Danken und Bitten (Philipper 4,6)
Gottesdienst am 02.10.2011

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
letzte Woche waren wir zu dieser Zeit noch mit der Gemeindefreizeit in Schönau/Pfalz. Das Tagungshaus, in dem wir wohnten, war komplett barrierefrei ausgestattet, sogar die Eingangstüren öffneten sich elektronisch. Sehr praktisch war das, wenn wir mit vollem Gepäck oder Kisten mit Material diese Türen passieren mussten. Doch Danke haben wir für diesen Service nicht gesagt. Das Öffnen war im Freizeitpreis inbegriffen, eine elektronisch gesteuerte Tür hört kein Danke, und eigentlich hätten wir diesen Mechanismus ja auch gar nicht gebraucht.

Heute Morgen sieht die Situation anders aus. Wir haben uns die Türen aufgehalten, und als Antwort darauf ertönten vielfältige Dankesworte. Warum der Unterschied? Wer uns die Tür aufhält, tut es für uns. Tür-Aufhalten ist eine Beziehungsangelegenheit. Wer die Tür aufhält, drückt aus, dass der andere, die andere ihm wichtig ist. Ihm oder ihr will er etwas Gutes tun.

Erntedank zu feiern setzt voraus, dass wir den Geber aller Gaben kennen und eine Beziehung zu ihm haben. Wie man einem automatischen Türöffner nicht Danke sagt, so auch nicht einem anonymen Schicksal, das man nicht kennt, das sich nicht persönlich zeigt und vollkommen unberechenbar ist.

Eine Ermutigung des Paulus an die Gemeinde in Philippi bringt uns verschiedene Aspekte des Danke-Sagens nahe.

Philipper 4,6

Macht euch keine Sorgen, sondern wendet euch in jeder Lage an Gott und bringt eure Bitten vor ihn. Tut es mit Dank für das, was er euch geschenkt hat. (Gute Nachricht-Bibel)

Grundlage für ein getrostes und zuversichtliches Leben ist der Dank für das, was wir schon empfangen haben. Wir werden aufgefordert, uns zu erinnern, in frühere Zeiten zurückzublicken und die Geschenke einzusammeln, die auf unserem Lebensweg liegen.

Erntedank – wem danken wir?
Auf unserer Rückfahrt von der Freizeit durch Pfälzer Weinorte kamen wir auch an Straßenfesten und Straßenhändlern vorbei. Kürbisse lagen aufgestapelt am Weg, Weintrauben lagen auf Verkaufstheken, Leute feierten, und alles war wie zum Erntedankfest dekoriert. Doch ein Hinweis auf Gott war nirgends zu entdecken. Man feierte die Ernte sicher auch mit Dankbarkeit, aber wem diese Dankbarkeit galt, blieb für uns außen stehende Betrachter unklar. Einem anonymen Schicksal? Einem Fruchtbarkeitsgott? Einem gütigen lieben Gott, der dieses Jahr nichts verhageln ließ und den man gnädig auf das neue Jahr einstimmen wollte?

Wie gut, zu unserem Geber aller Gaben eine Beziehung zu haben. Unser Dank richtet sich nicht an eine anonyme Adresse, sondern an den, der uns in Jesus Christus sein Gesicht gezeigt hat. Jesus will unser Leben, er will, dass wir keinen Mangel leiden, er gibt uns alles, was wir brauchen, so steht es in der Bibel. Er zeigt uns einen Weg, der in immer engere Beziehung zu ihm führt und uns immer stärker auf seine Hilfe vertrauen lässt. Die Ernte ist nur ein Zeichen seiner Liebe, die er uns vielfältig zukommen lässt.

Und selbst wenn wir keine Erntegaben zu bringen hätten, weil große Katastrophen über uns hinein gebrochen sind, würde doch etwas hier vorne sinnbildlich liegen, die Zeichen seiner Treue, für andere klein und unscheinbar, für uns groß und deutlich. Denn Jesus lässt uns niemals los und trägt uns durch bis in die Ewigkeit. Er hält uns die Tür zu einem neuen Leben auf, in dem niemand mehr hungrig sein wird, weil Gott ihn nährt.

Wie anders, wenn der Geber aller Gaben unbekannt bleibt. Müssen wir uns dann nicht letztendlich selbst feiern? Dass wir so viel geschafft haben? Dass wir so viel Geld verdient haben, um uns alles Lebensnotwendige zu leisten? Oder müssten wir an uns selbst verzweifeln, wenn wir nichts Sichtbares geschafft haben? Unsere Saat nicht aufgegangen ist, die Früchte unserer Bemühungen verfault sind? Alle Türen geschlossen blieben, weil der Mechanismus versagte? 

Von der Geschichte her ist klar, warum wir einmal im Jahr unseren Dank besonders an der Ernte festmachen. Wir waren eine agrarische Gesellschaft, unser Wohl und Wehe hing Hunderte von Jahren an der Ernte, wir waren Teil von Gottes Schöpfung und auf sie angewiesen. Doch seit der Industrialisierung rückt die Bedeutung der Ernte im Herbst immer mehr in den Hintergrund. Früchte des Feldes kaufen wir das ganze Jahr von allen Erdteilen der Welt.

Warum also heute noch Erntedank? Ich meine, dass uns unser Angewiesensein auf Gott und seine Güte immer noch am deutlichsten in der Schöpfung wird. Wir haben das Wetter nicht im Griff. Wir haben die Schädlingen nur begrenzt unter Kontrolle. Wir können normalerweise beim Wachsen und Gedeihen nur zuschauen. Wir erkennen in der Natur unsere Abhängigkeit von Gott so deutlich wie selten. Und es macht einen großen Unterschied, ob wir uns von Gott abhängig wissen, der uns in Jesus seine ganze Liebe zugesagt hat – egal was passiert, oder von einem undefinierbaren Schicksal, das mit uns macht, was es will, und dem wir schutzlos ausgeliefert sind.

Erntedank – wofür danken wir?
Wir danken unserem Schöpfer, dass er aus Saat Ernte werden lässt. Dass er uns täglich versorgt und wir nicht hungern müssen. Wir danken ihm, dass wir nicht nur genug zum Leben haben, sondern mehr als wir brauchen, dass wir teilen und abgeben können und es trotzdem noch für uns reicht. Wir danken unserem Herrn, dass er uns auf diesem Teil der Welt leben lässt, wo wir in gut bestückten Läden einkaufen können und Geld verdienen, um es uns leisten zu können. Und wir danken unserem Gott auch für ein Sozialsystem, dass sich der Schwachen annimmt und sie unterstützt. Weil wir den Geber aller Gaben kennen, rechnen wir uns diese Errungenschaften nicht selbst zu und buchen sie auf unser Leistungskonto, sondern sehen darin die Güte Gottes, der es sehr gut mit uns meint.

Wir danken heute unserem Gott auch für andere Saat, die im übertragenen Sinne aufgegangen ist, für Projekte, die gelungen sind, für Gespräche, die gefruchtet haben, für Beziehungen, die gestärkt und tragfähiger wurden. Wir danken auch für die Vergebung, die wir empfangen durften oder für die wir bereit wurden, und die zu neuem Wachstum geführt hat.

Wir danken Gott für Bewahrungen und Heilung, für Situationen, in denen wir am Boden lagen und wieder aufstehen durften, für konkrete Weichenstellungen, die uns in eine neue Richtung gehen ließen.

Wir danken Gott für die Freiheit, unseren Glauben zu leben, für Jesus zu werben, unseren christlichen Glauben in der öffentlichen Diskussion einzubringen und in unserem Gemeindeleben vom Staat unterstützt und gefördert zu werden.

Wir danken Gott vor allem für das eine Saatkorn, Jesus, der mit seinem Tod in die Erde gepflanzt wurde, um viel Frucht zu bringen. Er ist das Brot und Wasser des Lebens, er ist der Weinstock, an dem wir wachsen können.

Danken – und weiter?
Beim Danken stehen zu bleiben, hieße, die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen. Während wir dankbar für unsere Kürbisse sind, verhungern in diesen Tagen wieder 1000-de von Menschen. Projekte misslingen, Beziehungen gehen in die Brüche, Gespräche fruchten nicht, nicht jeder wird gesund, und nicht jede kann von Herzen vergeben. Wir leben hier nicht auf einer Insel der Seligen, und alles andere ist uns egal, Hauptsache, uns geht es gut. Unser Danken macht uns gewiss, dass wir in Gottes Hand sind. Er wird sich um unsere Anliegen kümmern. Unsere Sorgen werden dadurch nicht weggewischt, aber sie sind nicht mehr allein auf unserem Rücken, wir können sie abgeben. 

Paulus ermutigt uns, unsere Sorgen und Anliegen Gott zu bringen. Wir können mit Jesus reden, sie ihm mitgeben, und er wird sich darum zusammen mit unserem himmlischen Vater kümmern. 

Weil wir uns erinnert haben an alle guten Dinge, die Gott uns geschenkt hat, bekommen wir Mut, ihm auch die aktuellen Sorgen anzubefehlen. Dafür gibt es verschiedene Hilfen.

  • In der Gemeinschaft zu beten, hilft, am Anliegen dranzubleiben und nicht gleich mutlos aufzugeben. Wenn ich meine Sorgen zusammen mit anderen vor Gott bringe, können mich die anderen unterstützen und mir in Erinnerung rufen, dass ich wirklich alle Sorgen Gott geben kann.
  • Meine Anliegen dürfen und sollen konkret sein. Gott will für jede Kleinigkeit unseres Lebens gebeten sein. Wir feiern ja Erntedank auch nicht erst, wenn wir eine Tonne Äpfel geerntet haben, sondern schon, wenn aus einem Saatkorn etwas geworden ist. Doch oft fällt es schwer, die kleinen Anliegen immer und immer wieder vor Gott zu bringen. Vielleicht hilft eine Liste oder Spielfiguren an einem besonderen Platz, die für Menschen stehen, für die ich bete. Vielleicht ist für den einen ein Gebets-Tagebuch eine Hilfe, für die andere Post-it-Zettel am Spiegel im Bad.
  • Um einander im Beten unterstützen zu können, ist Information wichtig. Wie können wir Betende unterstützen, indem wir ihr Anliegen teilen? Wie verbindlich ist für uns die Zusage: „Ich bete dafür?“ Und wer informiert darüber, wenn ein Anliegen erhört wurde?
  • Die Sorgen, die wir vor Gott bringen sollen, drehen sich nicht nur um unser eigenes Leben und Wohlbefinden. An Paulus sehen wir, wie selten er für sich selbst um Fürbitte gebeten hat. Viel häufiger bat er die Gemeinden, für die Ausbreitung des Evangeliums und andere neu gegründeten Gemeinden zu beten. Unsere Gebete sind nicht nur unsere persönlichen Müllabladeplätze, sondern können dazu dienen, anderen entscheidend zu helfen. Wir können beten für Christen, die ihren Glauben nicht öffentlich unterstützt und gefördert praktizieren können, für die Hungerleidenden in Ostafrika, die keine Früchte auf den Erntedanktisch legen können, für unser Missionskrankenhaus in Kenia, das durch die Dürre in Ostafrika auch mitbetroffen ist, für die Evangelisch-methodistische Kirche in Ungarn, der das Körperschaftsrecht abgesprochen wurde, und die Evangelisch-methodistische Kirche auf den Fidschi-Inseln, der alle Versammlungen außer dem Sonntagsgottesdienst verboten wurden. Das sind Gebete, die unseren Blick über die persönliche Situation hinweg lenken und uns hinein nehmen in ein großes Netz von Betern, die bildlich gesprochen Jesus zu Füßen sitzen.
Erntedank mündet in den Ausblick, den Paulus an seine Ermutigung zum Danken und Bitten anschließt:
Dann wird der Friede Gottes, der alles menschliche Begreifen weit übersteigt, euer Denken und Wollen im Guten bewahren, geborgen in der Gemeinschaft mit Jesus Christus.“ (Philipper 4,7)

Wir sind geborgen in Gottes Hand, weil Jesus für uns ist. Unsere Welt ist in Gottes Hand geborgen, was auch geschieht. Im Frieden, den Gott uns durch Jesus schenkt, können wir befreit leben und in unserer Umgebung diese Friedens-Saat säen. Das Gedeihen liegt in Gottes Hand, doch auf ihn ist Verlass.

Cornelia Trick


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