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Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder, die Mitarbeiterin wird vom Chef ins Büro geholt. Sie erwartet nichts Besonderes, wundert sich nur, dass sie allein einbestellt wird. Statt Absprachen über ihr Projekt zu treffen, überreicht der Chef ihr die Kündigung. Natürlich war er immer zufrieden mit ihr, aber betriebsbedingt sei sie die Nächste im Zuge der Umstrukturierung. Sie steht vor der Tür, alleinerziehend mit zwei heranwachsenden Kindern. Wie soll es weitergehen? Der Mitarbeiter in der Gemeinde müht sich mit seiner Gruppe. Jede Woche bereitet er sich gewissenhaft vor, telefoniert den Leuten hinterher, besucht sie zum Geburtstag. Immer wieder macht er die Erfahrung, dass alles Kümmern nichts nutzt. Absagen kommen, manche melden sich noch nicht mal ab. Ist alles umsonst? Die Familienfrau ist voll eingespannt. Fahrdienste der Kinder, die Stundenpläne ihrer Lieben bestimmen ihr Leben. Sie sorgt sich um ihre kranken Eltern und hetzt zu ihnen, wenn sich mal eine Pause ergibt. Atemlos rennt sie in ihrem täglichen Hamsterrad, und niemand greift dem Rad in die Speichen. Es gibt Situationen im
Leben, die uns die Luft zum Atmen rauben. Wir sehnen uns nach Ruhe, Klarheit
für die Zukunft und einem gangbaren Weg. Wir wünschen uns einen
Aussichtsturm, den wir besteigen können und von oben die Weitsicht
bekommen.
Nach dieser Krisenwoche bricht Jesus auf, um auf einem Berg zu beten. Er nimmt drei Jünger mit, seinen engsten Kreis, Johannes, Jakobus und Petrus. Er reißt sie heraus aus Grübeleien, Sorgen und Problemen und ermöglicht ihnen sozusagen einen Blick vom Aussichtsturm. Näher bei Gott bekommen sie Klärung, Aufklärung und Überblick. Matthäus 17,1-3 Jesus wird verwandelt, er leuchtet in Gottes Herrlichkeit. Fast wirkt es wie eine Vorschau auf Ostern oder die Ewigkeit. Sie wird es in Gottes Gegenwart sein. Jesus ist umgeben von Mose und Elia, Männern aus der Geschichte Israels. Auch sie hatten Gipfelerlebnisse und deuteten schon mit einem Finger auf Jesus. Von Mose lesen wir in 5 Mose 18,15: „Einen Propheten wie mich wird der Herr aus eurer Mitte berufen, auf den sollt ihr hören.“ Von Elia heißt es in Maleachi 3,23: „Ich sende euch den Propheten Elia, bevor der große Tag kommt, an dem ich Gericht halten werde.“ Sowohl Mose als auch Elia haben die Herrlichkeit Gottes gesehen, wenn auch nur indirekt. Mose im brennenden Dornbusch, Elia im säuselnden Wind. Nun unterhielt sich Jesus mit Mose und Elia, während sie alle von Gottes Herrlichkeit umgeben waren. Es wirkt wie eine Szene im Himmel, die Zeit spielt keine Rolle mehr. Drei Personen, die zu ganz unterschiedlichen Epochen gelebt haben, werden gleichzeitig. Der Evangelist Matthäus überliefert keine Inhalte ihres Gespräches, im Lukasevangelium werden wir fündig (Lukas 9,31). Offenbar sprachen sie über Jesu unmittelbar bevorstehendes Leiden und seinen Tod. Mose und Elia zeigten Jesus seinen Weg in die Zukunft aus der Perspektive von oben. Dass er nicht allein auf dem Berg war, sondern drei Jünger mit ihm, damit zeigt Jesus, sein Weg wird Folgen haben für seine Jünger. Matthäus 17,4 Die Jünger reagieren, und wie so oft ergreift Petrus das Wort. Er will drei Zelte aufstellen, interessanterweise keine sechs. Nur die himmlische Dreiergruppe sollte dort oben eine Bleibe bekommen. Die Jünger wollten sich offensichtlich einen Zufluchtsort schaffen, zu dem sie immer wieder kommen konnten, wenn der Alltag bedrohlich wurde. Warum nicht, könnte man fragen. Singen wir nicht sogar: „Du bist mein Zufluchtsort?“ Doch diesen Zufluchtsort Jesus sollen die Jünger nicht selbst bestimmen und bauen. Es ist nicht in ihre Entscheidung gestellt, ob sie die Gegenwart Jesu suchen oder nicht, wie lange sie bei ihm bleiben. Jesus lässt sich auch nicht festlegen auf die Größe eines Zeltes, seine Herrlichkeit geht über alle von Menschen gebauten Hütten hinaus. Wir sind immer versucht, selbst Zufluchtsorte Jesu zu bestimmen. Pilgerstätten sind ein gutes Beispiel. Jemand hatte die Erfahrung, dass Jesus ihm z.B. an einer bestimmten Quelle begegnet ist. Tausende suchen daraufhin den Ort auf, als ob Jesus sich an ihn festgebunden hätte. Er ist und bleibt frei, sich uns zu zeigen und den Himmel für uns zu öffnen. Matthäus 17,5 Die Stimme Gottes erschallt aus dem Himmel. Es ist die Taufstimme Gottes, mit der er Jesu Taufe bekräftigt. Jesus ist wirklich der Sohn Gottes. Gott handelt in einzigartiger Weise an seinem Sohn. Wenn Jesus nun auf den Weg des Leidens zugeht, ist es nicht Schicksal oder Pech, sondern Gottes Weg mit ihm zur Rettung der Welt. Gott fordert die Jünger auf. Sie sollen auf Jesus hören, statt ihn im Zelt auf dem Berg zu besuchen. Auf Jesus zu hören scheint schwieriger zu sein, als eine Pilgerreise anzutreten. Denn er mischt sich in den Alltag. Er hat etwas zum ganz normalen Leben zu sagen. Er gibt seine Kommentare zu dem, was wir morgen und übermorgen vorhaben und unternehmen. Er zeigt auf unsere Fehlen, ermöglicht uns Einsichten und macht uns bereit, um Vergebung zu bitten. Er hat eine Meinung zu unseren Wunden und Verletzungen, lässt sie nicht eitern, sondern hilft uns zum Heilen. Er redet mit uns über unseren dicken Kopf, unsere Rechthaberei, unsere Selbstüberschätzung und mangelnde Demut. Er sieht unsere Mutlosigkeit und richtet unseren Blick auf ihn. Er hilft uns, unsere Prioritäten zu sortieren, die Ziele neu zu definieren, seinem Willen Raum zu geben. Deshalb sollen wir auf Jesus hören, denn unser Leben bekommt eine neue Richtung. Wie hören wir Jesus? Meistens nicht durch eine Stimme vom Himmel. Es sind eher die leisen Botschaften, ein intensives Gespräch, dass uns den Horizont weitet, eine Krisenerfahrung, wo wir seine Hand deutlich spüren, eine Sackgasse, wo uns bewusst wird, dass Jesus eigentlich etwas anderes von uns will. Und immer wieder auch Worte der Bibel, die in unsere Situation sprechen, ganz nah und lebendig. Matthäus 17,6-8 Die Jünger zeigen eine natürliche Reaktion gegenüber der Berührung mit Gottes Macht. Es wirft sie um. Wir erleben das in unserem Kulturkreis ja eher selten. Es würde uns unangenehm berühren, wenn hier jemand so die Kontrolle verlieren würde, dass er einfach umfallen würde vor Gottes Größe. Doch wir kennen dieses Gefühl, der Größe Gottes nicht gewachsen zu sein. Wenn wir in große Kirchen kommen oder auch, wenn wir mit Gottes verborgener Seite konfrontiert werden angesichts von Katastrophen und schrecklichen Attentaten. Da wird uns bewusst, wir haben unser Leben niemals selbst im Griff, sind abhängig von Gott und auf seine Güte angewiesen. Jesus lässt die Jünger nicht liegen, sondern gibt ihnen den Auftrag, aufzustehen ohne Furcht und in den Alltag wieder hinabzusteigen. Dort warten ein kranker Junge, sein verzweifelter Vater und ohnmächtige Jünger auf sie. Um in dieser Tal-Station zu bestehen, brauchen sie Vertrauen zu Jesus und die Gipfelerfahrung, dass er Gottes Kraft weitergeben kann. Gipfelerlebnisse geben Kraft und Gewissheit, dass Jesus da ist. Wir brauchen sie dringend. Wo finden wir sie? Vielleicht sind die Gottesdienste solche Gefäße, wo Auszeiten möglich werden und ein neuer Blick auf das Leben eröffnet wird. Vielleicht brauchen wir auch immer mal wieder Freizeiten, Tagungen, Kongresse, wo wir in der Gemeinschaft mit vielen Gott besonders nah erleben und Wegzehrung für anstrengende Wegabschnitte bekommen. Leider können wir nicht am Ort der Verklärung bleiben. Noch ist nicht Zeit, die Zelte aufzuschlagen, das erwartet uns erst in der Ewigkeit. Aber hier schon können wir auf Jesus hören, werden ermutigt, Durststrecken durchzustehen, bekommen Vollmacht für neue Wege, Geduld, wenn wir warten müssen, und Gelassenheit, dass unser Herr letztlich die Weichen stellt. Doch was wir da oben erlebt haben, wird uns keiner nehmen können. Cornelia
Trick
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