Danken und dann ...
Gottesdienst am 02.10.2005

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
ein großer Baum steht vor uns, der mittlerweile von unseren Dank-Früchten gefüllt wurde. Ja, wir haben vielfältigen Grund zum Danken und es tut gut, das Herz für Gottes Perspektive auf unser Leben zu öffnen. Baum mit DankfrüchtenDa sind nicht nur Leerstellen, wo wir vergeblich auf Früchte hoffen, da sind ganz viele Guttaten Gottes, die uns seiner Liebe wieder neu gewiss machen. Als reich Beschenkte könnten wir jetzt nach Hause gehen. Für die nächsten Stunden ist der Frust über die Gegenwart, die Angst vor morgen und die Sorge vor der Zukunft zurück gedrängt. Doch beschwingt uns die Dankbarkeit auch noch über diesen Tag hinaus?

Wenn es so wäre, hätte Jesus folgende Geschichte nicht erzählt und der Evangelist Lukas hätte sie in sein Buch über Jesus nicht aufzunehmen brauchen:

Lukas 12,16-21

Jesus sagte zwei Brüdern, die sich um das Erbe stritten, und seinen Jüngern ein Gleichnis und sprach:
Es war ein reicher Mensch, dessen Feld hatte gut getragen. Und er dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun? Ich habe nichts, wohin ich meine Früchte sammle. Und sprach: Das will ich tun: ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen, und will darin sammeln all mein Korn und meine Vorräte und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut! Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast? So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott. 

Jesus deckt auf

Zunächst handelt der Mann im Gleichnis völlig korrekt. Seine Felder haben gut getragen. Die Ernte ist größer als erhofft, seine Speicherkapazitäten reichen nicht aus. Er macht sich Gedanken, wie er verantwortungsvoll mit dem vielen Korn umgehen kann. Er entscheidet sich zur Vorsorge und investiert mit neuen Scheunen für die Zukunft. Vielleicht erinnert sich der Mann an Josef, einen der Stammväter Israels. Josef ordnete an, in den sieben Jahren reicher Ernte in Ägypten für die kommenden sieben Hungerjahre vorzusorgen. Josef ließ damals große Lagerhäuser bauen. Nichts anderes plant der Bauer in Jesu Beispielgeschichte.

Doch Jesus deckt auf, an welcher Stelle sich die Pläne des Mannes verselbständigen. Der Bauer spricht nur mit sich selbst über seine Zukunftspläne. In den wenigen Worten gebraucht er allein fünfmal das Wörtchen "Ich". Es geht ihm nur um sich selbst, seine Pläne, seine Zukunft, sein Wohlsein. Gott und die Mitmenschen des Bauern scheinen wie abgeschnitten.

Jesus erzählte dieses Gleichnis zwei Brüdern, die sich über Erbstreitigkeiten in die Haare gekommen waren. Er erzählt dieses Gleichnis uns heute am Erntedankfest. Er ermahnt uns, genau hinzuhören. Er freut sich mit uns über den vollen Baum an Dankenswertem, aber er fragt jetzt: "Und dann? Was macht ihr daraus?"

Er deckt auf, wo wir nach Hause gehen und sofort wieder ins alte Muster des Kornbauern verfallen, ins Selbstgespräch: "Wie regele ich mein Leben? Wie kann ich vorsorgen, dass ich sorglos leben kann? Wie bekomme ich mehr vom großen Kuchen ab? Wie kann ich das Leben mal genießen? Wie schaffe ich es, dass es vor allem mir gut geht?" Es wäre sicher unehrlich, würden wir uns bei diesen Fragen nicht ertappt fühlen. Jesus kennt uns. Er kennt unsere Angst, uns selbst zu verlieren, zu kurz zu kommen, nicht genug abzubekommen. Er kennt unseren Hunger nach mehr, immer mehr. Er leidet unter unseren Selbstgesprächen, die ihn nicht einbeziehen.

Und so ist es auch im Gleichnis. Der reiche Bauer spricht mit sich selbst. Er schneidet die Verbindung zu Gott ab. Er schneidet die Verbindung zu seinen Mitmenschen ab. Er bleibt ganz allein. Gottes Antwort darauf lautet: Du Narr! Denn Gott lässt sich nicht abschneiden. Er zeigt die ganze Konsequenz auf. Wer Gott vom eigenen Leben abschneidet, wird selbst abgeschnitten vom Leben, das Gott gibt. Der Bauer muss noch in der Nacht sterben. Statt Lebenssicherung erwartet ihn der Tod. 

Leben ohne Danken führt in den Tod

Der Bauer wollte mit seiner Vorratshaltung eine sorglose Alterssicherung erreichen. Er wollte sich das Paradies mit eigenen Händen erschaffen. Doch dieses Ziel war eine Fata Morgana, er hätte es nie erreicht. Mehr Scheunen hätten mehr Arbeit bedeutet, mehr Arbeit hätte ihm mehr Sorgen beschert, mehr Sorgen hätten ihm die Ruhe geraubt, er wäre weiter dem Ziel der Ruhe und Gelassenheit hinterhergehetzt. Sein Selbstgespräch war der erste Schritt in der Abwärtsspirale. 

Nun können wir diese Geschichte weit von uns weisen. Wer ist schon noch ein reicher Bauer? Wer von uns Mittelstandsleuten hat schon so viel eingefahren, dass er sich über Speicherkapazitäten Sorgen machen müsste? Wir sind doch nicht Bill Gates oder der Erfinder von Google, die wirklich Reichen dieser Zeit. Wir sind doch normale Menschen, vielleicht sogar mit einem Minus auf dem Kontostand. Aber die Geisteshaltung des Bauern trifft uns genauso. Wir kommen nach Hause und sofort setzt unser Selbstgespräch ein. Wir schauen auf uns und unsere Möglichkeiten. Wir versuchen, das Paradies selbst zu erschaffen. Wir rennen ihm hinterher wie einer Fata Morgana und merken nicht, wie wir langsam aber sicher in der Wüste verdursten.

Danken heißt Innehalten

Jesus will uns mit der Geschichte aufrütteln. Er gibt uns unmissverständlich zu verstehen, dass wir Gott nicht von unserem Ich abschneiden dürfen. Es geht um Leben oder Tod. Bei Gott zu bleiben, heißt innezuhalten im Hetzen nach scheinbaren Lebenszielen. Hier und heute hören wir das Evangelium. Gott will, dass wir wie ein Baum am Wasser stehen, der seine Lebenskraft aus dem Wasser bezieht und Frucht bringt. Gott will, dass wir ihn als Quelle unserer Kraft erkennen. Gott bietet uns an, mit Jesus Lebensbrot zu bekommen, das den Hunger nach "mehr" stillt, mit Jesus Frucht zu bringen, die ewig bleibt. Gott fordert uns auf, hinter der Ernte unseres Lebens ihn wahrzunehmen, der uns alles sein will. Er erwartet Antwort auf sein Angebot. Wir müssen uns nicht Sorgen machen, wie wir am besten für die Zukunft vorsorgen. Wir können Gott danken, dass er für unsere Zukunft längst gesorgt hat. Es ist seine Ernte, die wir da einbringen. Es ist sein Korn, das er uns anvertraut. Wenn wir Scheunen bauen, dann Scheunen, die seinen Namen tragen, nicht unseren. Und es ist sein Paradies, das uns am Ende der Zeiten erwartet, ganz unabhängig davon, wie viel Korn wir während unserer Erdenzeit eingelagert haben.

Danken und dann

Was hätte der Bauer nun mit seinem vielen Korn nach Gottes Willen anfangen sollen? Ich verstehe Jesus so, dass der Bauer das Gespräch mit Gott hätte suchen sollen. Und Gott hätte ihn darauf aufmerksam gemacht, dass seine Gaben zum Weitergeben bestimmt sind. Niemals gibt Gott, damit ein Mensch die Gabe für sich behält. Wie das Korn dafür da ist, Keimzelle für das neue Korn zu werden oder satt zu machen, so ist mit jeder Gabe für uns ein Auftrag verbunden - Gott zu danken  und anderen Menschen zu bezeugen, dass Gott Großes getan hat, sie einzuladen, diesem großartigen Gott auch zu vertrauen. So war das Korn des Reichen ein Mittel, mit dem der Reiche Gott hätte bezeugen sollen. Er hätte Arme speisen können, um ihnen Gottes Liebe zu zeigen. Er hätte seine Landwirtschaft in andere Hände geben können, um als Missionar von Gottes Güte zu erzählen und woanders Landwirtschaft zu unterrichten. Er hätte von seinen Erträgen ganze Missionswerke unterstützen können. Jede Menge Möglichkeiten hätte er gehabt, nach Gottes Willen mit seinen Erträgen umzugehen. Das hätte ihm Gott im Zwiegespräch schon klar gemacht.

Die viel spannendere Frage für mich heute ist, was möchte Gott von mir? Wie kann ich mit dem Dankenswerten in meinem Leben umgehen? Wofür hat Gott mir Gesundheit, eine glückliche Familie, eine relativ sorglose Gegenwart geschenkt? Und ich merke, wie ich das nicht pauschal und schnell beantworten kann. Wie ich dafür Stille brauche, das tägliche Gespräch im Gebet. Vor allem aber die Offenheit, wirklich alles für Gott einzusetzen und ihm zu vertrauen, dass er mich am Ende nicht nackt stehen lässt.

Was mir klar geworden ist: Gottes Gaben binden mich an ihn. Sie selbstverständlich zu nehmen, führt in meinen Tod. Leben bedeutet, an der Quelle zu bleiben und Gottes Gaben für ihn einzusetzen, damit immer mehr Menschen den Geber alles Lebens erkennen, ihn preisen und ihm danken. Leben bedeutet auch, meine Brüder und Schwestern in der Gemeinde und meine Mitmenschen in mein Denken einzubeziehen. Was ich bekommen habe, soll Hinweis für sie sein, dass Gott es gut auch mit ihnen meint. 

Erntedank gibt mir Hausaufgaben auf: 

  • das Gespräch mit Gott zu suchen,
  • ihn als Ziel meines Lebens zu erkennen und keiner Fata Morgana hinterher zu hetzen,
  • meine Lebensinhalte kritisch zu prüfen, ob sie meinen Selbstgesprächen entspringen oder Gottes Willen,
  • was ich habe, mit seinem Namen zu versehen, dass andere auf Gott aufmerksam werden,
  • bereit zu sein, wann immer mich Gott aus dieser Welt abberuft.
Cornelia Trick


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