubensstärkung.

Zurück zu unserer Ausgangsfrage, warum wir diesen Fernsehgottesdienst bei uns feiern. Der Gottesdienst ist unser Beitrag, um denen nachzugehen, die aus Fenstern aller Art herausgefallen sind. Wir wollen Sehnsucht nach dem Guten Hirten wecken, der zurückbringt, und hoffen, dass wer am Boden liegt, Gottes Seelsorge und Umfangen erlebt. Alle Mühe der vergangenen und nächsten Tage lohnt sich, wenn nur einer vom Boden aufgehoben wird, wie damals bei dem einen Schaf, auf das 99 warten mussten.

Vor Jahren habe ich diese Geschichte mit einem Jugendkreis als Fotostory nachgespielt. Ein Junge in der Gruppe sprach nur wenig und konnte den meisten Programmen kaum folgen. Aber hier hatte er eine ganz besondere Rolle. Immer wenn die Jugendliche, die Eutychus spielte, sich für die Kamera aus dem Fenster fallen lassen wollte, sprang dieser Junge auf und zerrte sie zurück in den Raum. Wir konnten das Foto einfach nicht bekommen, ohne unseren besonderen Jungen beim Retten mit zu fotografieren. Er hielt uns die Predigt auf seine Weise.

Viel besser als die Seelsorge im Hof ist die Seelsorge während des Gottesdienstes und Gemeindelebens. Pass auf deinen Nachbarn auf, lass dir den Blick für ihn schenken. Dann muss er oder sie gar nicht erst herausfallen.

Cornelia Trick


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