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Gottesdienst am 10.07.2011
Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
mit Bekannten hatten
wir uns verabredet. Unser Gespräch streifte viele Themen, Beruf, Freunde,
denen es gerade schlecht geht, Kinder, Eltern. Allmählich kamen wir
zu dem, was uns im Innersten bewegt. Sie erzählten von ihrem Lebensgefühl,
keinen Grund mehr unter den Füßen zu spüren, oft keinen
Antrieb für den Alltag und Angst vor morgen zu haben. Sie fühlten
sich von allen Seiten angegriffen und diesen Angriffen schutzlos ausgeliefert.
Sie glaubten, dass Gott bei ihnen war, aber konnten seine Gegenwart nicht
spüren.
Der Abschnitt aus dem Kolosserbrief
heute, die Fortsetzung unserer Reihe „Christ sein“ könnte ein Gesprächsangebot
für Christen mit Fragen sein, besonders für die, die sich fürchten:
-
Vor Mächten und Gewalten,
die sie im Griff haben. Sie fühlen sich von ihnen ständig angetrieben,
wie in ein Hamsterrad gesperrt.
-
Vor der Anklage in sich selbst
und von außen. Ständig ertönt eine Stimme, dass sie schuld
sind, ihre Leistung nicht genügt, sie nicht genug bringen, sich zu
wenig bemühen, der Erfolg ausbleibt.
-
Vor Gott, der ihnen unberechenbar
erscheint, dem sie sich hilflos ausgesetzt fühlen wie Hiob, der für
sie unerreichbar ist.
Sind wir bereit, das Gesprächsangebot
des Kolosserbriefes anzunehmen? Denn auf diese Bereitschaft kommt es an,
dass uns Jesus durch diese biblischen Aussagen nahe kommen kann.
Gestern gerade versuchte
mein Mann mir etwas Wichtiges für mein Leben zu sagen. Nach wenigen
Sätzen hielt er inne und meinte, dass ich ihm offenbar nicht zuhörte,
mein Blick würde es ihm signalisieren. Und er hatte Recht. Ich wollte
nichts zu meinem Leben hören. Ich wollte lieber jammern und klagen,
aber keine Aufforderung, aufzustehen und loszulaufen, um neue Ziele zu
erreichen. Also habe ich den glasigen Blick bekommen und auf Durchzug geschaltet.
Ist es nicht mit Gottes
Reden ganz ähnlich? Es will uns weiter führen, wir wollen aber
gar nichts Neues hören, lieber in unserem Elend, unserer Furcht bestätigt
werden. Und schon ist das Gesprächsangebot verstrichen, wir gehen
nach Hause und alles bleibt wie immer. Die Zeit heute Morgen wäre
zu schade dafür. Ich halte es für ein unglaubliches Geschenk,
dass wir hier auf Kosten der Stadt Bad Soden im Bürgerhaus (unserer
vorübergehenden Bleibe während der Modernisierung unseres Gemeindezentrums)
eine Stunde Gelegenheit haben, mit Gott im Gespräch zu sein. Deshalb
– seien Sie mutig und lassen Sie ihn an sich herankommen.
Kolosser 2,12-15
Als ihr getauft wurdet, seid
ihr mit Christus begraben worden, und durch die Taufe seid ihr auch mit
ihm zusammen auferweckt worden. Denn als ihr euch taufen ließt, habt
ihr euch ja im Glauben der Macht Gottes anvertraut, der Christus vom Tod
auferweckt hat. Einst wart ihr tot, denn ihr wart unbeschnitten, das heißt
in ein Leben voller Schuld verstrickt. Aber Gott hat euch mit Christus
zusammen lebendig gemacht. Er hat uns unsere ganze Schuld vergeben. Den
Schuldschein, der uns wegen der nicht befolgten Gesetzesvorschriften belastete,
hat er für ungültig erklärt. Er hat ihn ans Kreuz genagelt
und damit für immer beseitigt. Die Mächte und Gewalten, die diesen
Schuldschein gegen uns geltend machen wollten, hat er entwaffnet und vor
aller Welt zur Schau gestellt, er hat sie in seinem Triumphzug mitgeführt
- und das alles in und durch Christus.
Der Apostel ruft uns aus
unserem kleinen Gefängnis der Furcht und Angst heraus und führt
uns in ein kleines Theater, wo wir auf den Rängen Platz nehmen können.
Auf der Bühne sind zwei Räume zu sehen, verbunden mit einer Drehtür.
Der linke Raum
Im linken Raum sind verschiedene
Szenen mit der Überschrift „Versucht vom Bösen“ zu sehen. Eine
Gondel mit Süßigkeiten steht da, wir beobachten einen kleinen
Jungen beim Klauen von Lutschern. Schöne Männer lehnen an einer
Bar, und eine Frau mit Ehering lässt sich von ihnen umgarnen. Ein
Manager im Anzug sitzt in einem Ledersessel und gibt bei einem Telefonat
seine Menschenverachtung für seine Angestellten preis. Wenig später
verändert sich die Szene. Der Junge setzt sich auf den Boden, hält
die Lutscher in der Hand und weint. Wie konnte er die nur klauen? Sie kleben
jetzt an ihm wie Pattex. Die Frau wendet sich von den Männern ab und
rennt davon. Wie konnte ihr das nur passieren? Wie konnte sie ihren Mann
vergessen? Der Manager legt auf und lässt seinen Kopf in die Hände
sinken? Wie weit ist es mit ihm gekommen, dass er sein Personal als Affen
bezeichnete? War er nicht angetreten mit dem Vorsatz, ein guter Vorgesetzter
zu sein, der sich um seine Leute kümmerte? Die Schauspieler treten
in einer dritten Szene wieder auf, sie setzen ihr Leben fort. Der Junge
kauft die Lutscher, die Frau lässt sich von den Männern nicht
anfassen, der Manager müht sich um seine Leute. Aber wie Gewitterwolken
hängt die erste Szene in der Luft. Wann kommt es zum nächsten
Ausraster? Wie lange hält der Friede?
Der Apostel zieht ein Resümee
über den linken Raum auf der Bühne. Ein Leben in diesem Raum
ist schon dem Tod geweiht. Wer so lebt, befindet sich in der Einbahnstraße
ohne Wendehammer und Rückwärtsgang.
Nun kommt vom rechten Raum
jemand durch die Drehtür und fasst die zum Tode Verurteilten an der
Hand. Er fragt sie: „Willst du heil werden?“ Der Junge, die Frau, der Mann
schauen auf, merken, dass sie gemeint sind. Ja, sie wollen heil werden
und lassen sich durch die Drehtür führen.
Die Drehtür
Die Drehtür ist Bild
für die Taufe, von der der Apostel hier spricht. Durch die Taufe gehen
die drei in ein neues Leben. Drei verschiedene und sich ergänzende
Bedeutungen werden hier für die Taufe genannt:
-
Die Taufe ist wie ein Begräbnis.
Der totgeweihte Mensch ist wirklich tot und wird begraben. Ein Toter kann
nicht mehr vom Bösen versucht werden. Ein Toter kann nicht mehr angeklagt
werden. Ein Toter muss nicht mehr Angst vor der Zukunft haben.
-
Die Taufe ist wie eine Beschneidung
des Herzens. Paulus war Jude. Die Beschneidung war ein wesentlicher Akt
der Zugehörigkeit zum Volk Gottes. Im Judentum verband man die Beschneidung
mit dem Töten der bösen Triebe im Menschen. Wenn das Herz beschnitten
wird, so der Apostel, geht es nicht nur um böse Triebe, sondern den
ganzen Menschen. Die Sünde wird abgeschnitten und hat keine Herrschaft
mehr über diesen Mann, diese Frau.
-
Mit der Taufe wird der Schuldschein
vernichtet. Jesu Kreuz ist das Sinnbild der Schuld des Menschen gegenüber
Gott, seinem Hochmut, seiner Verzweiflung. Der Schuldschein des Täuflings
wird ans Kreuz geheftet und mit dem Kreuz, an dem Jesus nicht länger
hängt, entsorgt. Die Schuld ist weg.
Die Drehtür von einem
Raum zu anderen ist sehr wichtig. Sie befreit von den Bindungen des Bösen,
sie ermöglicht ein neues Leben.
Soweit Paulus und der Kolosserbrief
– und unsere Wirklichkeit?
Wir taufen Kinder, sie werden
damit nicht im Säuglings- oder Kleinkindalter von ihren Eltern und
der Gemeinde von links nach rechts getragen. Es ist eine Taufe unter Vorbehalt.
Jesus kommt zum Kind, das sich im linken Raum aufhält. Er begleitet
das Kind, lässt es nicht aus den Augen. Er lockt das Kind, mit ihm
in den anderen Raum zu kommen. Der Weg von einem Raum in den anderen ist
nicht ein plötzlicher Übergang wie aus einem kalten Wintertag
in die Wärme eines Kaufhauses. Es ist ein längerer Weg mit vielen
Abzweigungen. Das heranwachsene Kind ist auf dem Weg in den neuen Raum,
hat aber Möglichkeiten der Entscheidung, wieder zurück zu kehren.
Wie wichtig werden die, die an den Abzweigungen stehen, locken und begleiten,
beten und sich zur Begleitung anbieten. An einer Stelle wird die Linie
zum neuen Raum überschritten. Der Heranwachsende hat sich entschieden,
dass er an Jesu Seite bleiben will. Doch selbst wenn ein Heranwachsender,
eine Jugendliche den Weg nicht fortsetzt, der Same der Sehnsucht nach Gott
im anderen Raum ist gelegt. Und unsere große Hoffnung ist, dass er
oder sie dieser Sehnsucht irgendwann im Leben folgen wird.
Die Drehtür funktioniert
leider nicht nur in eine Richtung wie beim Verlassen eines Freibads. Wir
haben die Lebenswende vollzogen und sind doch auch im anderen Raum zuhause.
Wir können offenbar nicht so viel mit dem neuen Leben anfangen. Vielleicht
ist es zu harmonisch und kommt uns langweilig vor. Die Versuchungen gaben
ja immer auch einen kleinen Kick des Verbotenen. Vielleicht haben wir Angst,
etwas Wichtiges zu verpassen. Vielleicht erleben wir andere Christen, wie
sie unbekümmert durch die Drehtür rein und raus gehen. Das hat
keine Anziehung.
Der neue Raum
Der neue Raum muss entdeckt
werden. Schauen wir uns ihn genauer an. Da entdecken wir Stühle, die
so angeordnet sind wie in der Fahrschule. Es ist der Übungsraum, in
dem wir angeleitet werden, Christus ähnlicher zu werden. Unser Charakter
wird entwickelt. Bibelstudium, geistliche Unterweisung, Gespräche
und Seelsorge helfen uns, von uns weg zu Gott und zum Nächsten zu
schauen. Probleme werden uns zur Schule, Gott zu vertrauen und mutig zu
werden. Versuchungen lernen wir zu widerstehen. Die Fahrschule des Glaubens
dauert länger als bis zur Führerscheinprüfung. Sie dauert
ein ganzes Leben. Denn es braucht Zeit, alte Verhaltensmuster zu verlernen,
es ist schmerzhaft, die eigene Begrenztheit zu entdecken, neue Gewohnheiten
lassen sich nicht von heute auf morgen einüben.
Dann ist im neuen Raum
eine Fläche für die Praxis reserviert. Hier können wir das
Erlernte ausprobieren, Gott dienen, uns unter seinen Willen unterordnen,
mit anderen zusammenwirken, unsere Gaben in der Gemeinschaft entfalten.
Hier können wir auch praktisch umsetzen, was es heißt, von Gott
beauftragt zu werden, vielleicht für eine Aufgabe, die uns viel zu
groß erscheint. Und wir können lernen, uns von ihm beiseite
stellen zu lassen, auch mal zuzuschauen und andere machen zu lassen. Wir
lernen, Gott zu dienen, auch wenn wir schwach sind, sein Licht nur durch
die Bruchkanten unseres Lebens weitergeben können.
Ein dritter Bereich in
diesem neuen Raum zeigt das fröhliche Leben eines Christen, der ausgefüllt
ist von seinem neuen Leben, als Botschafter dieses Leben anderen weitergibt.
Klar, dafür muss er in den linken Raum gehen. Aber er lässt seine
Personalkarte an der Kleidung wie die Mitarbeiter einer Bank während
der Mittagspause in der Stadt. Er bleibt identifizierbar und weiß
um seine Zugehörigkeit zum neuen Raum der Gemeinschaft mit Gott.
Der Apostel möchte
uns durch diese biblischen Aussagen ein Gesprächsangebot machen. Es
richtet sich besonders an die, die sich fürchten, ihren Blick schon
zu lange auf die Vergangenheit gerichtet haben, die am Drehkreuz stehen
geblieben sind oder sogar ohne Personalkarte zurück ins alte Leben
gegangen sind.
Er malt ein gewaltiges
Bild. Jesus zieht als König durch den Triumphzug in die Stadt ein.
Die Feinde sind besiegt. Der besiegte König ist gefesselt zusammen
mit seinen Generälen und Machthabern dabei. Die Besiegten werden verspottet
im Triumphzug des siegreichen Königs.
So hat Jesus am Kreuz die
Sünde und das Böse besiegt. Sie sind gefesselt in seinem Triumphzug.
Wir aber sind in diesem Zug vorne mit dabei, gehören zu den Siegern.
Was uns Angst macht, ist
längst schon besiegt, die Versuchung, die Sünde, der Tod. Wir
gehören zu Jesus, dem Sieger und können in seiner Nähe leben.
Die Angst gehört der überwundenen Epoche an. Nie mehr müssen
wir unser Personalschild ablegen. Wir gehören zum Sieger. Sollten
wir jemals verloren gehen, wird Jesus uns finden. Er kennt die, die durchs
Drehkreuz oder bewusst über die Linie traten, mit Namen.
In der Gegenwart Jesu können
wir unser neues Leben gestalten. Das wird nicht langweilig. Denn in der
„Fahrschule des Glaubens“ gibt es viele Lektionen, die Praxisübungen
dauern lebenslang an und Felder zum Investieren gibt es unendlich. Das
uns wieder neu bewusst zu machen, lädt uns der Kolosserbrief ein.
Jetzt aber sagt der HERR,
der dich ins Leben gerufen hat, »Fürchte dich nicht, ich befreie
dich! Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du gehörst mir!
(Jesaja 43,1)
Cornelia
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