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Gottesdienst am 28.03.2010
Liebe Gemeinde,
Im Vorderen Orient um
das Jahr 0 herum lebte ein Bauer mit seiner Frau auf einem kleinen Stückchen
Land. Sie konnten gerade so davon leben. Die Frau wurde krank, brauchte
Hilfe, die so teuer war, dass der Bauer die Arztrechnungen nicht mehr bezahlen
konnte. Er musste einen Kredit aufnehmen. Seine Frau starb, und gleichzeitig
war es die schlimmste Missernte seit Jahren. Er hatte keine Chance mehr,
seine Schulden zurückzuzahlen. Zu seinem Kummer kam die wirtschaftliche
Katastrophe. Ihm blieb nichts anderes übrig, als sich eines Tages
auf den Markt zu stellen mit einem Schild um den Hals: „Zu verkaufen!“
Er musste sich selbst verkaufen, um seine Schulden zurück zu zahlen.
Was ihm blieb, war ein Leben als Sklave, völlig abhängig von
seinem Herrn, ausgebeutet bis zum Umfallen, ohne Selbstbestimmungsrecht.
Ein Märchen? Nein,
bittere Realität für viele Menschen damals und bittere Realität
für Gott selbst. Denn nicht irgendein Bauer stellte sich dort auf
den Marktplatz, sondern Gott selbst. Gott verkaufte sich an die Mächte
dieser Welt, um die Schulden der Menschheit zu bezahlen. Ist das zu fassen?
Kein Wunder, dass die Leute
am Palmsonntag vor den Toren Jerusalems Jesus zujubelten. Sie gingen ja
davon aus, dass Jesus in seiner ganzen Gottesfülle nun für immer
die Herrschaft übernehmen würde. Dass die Auferweckung des Lazarus
sich nun wiederholen würde, Menschen endlich befreit von allen Mächten
dieser Welt leben könnten. Sie verstanden nicht, dass Jesus als Sklave
gekommen war, als einer, der sich in die Fänge dieser Mächte
begab, um die Auslösesumme zu bezahlen. Sie ahnten nicht, dass dem
Einzug Jesu schon bald ein ganz anderer Auszug folgen würde, der Kreuzweg
nach Golgatha.
Können wir es denn
fassen und verstehen?
Ein Lied, das Paulus in
seinem Brief an die Gemeinde in Korinth zitierte, vollzieht den Weg Jesu
für uns nach. Es öffnet uns die Augen für Gottes Liebe zu
uns und führt zum Mitsingen, zu neuem Vertrauen und zu einem getrosten
Weg hinein in diese Karwoche.
Philipper 2,5-11
Seid so unter euch gesinnt,
wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht:
Er, der in göttlicher
Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein,
sondern entäußerte
sich selbst und nahm Knechtsgestalt an,
ward den Menschen gleich
und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.
Er erniedrigte sich selbst
und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.
Darum hat ihn auch Gott
erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist,
dass in dem Namen Jesu
sich beugen sollen aller derer Knie,
die im Himmel und auf
Erden und unter der Erde sind,
und alle Zungen bekennen
sollen,
dass Jesus Christus der
Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.
Paulus lässt das Christuslied
nicht im luftleeren Raum schweben. Es ist verankert in der konkreten Gemeinde.
Sich mit Jesus auseinanderzusetzen, bedeutet, für sich selbst neue
Maßstäbe zu bekommen. Jesus geht voran, um uns nach seinem Vorbild
zu prägen. So ist das Lied eine Ermutigung, sich Jesus hinzuhalten,
damit er prägen kann.
Jesus nahm Knechtsgestalt
an
Fast beiläufig klingt
der Anfang des Liedes. Jesus war vor aller Zeit und vor Erschaffung der
Welt Gott gleich. Er gehörte zu Gott und beide waren in enger Liebesgemeinschaft
als Vater und Sohn verbunden. Gott war nicht der Alleinherrscher an der
Schaltzentrale, sondern auf das Du hin ausgerichtet. Jesus war nicht verlängerter
Arm Gottes, sondern sein Gegenüber. So kann man sich gut vorstellen,
wie die beiden ihrer Liebe Ausdruck verliehen, indem sie die Welt schufen.
Auch die Welt gestalteten sie als Gegenüber, das Antwort gibt. So
blieb Adam nicht allein, sondern bekam Eva als Du geschenkt. So wird uns
erzählt, wie Gott abends durch den Garten Eden ging, um sich am Gegenüber
der Menschen zu freuen und mit ihnen zu reden. Wie muss es Gott und seinen
Sohn verletzt haben, dass die Menschen sich von ihm abwandten und einer
anderen Macht Antwort gaben. Die Bibel nennt diese andere Macht Sünde.
Seitdem musste Gott zuschauen, wie seine Menschenkinder mit fester Zange
im Griff gehalten wurden, von der Sklaventreiberin Sünde gehindert,
ihm Antwort zu geben. So ist Gott selbst in das Elend des menschlichen
Lebens gekommen, Jesus ließ sich senden, verzichtete auf alle göttlichen
Herrschaftsansprüche und wurde einer wie wir, unter der Macht der
Sünde lebend, bedroht von vielem und gezeichnet vom Tod. Er kam den
Menschen so nahe, dass sie ihn hören konnten, ihren Blick von den
Fesseln zum Himmel richten konnten und sich wieder neu Gott anvertrauten,
der sie nicht mich Schlägen, sondern mit Liebe umgeben wollte.
Auch als Mensch verleugnete
er seine Herkunft nicht. Im Gegenteil, er wies mit seinem ganzen Leben
auf Gott hin. Er war wie ein Fenster zum Himmel, wer ihn sah, konnte den
Vater im Himmel sehen. Seine göttliche Autorität mitten in den
Gegebenheiten dieser Welt wird auch für uns aus den Berichten über
Jesus in den Evangelien dreifach sichtbar.
Führende Psychologen
des 20. Jahrhunderts nannten als Urantrieb menschlichen Lebens eine ungestillte
Sehnsucht, sei es nach Liebe (Freud), Sicherheit (Jung) oder nach Anerkennung
(Adler). Jesus sagt von sich: „Ich bin das
Brot des Lebens.“ Wer Jesus im Herzen hat,
dessen Ur-Sehnsucht nach Liebe, Geborgenheit und Bedeutsamkeit für
andere ist gestillt. Er ist mit Gott verbunden, der sein Du sein will.
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Jesus vergibt Sünden
(Markus 2,5)
Vielleicht haben wir uns schon
daran gewöhnt, dass Jesu Sündenvergebung einfach eine Ungeheuerlichkeit
ist, die letztlich Jesus das Leben gekostet hat. Stellen wir uns vor: Frau
Maier fährt Herrn Müller an, der verletzt im Krankenhaus landet.
Die Schuldfrage ist für uns eigentlich eindeutig. Frau Maier ist schuld
und muss sich bei Herrn Müller entschuldigen. Dazu gibt es noch eine
Strafe, weil die öffentliche Ordnung gestört wurde. Aber Jesus
sagt zu Frau Maier: „Ich habe dir vergeben!“ Das setzt voraus, dass dieser
Unfall zuallererst Jesus getroffen hat. Dass letztlich alle Schuld zuerst
Jesus betrifft und er deshalb vergeben muss, um einen Neuanfang zu ermöglichen.
Hier wird Jesu Autorität deutlich. Er ist selbst in der Lage, Menschen
aus dem Unheilszusammenhang von Schuld und Strafe zu befreien. Wenn er
vergeben hat, ist der Weg nach vorne frei. Natürlich muss sich Frau
Maier trotzdem bei Herrn Müller entschuldigen, aber ihr ist von höchster
Instanz vergeben worden. Welche Auswirkung eine solche hochrichterliche
Vergebung haben kann, sehen wir an vielen Berichten der Evangelien: Gelähmte
konnten wieder aufstehen. Blinde wurden sehend. Was sie festgehalten und
blind gemacht hat, war aus dem Weg geräumt.
An Jesus wird sich entscheiden,
wie unsere Zukunft aussieht. Wenn wir bei ihm sind, wird er uns ins Leben
führen. Wenn wir ihn ablehnen, wird er uns im letzten Gericht über
unser Leben ablehnen. Er ist die Tür, die in die Ewigkeit führt.
Wer nicht durch diese Tür gehen will, wird dazu nicht gezwungen, aber
mit den Konsequenzen konfrontiert. Diesen Anspruch, die Tür zur Ewigkeit
zu sein, kann kein Mensch erheben. Denn die Tür kann nur von Gott
her geöffnet werden. Wer Tür ist, gehört zu Gott.
Jesus kam auf diese Erde,
um Menschen auf Gott aufmerksam zu machen. Er sprach die Sprache, die die
Menschen hören konnten. Doch immer wieder wird uns berichtet, dass
Leute ihn zwar hörten, aber nicht verstanden, wovon er redete. Sie
lebten ja noch als Sklaven, die Macht hatte sie im Griff.
Gehorsam bis zum Tode am
Kreuz
Die wichtigste Zeile des Jesusliedes
steht in der Mitte: „Er erniedrigte sich selbst
und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.“ Jesus
teilte unser Menschenschicksal. Wir alle werden sterben. Der Tod, so sagt
es die Bibel, ist der Preis, den wir zu zahlen haben als Sklaven der Sünde.
Doch Jesus erniedrigte sich nicht nur soweit, dass er wie wir starb, sondern
er ließ sich zudem noch von den Menschen, denen er solidarisch wurde,
erniedrigen, hinaus stoßen und wie ein Verbrecher, der kein Daseinsrecht
mehr in der Gemeinschaft hat, töten. Diese viel tiefere Erniedrigung
bedeutet Befreiung. Die Schuld ist mit Jesu Tod als Verbrecher ein für
allemal bezahlt. Die Sklaven sind freigekauft. Mehr kann nicht bezahlt
werden, als dass Gott selbst sich verkaufen lässt für sie. Durch
Jesu Tod ist der Klammergriff der Sünde zerbrochen. Sie hat keinen
Ansatzpunkt mehr bei denen, die Jesus für sich zahlen lassen. Sie
wird zwar immer wieder versuchen, nach den Freigekauften zu greifen, aber
sie findet keinen Halt an ihnen. Sie gehen der Sünde mit ihrem tückischen
Werben nicht mehr auf den Leim: „Sollte Gott
gesagt haben?“ Sie wissen: „Gott will das
Beste, denn er hat wirklich alles für mich eingesetzt.“
Darum hat ihn Gott erhöht
Aus der doppelten Erniedrigung
– Gott wird Mensch – als Mensch wird er aus der Solidarität des menschlichen
Lebens hinaus gestoßen – erhöht ihn Gott und setzt ihn als den
ein, der er immer schon war, Gottes Sohn. Er ist nun der gesalbte König,
der sein Volk freigekauft hat. Er nimmt den Lobpreis der Befreiten entgegen.
Gott kommt zu Ehren, der alles in allem ist.
Für uns
Das Christuslied will uns
vor Augen führen, welche Liebe Gott zu uns hat, dass er sich so weit
hinab begibt, um uns dort aufzufangen. Das Kreuz ist Symbol für seinen
Freikauf. Palmsonntag geht nicht bruchlos zum Osterfest über. Der
Karfreitag ist notwendig, um die ganze Brutalität der Sünde zu
offenbaren und sie zu besiegen. Die Macht der Sünde hält unsere
Welt nach wie vor im Griff. Die Schlagzeilen von missbrauchten Kindern
und Jugendlichen und die vielfältigen Vertuschungen dieser Zustände
führen uns das überdeutlich vor Augen. Jesus hat uns losgekauft,
aber leider bleiben wir oft lieber als Sklaven bei unserem alten Herrn,
als in Freiheit Jesus zu neuen Ufern zu folgen. Das Lied lädt uns
ein, uns diesem Jesus anzuvertrauen, den Kreuzweg nach Golgatha mitzugehen
und seinen Loskauf zu akzeptieren. Ja, danach wird und muss sich vieles
ändern. Wir werden mit Jesu Hilfe Gottes Willen gehorchen. Wir werden
unser Gehör immer besser auf Jesus einstellen und unsere Augen von
ihm schulen lassen. Wir werden seine Vergebung praktizieren und versöhnt
mit unseren Mitmenschen leben. Und wir werden im Miteinander nicht unsere
Herrschaftsansprüche durchdrücken, sondern darauf achten, was
dem anderen dient und Jesus entspricht. So werden wir weitere Strophen
des Liedes dichten, Strophen, die von Jesu Weg mit uns handeln, von seinem
Loskauf und dem neuen Leben. Von seinem Brot und unserer gestillten Sehnsucht,
von seiner Liebe und seinen geliebten Menschen. Wir können heute schon
anfangen zu dichten. Das Hosianna ist ein guter Anfang.
Refrain Kommt, atmet auf,
ihr sollt leben. / Ihr müsst nicht mehr verzweifeln, nicht länger
mutlos sein. / Gott hat uns seinen Sohn gegeben. / Mit ihm kehrt neues
Leben bei uns ein.
1. Ihr, die ihr seit langem
nach dem Leben jagt / und bisher vergeblich Antworten erfragt: / Hört
die gute Nachricht, dass euch Christus liebt, / dass er eurem Leben Sinn
und Hoffnung gibt./ Refrain
2. Ihr seid eingeladen,
Gott liebt alle gleich. / Er trennt nicht nach Farben, nicht nach Arm und
Reich. / Er fragt nicht nach Rasse, Herkunft und Geschlecht. / Jeder Mensch
darf kommen. Gott spricht ihn gerecht./ Refrain
3. Noch ist nichts verloren.
Noch ist Rettung nah. / Noch ist Gottes Liebe für uns Menschen da.
/ Noch wird Leben finden, wer an Jesus glaubt. / Noch wird angenommen,
wer ihm fest vertraut./ Refrain
(Peter Strauch)
Cornelia
Trick
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