Gottesdienst am 04.06.2000
Liebe Gemeinde,
wir feiern heute miteinander
Abendmahl. Jesus
selber hat uns die Möglichkeit geschenkt, unsere Verbundenheit mit
ihm in den Zeichen von Brot und Wein bzw. Saft immer wieder neu lebendig
werden zu lassen. Das Abendmahl ist das Zeichen des neuen Bundes, den Gott
durch Jesu Tod und Auferstehung mit uns Menschen geschlossen hat. Diesem
Stichwort wollen wir heute nachgehen: Was ist das für ein neuer Bund
, von dem in den Einsetzungsworten die Rede ist - und was ist mit dem alten
Bund, den der neue Bund ablöst?
Das Stichwort Bund zieht
sich durch die gesamte Bibel und charakterisiert das Verhältnis zwischen
Gott und Menschen. Das Alte Testament redet von verschiedenen Bundeschlüssen:
Da ist der Noahbund - mit dem Zeichen des Regenbogens und der Verheißung,
dass Gott niemals mehr eine Katastrophe wie die Sintflut zulassen wird.
Da ist Gottes Bund mit Abraham, dem Gott den Sternenhimmel zeigt und ihm
viele Nachkommen und ein eigenes Land verheißt. Und da ist schließlich
der Bund, den Gott mit dem Volk Israel am Sinai schließt, in dem
er ihnen verspricht, ihr Gott zu sein und sie versprechen, seine Gebote
zu beachten. Gott als der Schöpfer und Herr der Welt verbündet
sich mit den Menschen. Er macht verlässliche Zusagen und stellt die
Gemeinschaft dadurch auf eine feste Basis. Was für ein großes
Geschenk! Von Anfang an bleibt Gott nicht der verborgene Gott, nicht der
unberechenbare Gott, nicht der distanzierte Gott, der tun und lassen kann,
was er will. Nein, er gibt sich zu erkennen, er verspricht, für die
Menschen da zu sein, sich um sie zu kümmern, ihnen Zukunftsperspektiven
zu eröffnen. Und staunend können die Menschen nur immer wieder
feststellen: Gott macht seine Verheißungen wahr, was erzusagt, ist
wirklich verbindlich.
Auf der menschlichen Seite
sieht es leider oft anders aus: Es fehlt an Verlässlichkeit und Verbindlichkeit.
Am deutlichsten wird das sichtbar am Umgang mit den Geboten, die Gott seinem
Volk geschenkt hat. Die Gebote sind ja keine Verbote um die Lebensmöglichkeiten
einzuengen, sondern im Gegenteil Hilfen dazu, dass das Leben mit Gott und
miteinander gelingen kann. Trotzdem werden sie immer wieder gebrochen,
weil Einzelne ihren eigenen Vorteil suchen, Macht haben wollen, sich von
Hass und Egoismus leiten lassen und so die Gemeinschaft zerstören.
Wie schmerzhaft muss das für Gott sein.
Und doch gibt er seinem
Volk immer wieder eine neue Chance, hält seinerseits an dem Bund fest.
Bis dann der Punkt gekommen ist, von dem der Prophet Jeremia redet: Gott
lässt das Volk Israel die natürlichen Konsequenzen seiner
Unverbindlichkeit spüren: Das Land wird erobert, das Volk in alle
Winde zerstreut. Aber dabei lässt Gott es nicht bewenden. Seine Liebe
zu seinem Volk und der Welt, die er geschaffen hat, ist so groß,
dass er noch einmal einen neuen Bund schließen will. Davon redet
Jeremia in seinem Trostbüchlein.
Jeremia 31,31-34
"Gebt acht!" sagt der HERR. "Die
Zeit kommt, da werde ich mit dem Volk von Israel und dem Volk von Juda
einen neuen Bund schließen. Er wird nicht dem Bund gleichen, den
ich mit ihren Vorfahren geschlossen habe, als ich sie bei der Hand nahm
und aus Ägypten herausführte. Diesen Bund haben sie gebrochen,
obwohl ich ihnen doch ein guter Herr gewesen war. Der neue Bund, den ich
dann mit dem Volk Israel schließen will, wird völlig anders
sein: Ich werde ihnen mein Gesetz nicht auf Steintafeln, sondern in Herz
und Gewissen schreiben. Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk
sein", sagt der HERR. "Niemand muß dann noch seinen Nachbarn belehren
oder zu seinem Bruder sagen: 'Lerne den HERRN kennen!' Denn alle werden
dann wissen, wer ich bin, von den Geringsten bis zu den Vornehmsten. Das
sage ich, der HERR. Ich will ihnen ihren Ungehorsam vergeben und nie mehr
an ihre Schuld denken."
Teil 2
Der Prophet Jeremia hatte
mitten im Untergang der Babylonischen Zerstörung schon eine Sicht
auf Gottes Handeln in der Zukunft. Wie ein kleines Hoffnungspflänzchen
sind seine Worte inmitten von Trümmerhaufen, die von dem neuen Bund
sprechen. Der neue Bund tritt nicht mehr als Forderung an uns Menschen
heran, sondern ist als ganz großes Geschenk in unsere Herzen geschrieben.
Dieser Bund ist in Jesus Christus Wirklichkeit geworden. Jesus, der Sohn
Gottes, der Vertreter Gottes auf Erden, er lebte vor, was es heißt,
mit Gott im Bunde zu sein. Er lud Menschen am Weg ein, ebenfalls Gott zu
vertrauen und Salz und Licht in dieser Welt zu sein. Jesus konnte Menschen
in den neuen Bund einladen, weil er die Vertragsbedingungen für sie
mit seinem Leiden und Sterben erfüllte. Nicht sie mussten den Misthaufen
abarbeiten, der sich zwischen Gott und ihnen auftürmte - weil sie
eben nicht nach seinen Geboten leben konnten -, sondern Jesus hat das alles
weggenommen und den unbeschwerten Zugang zu Gott ermöglicht. In den
neuen Bund eintreten kann nun jede und jeder, der sich allein auf Jesus
Christus beruft. Von seinem Konto werden die Abbuchungen vollzogen, er
steht dafür ein. Und er gibt die Kraft dazu, in diesen neuen Bund
nicht nur einzutreten, sondern auch darin zu bleiben. Denn sonst können
sich ja die Misthaufen wieder ganz neu ansammeln. Gottes Wille ist in diesem
neuen Bund keine Aufforderung, der man widerwillig folgt, wie die Kinder,
wenn die Mutter zum Aufräumen ermahnt, sondern Gottes Wille ist nun
Herzensangelegenheit, innigster Wunsch ist es, ihm zu entsprechen.
Der neue Bund löst
den alten nicht ab, aber er ermöglicht es erst, in diesem schon Abraham
zugesagten Bund mit Gott zu leben und die einzigartige Liebe Gottes zu
uns Menschen zu entdecken. So erfüllt sich die alte Bundesformel:
"Ich will dein Gott sein
und du sollst mein Volk sein!" Und sie ist ausgeweitet vom Volk Israel
auf alle Völker der Erde.
Teil 3
Das hört sich schön
an und geht sogar über das hinaus, was Jeremia verheißen hat:
Der neue Bund gilt nicht nur dem Volk Israel, sondern in Christus allen
Menschen. Aber doch steht andererseits ja noch einiges aus von dem, was
im Jeremia-Text steht: Niemand muss dann noch seinen Nachbarn belehren...
Denn alle werden dann wissen, wer ich bin, von den Geringsten bis zu den
Vornehmsten. - Davon sind wir ja weit entfernt. Und selbst für die,
die Gottes Bundesangebot in Christus angenommen haben, ist es doch nicht
immer so leicht. Wie oft finde ich in meinem eigenen Herzen Gedanken und
Gefühle, die da eigentlich nichts mehr zu suchen hätten. Wie
oft verletze ich andere durch mein Verhalten, meine Worte oder meine Ungeduld.
Wie oft übertrete ich Gottes gute Ordnungen, die Jesus ja nicht
außer Kraft gesetzt hat, weil sie Hilfen zum Leben sind. Wie schön
wäre es, wenn Gottes Gebote wirklich so in mein Herz geschrieben wären,
dass ich nicht anders könnte, als aus der Verbindung mit Gott zu leben.
Doch wie das Thema des Sonntags "Exaudi" sagt, sind wir immer noch "wartende
Gemeinde". Durch Jesus Christus hat Gott einen neuen Bund mit uns geschlossen.
Durch Christus haben wir die Gewissheit, dass die Macht des Todes und des
Unrechts begrenzt sind. Aber trotzdem gehören sie noch zur Wirklichkeit
der gegenwärtigen Welt. Die endgültige Erfüllung der Jeremia-Verheißung
steht noch aus.
Teil 4
Ja, so sagt das Paulus im
8. Kapitel des Briefes an die Römer auch. Wir sind gerettet, doch
noch ist alles Hoffnung. Aber wir bekommen bereits eine Anzahlung: Der
Heilige Geist ist der Anfang des neuen Lebens. Wir müssen nicht in
unseren dunklen Tälern verzweifeln. Der Heilige Geist ist Jesu Stellvertreter
unter uns. Er ist die Kraft, die in uns Gottes Willen lebendig macht, die
Kraft, die den Willen Gottes in unser Herz und Gewissen schreibt.
Der Heilige Geist ist
somit auch die Anzahlung auf die Verheißungen Jeremias. Der neue
Bund ist schon in Kraft gesetzt. Und obwohl noch nicht jede und jeder in
ihn eingetreten sind, hat er jetzt schon konkrete Auswirkungen.
-
Wenn wir zu Jesus und seinem
Bund Ja sagen, ist unser Verhältnis zu Gott bereinigt und unsere Schuld
vergeben. Wir müssen uns nicht mehr verstecken wie Adam und Eva, als
sie Gottes Gebot übertreten hatten. Wir dürfen Vergebung empfangen
und wieder frei und offen mit Gott leben. Da denke ich an den jungen Zugführer,
der mitverantwortlich war, dass der Zug in Brühl entgleiste und viele
Menschen in den Tod riss. Auch ihm gilt diese bedingungslose Vergebung
Gottes. Er hat getötet, aber er muss mit dieser Schuld nicht allein
bleiben. Jesus ist auch für ihn gestorben. Er darf neu anfangen -
befreit von der Last, die ihm nach menschlichen Maßstäben doch
lebenslang nachhängt.
-
Diese tiefe Versöhnung
wirkt sich im Miteinander aus. Wenn dieser junge Mann hier zur Gemeinde
findet, dann trifft er hier auf Menschen, die von der gleichen Vergebung
her leben. Wir haben ihn ihn Liebe aufzunehmen und ihm nichts nachzutragen.
Wir können ihn in die Arme nehmen und ihn schützen vor den Angriffen
einer Gesellschaft, die Schwächen weder vergibt noch vergisst. Wo
- wenn nicht hier - wird die Versöhnung durch Jesus Christus hautnah
gelebt.
-
Der Heilige Geist schenkt
die Kraft zu einem Verhalten, das den Geboten Gottes entspricht. Sie sind
ja in dem neuen Bund nicht aufgehoben. Aber sie sind nicht mehr "die verbotene
Weide, die Appetit macht", sondern sind Ampeln, die ein deutliches rotes
Signal geben. Jeremia geht davon aus, dass in dem neuen Bund jede und jeder
die roten Ampeln eindeutig erkennt. Aber es bedarf einer Fahrschule des
Glaubens, um den geschulten Blick für die roten Ampeln zu bekommen.
Und die Schule dauert lebenslang - denken wir nur an das Gebot, nicht Falsches
über unseren Mitmenschen zu verbreiten...
-
Der Heilige Geist gibt jetzt
schon Hoffnung, dass Gottes Wille in die Welt hinein wirkt. Da werden durch
diesen Geist unsere Beziehungen verändert, unser Arbeitsverhältnis
durchdrungen, unsere Schwachheit überwunden. Die ersten Christen haben
dieser offensiven Kraft des Heiligen Geistes viel zugetraut. Sie erwarteten,
dass der Heilige Geist ihre ungläubigen Ehepartner und ihre kleinen
Kinder durchdringen würde. Einen Versuch ist es wert, dieser Kraft
mehr Raum im Alltäglichen zu geben.
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Wer im neuen Bund lebt, hat
Ausstrahlungskraft. Salz und Licht der Welt zu sein ist unsere Berufung.
Der Heilige Geist will nicht im privaten Wohnzimmer eingesperrt bleiben.
Er will da zum Zuge kommen, wo es um Gottes Willen in unserem Leben geht,
am Arbeitsplatz, im Streitgespräch, bei der Kindererziehung, im Straßenverkehr,
im vertraulichen Gespräch mit der Freundin...
Wenn wir jetzt das Abendmahl
feiern, dann ist das Jesu Einladung, uns an seinen neuen Bund zu erinnern
oder auch ganz neu in ihn einzutreten. Er ist das Brot des Lebens für
uns, sein Blut ist der neue Bund, der uns Versöhnung und Lebensgemeinschaft
mit ihm bis in Ewigkeit schenkt. Welch ein Geschenk, dass Gott die Geschichte
mit uns nicht abgebrochen, sondern uns Jesus gegeben hat.
Irene
Kraft und Cornelia Trick
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