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Liebe Gemeinde, liebe Schwestern
und Brüder,
Bei einer Sitzung hörte ich ein Bibelwort, das mir ins Herz gefallen ist. Ich möchte es heute Morgen mit Ihnen teilen, denn Gemeinde ist mehr als eine Summe von Menschen, die auf Gottes Wort hören wollen. Gemeinde ist füreinander da, miteinander unterwegs und trägt einander. Galater 6,1-5 Paulus kämpft in seinem Brief an die Galater gegen Leute in der Gemeinde, die neben dem Glauben an Jesus noch andere Bedingungen für Christen stellen. Sie fordern, dass sich Christen beschneiden lassen, wie es das jüdische Gesetz vorschreibt. Paulus argumentiert, dass allein der Glaube an Jesus Christus zählt. Es gibt keinen Ticketschalter im Vorverkauf, wo man die Eintrittskarte in die Gemeinde Jesu durch Beschneidung kaufen kann. Nur die Beziehung zu Jesus zählt an der Eingangstür der Gemeinde. Im zweiten Teil des Briefes entfaltet Paulus, wie die neue Gemeinschaft mit Jesus aussieht. Sie ist geprägt von der Liebe, die Gott seinen Kindern schenkt, und wirkt sich aus in einer Fülle von Gutem, das aus dieser Liebe erwächst, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte und Treue. Doch brauchen diese Früchte einen gesunden nährstoffreichen Boden, um ungehindert wachsen zu können. Ein solcher Boden ist eine Gemeinschaft, in der einer die andere trägt. Härteste Probe für die Gemeinschaft ist, wenn jemand eine Verfehlung begangen hat, sich von Gottes Willen entfernt hat und dadurch die Gemeinschaft mit Gott und zu den Mitchristen gestört wird. Gerne spekulieren wir über die Arten der Verfehlungen, die hier gemeint sein können. Sicher geht es nicht um schwere Verfehlungen, die von unserem Strafgesetzbuch geahndet werden, sondern um Schuld, die im ganz alltäglichen Miteinander entsteht und Wunden reißt. In der Bibel werden diese Verfehlungen in zwei große Bereiche sortiert. Die Sünden des Fleisches sind moralische Fehltritte, Geld, Sex und Macht sind oft die Stichworte, die dazugehören. Doch neben diesen offensichtlichen Sünden nennt die Bibel die Sünden des Geistes, die aus der Selbstüberhebung über Gott und Nächste resultieren: Stolz, Arroganz, Selbstgerechtigkeit und Kritiksucht. Bei den Jesusbegegnungen treffen wir immer wieder das Dreiergespann an, einer, der wegen einer moralischen Verfehlung im Mittelpunkt steht, welche, die ihn verurteilen und ihre Selbstüberhebung offenbaren und Jesus, der beiden vor Augen führt, dass sie im gleichen Boot sitzen und seine Vergebung brauchen. Die Aufgabe der Gemeinschaft ist, den Sünder mit Nachsicht und Sanftmut zurecht zu bringen. Wie die Gemeinschaft dies gestaltet, ist Zeichen, ob sie vom Heiligen Geist regiert wird. Jede Gemeinschaft kann auch verschiedene Weise auf Verfehlungen reagieren. Man kann die Verfehlung aufzeigen und bestrafen. Die Ordnung wird wieder hergestellt, die Gemeinschaft geschützt. Doch was geschieht mit dem Sünder? Man kann die Verfehlung mit anderen diskutieren. Der Sünder wird ausgegrenzt, ohne dass er merkt, warum. Die anderen fühlen sich ihm überlegen und lassen ihn allein. Die Verfehlung wird ignoriert, um möglichst die Gemeinschaft nicht zu belasten. Doch die Sünde ist wie eine eiternde Wunde, sie heilt nicht, wenn man sie wegschließt. Sie infiziert die ganze Gemeinschaft. Dem Sünder wird keine Chance gegeben, von seiner Last los zu kommen. Paulus zeigt im Galaterbrief
einen anderen Weg auf, wie Zurechtbringen geschehen kann:
Die Last des anderen ist
hier weniger seine Lebenslast, vielleicht eine Behinderung, eine schwierige
Familienkonstellation, Probleme bei der Arbeit. Die Last ist hier eng gefasst
Sündenlast. Stellvertretend sollen wir die Sündenlast des und
der anderen zu Jesus bringen, wie er unsere Sünden ans Kreuz getragen
hat. So ist ein Zwischenschritt nötig, bevor wir daran gehen, jemand
auf seine Fehler hinzuweisen. Wir sind aufgefordert, für ihn zu beten,
und zwar so, als wäre es unsere Sünde, die wir verbockt haben.
Aus diesem Gebet wachsen erst die nächsten Schritte, dass der Sündigende
Einsicht bekommt und sich vergeben lassen will, dass wir uns klar werden,
wie wir ihm dabei helfen können. Doch die wichtigste Tat ist, sich
die Sünde aufs eigene Herz zu binden und so zu Jesus zu kommen. Aus
dieser Annahme heraus geschieht alles Weitere zum Guten. Voraussetzung des Für-Tragens und Für-Bittens ist die Selbstprüfung. Kann ich vor Gott bestehen? Wo sind meine Fehler, die Gemeinschaft zerstören? Wo brauche ich Für-Tragen und Für-Beten? Denn erst eine realistische Selbsteinschätzung bewahrt uns davor, Steine in die Hand zu nehmen und auf den Sünder zu werfen. Auch ich bin nicht besser oder schlechter als der andere. Ein Vergleich mit ihm führt zu nichts. Auch ich bin angewiesen auf Jesu Zusage und Vergebung. Ich darf mich freuen, dass meine Sünden ins tiefe Meer geworfen sind. Und davor steht ein großes Schild „Angeln verboten!“ Nach diesen Sünden brauche ich nicht mehr zu angeln, sie sind vergeben, ich bin frei von der Last. Am Ende des Lebens und der Zeiten werden wir mit unserem ganz persönlichen Lebensbuch zu Gott kommen. Da stehen dann nicht mehr die Lasten und Sünden der anderen darin, die wir mitgetragen haben. In unserem Lebensbuch stehen nur unsere eigenen Erträge, die guten Früchte und die fauligen. Gut, wenn in unserem Lebensbuch steht, dass wir Für-Tragende waren, die sich selbst auch haben tragen lassen und so frei geworden sind von manchen Lasten, um Jesus folgen zu können ohne Balast. Die Ausgangsfrage des Paulus lautete: Wie kann die neue Gemeinschaft in Christus gelingen? Sie gelingt, wenn wir füreinander eintreten, die Lasten des anderen auf unsere eigenen Herzen binden und sie zu Jesus bringen. Da geschieht Befreiung – und Befreite können ungehindert Liebe fließen lassen, Freude, Frieden, Geduld und vieles Andere. Dieser Tage sehen wir dem Zug der Kraniche gen Süden zu, wenn sie über unseren Ort hinweg fliegen. Faszinierend ist, dass ein krankes Tier von zwei gesunden zum Boden eskortiert wird und sie es pflegen, bis es wieder fliegen kann. Die Kraniche leben es uns vor, was es heißt, einander zu tragen. Mögen wir den Mut haben, uns wie der Bruder im Kloster der Gemeinschaft anzuvertrauen, die uns trägt, begleitet und für uns betet. Cornelia
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