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Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
Dieses Märchen erzählt von einer Ursehnsucht in uns. Wir wollen glücklich sein. Diese Sehnsucht hält uns auf Trab, veranlasst uns, Gutes gegen nur scheinbar Besseres einzutauschen, lässt uns Steine tragen, die Glück versprechen und uns in die Knie zwingen, macht uns zu Sklaven unserer Sehnsucht und lässt uns nicht am Ziel ankommen. Die Moral des Märchens lautet: Besitz macht nicht glücklich und sei zufrieden mit dem, was du hast. Ist das auch die Antwort auf unsere Sehnsucht nach Glück? In der Bibel wird dieses Thema vielfältig angesprochen. Die Beter Israels begannen ihr Gebet mit dem 1. Psalm, der das Glück derer preist, die Tag und Nacht mit Gott in Kontakt stehen, seine Weisungen verinnerlichen und für ihn leben. Wie ein Baum, der am Wasser heranwächst und aus diesem Wasser seine Kraft bezieht, sind Menschen, die ihr Glück in Gott suchen. Offensichtlich gab es schon früh eine Beziehung von der Suche nach Glück und der Erfahrung, dass Glück nur in der Gemeinschaft mit Gott vollendet ist. Auch Jesus hat diesem Thema seine Aufmerksamkeit geschenkt. Als er die Jünger und die, die mit ihnen gezogen waren, auf einem Berg zusammenrief, gab er ihnen wichtige Grundlagen weiter, die für ihr Leben Bedeutung haben sollten. Den Lebensregeln voran stellte er seine Definition von Glück. Offenbar war es ihm wichtig, an die Sehnsüchte der Jünger und Nachfolgenden anzuknüpfen. Er wollte sie vor der Erfahrung eines "Hans im Glück" bewahren, der seinem Glück immer nur hinterher rannte und erst im Verlust erkannte, was wirklich glücklich macht. Jesus gibt uns mit seinen Glücklich-Preisungen Anhalt, wie wir Glück verstehen können und was uns wirklich glücklich machen kann. Er korrigiert damit manche unserer Glückserwartungen und öffnet uns den Blick für eine neue Bewertung unseres Lebens. Heute will ich mit Ihnen die ersten vier Antworten zum Thema "Bist du glücklich?" betrachten. Nächste Woche folgt die Fortsetzung mit den nächsten vier Sätzen Jesu. Matthäus 5,1-3 Glücklich sind die im Geist Armen, denn ihnen gehört das Himmelreich. (Übersetzung hier und im Folgenden nach Ulrich Luz) Glücklich sind offenbar die, die unter Armut leiden. Dabei hat Armut viele Gesichter. Zuallererst sind die wirtschaftlich Armen gemeint. Doch Matthäus hat nicht nur sie im Blick. Er bezieht mit seiner Formulierung "arm im Geist" alle Spielarten der Bedürftigkeit ein. Schauen wir Menschen im Matthäus-Evangelium an, die mit leeren Händen vor Jesus stehen, so stoßen wir auf Kinder, die noch in der geistigen Entwicklung stehen. Sie werden von Jesus in die Mitte gestellt. Ihre offene Erwartung Jesus gegenüber nennt er für uns Erwachsene beispielhaft. Da begegnen uns Behinderte, die unter vielfältigen Formen von Krankheiten leiden. Auch sie sieht Jesus in ganz besonderer Weise an. Er richtet die Gebeugten auf und erbarmt sich über die chronisch Kranken. Es begegnen uns Sünder und Sünderinnen, die offenbar sehnsüchtig auf den Heiligen Geist warten, der ihnen die Sünden nimmt und ein neues Leben ermöglicht. Jesus sagt von sich, dass er gekommen ist, die Sünder zu retten und sie glücklich zu machen. Noch eine andere Personengruppe stellt Matthäus uns als bedürftig vor Augen. Es sind die religiös Fernstehenden, die eigentlich nicht zum erwählten Volk gehören. Sie nähern sich Jesus vorsichtig mit ihren Anliegen, weil sie von ihm das Glück erhoffen, das sie sonst nicht finden können. Der Hauptmann von Kapernaum, die syrophönizische Mutter stehen für sie. Die Armen in ganz umfassendem Sinn werden glücklich genannt, eine Umwertung unserer gewöhnlichen Vorstellung vom Lebensglück. Wir denken doch eher an den Lottogewinn, den sicheren, gut bezahlten Arbeitsplatz, das Einfamilienhaus im Grünen und den Urlaub am Meer, wenn wir uns unser Glück in bunten Farben ausmalen. Armut kommt in diesem Wunschbild bestimmt nicht vor. Und doch ist es gerade die Armut, die Jesus an den Beginn seiner Glücklich-Preisungen stellt. Er sagt den Armen zu, dass sie das Himmelreich bekommen werden. Ich stelle mir vor, wie
ein abgerissener Bettler an einem wunderschönen, herrschaftlich angelegten
Garten rund um eine Villa vorbeikommt. Er erblickt eine sehr seltene, blühende
Blume. Arme stehen vor dem Himmelreich und sehnen sich nach Erlösung. Sie stehen da mit offenen Händen. Sie merken, dass das Tor sich öffnet und ihnen das Heil entgegenkommt in Jesus Christus. Sie sind glücklich, weil Jesus ihnen Annahme, Gemeinschaft, Vergebung, Wertschätzung und Erfüllung schenkt. "Hans im Glück" war am Ende seiner Wanderschaft auch arm, er hatte von seinem Goldklumpen nichts mehr übrig. Aber er jubelte, dankte Gott für seine Freiheit und war glücklich. Ist diese Glücklich-Preisung nun für uns oder für die anderen? Schade, wenn sie nur den anderen gilt. Das würde ja bedeuten, dass wir uns vom Himmelreich ausschließen, vor dem Herrschaftsgarten geschäftig hin und her rennen, aber ihn eigentlich nicht wahrnehmen. Unseren Besitz, unseren integren Lebenswandel, unser Zugehörigsein zur Kirche würden wir verwechseln mit dem Himmel, den nur Jesus uns bringen kann. Glücklich sind wir, wenn wir auf Jesus warten mit leeren Händen wie die Teilnehmenden eines Sprachkurses, die sich ihrer Schwäche bewusst sind, die lernen wollen und an Jesus hängen, der allein sie in die Sprache Gottes einführen kann. Jesus preist nicht die Armut glücklich, die Not, die in die Knie zwingt. Er ermutigt nicht, Menschen in ihrer Armut zu belassen. Er nennt die glücklich, die sich nach ihm sehnen und sein Nahesein erhoffen, die einen Blick für seine große Verheißung haben und ihr ganzes Vertrauen auf ihn setzen. Matthäus 5,4 Trauernde sind nicht glücklich, sondern zutiefst verletzt. Ihre Hoffnung ist zerbrochen, sie sind desillusioniert, einsam zurück geblieben. In der Trauer sind sie am Tiefpunkt des Lebens angekommen. Jesus kennt die Trauer. Er weinte über Jerusalem. Die Braut Jerusalem hatte sich vom Bräutigam Jesus abgewandt. Die Traumhochzeit ist geplatzt. Jesus blieb zurück, Hoffnung war zerbrochen. Doch Jesus sagt ganz unmissverständlich, dass gerade die Trauernden glücklich sind, weil sie getröstet werden. Der Schlüssel für diese Aussage liegt wieder in Jesus selbst. Weil er den Trauernden besonders nahe ist, weil er allein den Heiligen Geist als Tröster schenken kann, deshalb darf ein Mensch sich auch in den dunkelsten Zeiten seines Lebens glücklich nennen. Als Jesus auf dem Weg mit seinen Jüngern einem Trauerzug begegnete, berührte ihn die Trauer der Mutter, die ihren einzigen Sohn zu Grabe trug. Er erweckte den Sohn zum Leben, um die Mutter zu trösten. Er begegnet Trauernden auch heute als der, der auf das Himmelreich weist. Er wird abwischen alle Tränen, weil er den Tod besiegt hat. Auch wenn der Verlust schmerzt, Jesus erbarmt sich, um den Blick auf ihn und das verheißene Leben zu richten. Ich meine, dass aus dieser Glücklich-Preisung auch für unser Zusammenleben Konsequenzen erwachsen. Wer trauert und traurig ist, braucht Trost, der von Jesus kommt. Unsere Aufgabe kann es nicht sein, Trauernden zuzusprechen, dass alles schon wieder gut wird und die Zeit die Wunden heilt. Statt dieser Worthülsen sind wir gefragt, einander zu begleiten wie die Leute, die die trauernde Mutter auf dem Weg zum Grab begleitet haben. Sie ermutigten sie, den Weg fortzusetzen und Jesus begegnete ihr auf diesem Weg. Einander in der Trauer zu begleiten, bis Jesus selbst tröstet, ist Herausforderung. Wir sind in die Pflicht genommen, nicht vorschnell den und die Trauernde abzutun, als wenn jetzt wieder zur Tagesordnung übergegangen werden könnte. Auf Jesus müssen wir mit dem und der Trauernden warten, auf seinen Trost und seine blühende Blume, die er uns als Vorfreude auf das Himmelreich schenkt. So können selbst Trauernde glücklich genannt werden, denn die Verheißung wird gewiss wahr, dass Jesus selbst trösten wird, wie er damals die Mutter des jungen Mannes aus Nain tröstete. Matthäus 5,5 Jesus nennt die Freundlichen glücklich, die sich nicht mit Macht ihre Rechte erkämpfen, nicht über Leichen gehen und nicht das Recht des Stärkeren anwenden. Die Freundlichen leben gewaltlos. In der Realität scheint dieses Lebenskonzept kaum aufzugehen. "Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt", so ein Spruch, der sehr gut unser Lebensgefühl beschreibt. Doch sind wir glücklich, wenn wir uns immer nur wehren müssen, andere verletzen, Liebe durch Unterdrückung ersetzen? Sind Despoten und Gewalttäter glückliche Menschen? Schauen wir auf uns, merken wir, dass auch wir Anteil an der Gewalt dieser Erde haben. Wir sprechen Machtworte in der Familie, reden dazwischen, zwingen Leute in unsere Richtung, nutzen ihre Gutmütigkeit zu unserem Vorteil aus. Wir kommen aus eigener Kraft nicht aus der Spirale der Gewalt heraus. Hier spricht Jesus nicht ausdrücklich von sich, aber er ist auch bei dieser Glücklich-Preisung der Schlüssel, dass wir selbst zu den Freundlichen und Gewaltlosen gehören. Jesus hat es uns vorgelebt. Er ließ sich schlagen, denunzieren, kreuzigen. Er als Sohn Gottes verzichtete auf die Heerscharen von Engeln, die ihn hätten schützen können. Er ertrug die Gewalt der Menschen, um uns den Weg zu seinem Frieden mit Gott zu ebnen. Und er hat den Heiligen Geist verheißen, der diese Gewaltlosigkeit in uns wachsen lässt. Wer mit seiner Kraft den Weg der Gewaltlosigkeit geht, ist qualifiziert, die Erde zu besitzen. Er oder sie wird die Erde nicht ausbeuten, nicht gewalttätig zerstören, sondern bebauen und bewahren nach Gottes Auftrag. Die Gewalttäter können sich scheinbar als Herren dieser Welt aufspielen, sie können Menschen ausrotten und mundtot machen, aber sie werden niemals die Erde erben. Gott hat sein Urteil über sie gesprochen. Ihre Herrschaft wird durch ihn begrenzt. Mich stellt diese Seligpreisung in Frage. Bin ich bei diesen Freundlichen und Gewaltlosen? Bitte ich Jesus, dass er mir die Kraft schenkt, auf Gewalt um des Friedens willen zu verzichten? Bin ich bereit zur Hingabe und zum Leiden? Kann ich den ersten Schritt der Versöhnung gehen, auch wenn es schwer fällt und vielleicht vom anderen das Friedensangebot kommen müsste? Matthäus 5,6 Diese Glücklich-Preisung schließt an die erste an. Die Armen stehen vor dem Garten des Himmelreiches und sehnen sich nach der blühenden Blume, die für sie alles ist. Sie stehen mit leeren Händen da und haben nichts zu verlieren. Sie warten auf Jesus, der ihnen das Himmelreich schon hier und heute als Hoffnung und Anzahlung schenkt. Wie die Armen stehen auch die vor dem Garten des Himmelreichs, die auf Gerechtigkeit warten. Sie sind übers Ohr gehauen worden, ihnen ist Unrecht angetan worden, sie sind aus der Firma gemoppt worden oder von ihrem Ehepartner betrogen worden. Doch statt sich in Phantasien zu stürzen, wie dieses Unrecht gerächt werden könnte, stehen sie vor dem Garten und hungern und dürsten nach Gottes Gerechtigkeit. Sie hoffen darauf, dass Gott alles wieder recht macht und zurecht rückt. Sie beten darum, dass er Recht spricht und sie aus dem Unrecht herausreißt. Sie warten auf die Kraft zu vergeben und sehnen sich nach dem Himmelreich, in dem Versöhnung gelebt wird. Jesus kommt auch ihnen entgegen und bringt ein Stück Himmelreich mit. Er sättigt durch seine Gegenwart und stillt den Hunger nach Gerechtigkeit. Er nimmt die Wartenden an die Hand und sagt ihnen zu, dass sie recht sind durch ihn und sie nichts von Gottes Liebe scheiden kann. So können sie ihren Weg fortsetzen, nicht als Verbitterte, sondern als Befreite. Jesus hat ihnen Rache und Hass abgenommen und zurecht gebracht. Ihre Wunden heilt er, ihre Mutlosigkeit verwandelt er in neue Stärke. Ihre Hoffnungslosigkeit in Zuversicht. Ich möchte Jesus darum bitten, dass er mich sättigt und auf den Weg des Friedens führt. Dann kann ich ruhig werden und die Steine der Vergangenheit ablegen. "Bist du glücklich?" Nach dem, was Jesus uns lehrt, sind wir glücklich, wenn wir alles von Gott erwarten mit leeren, offenen Händen. Er kommt uns entgegen und legt ein Stück Himmelreich in unsere Hände. Wenn wir trauern, wird er uns trösten. Wenn wir auf Gewalt verzichten, wird er uns helfen, die Situationen durchzustehen. Wenn wir ungerecht behandelt werden, wird er uns zurecht bringen und uns helfen zu vergeben. Das ist die Perspektive des Himmels auf unser Glück. Jesus will uns die Blumen des Himmelreiches in die Hände legen, halten wir ihm unsere leeren Hände entgegen. Cornelia
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