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Aufsatz aus der Zeitschrift
"unterwegs" 7/2005
"Der Herr ist auferstanden!" - "Er ist wahrhaftig
auferstanden!" Mit diesem Morgengruß begegnen wir uns als Gemeinde
am Ostersonntag. Die Älteren der Gemeinde geben diesen Brauch der
Herrnhuter Brüdergemeinde den Jüngeren weiter, die ihn begeistert
aufnehmen. Ist es bei den Älteren ein Wiedererkennen der Botschaft,
die schon lange ihr Leben bestimmt, so schwingt bei den Jüngeren ein
revolutionärer Unterton mit. Gegen die vielen Todeszeichen der Zeit
rufen sie mutig das "wahrhaftig" in die Welt. Was sich in diesen beiden
Grußsätzen ausdrückt, ist gelebter Glaube. Wir setzen das
Zeugnis des Neuen Testamentes mit unserem Leben fort, bekennen uns zu dem
Auferstandenen und rufen es hinaus in alle Welt. Ostern zumindest spricht
nichts dagegen, den Auferstandenen selbst in der Mitte willkommen zu heißen.
Doch das Fest ist schnell wieder Vergangenheit. Der Alltag wird uns wieder
einholen mit einer Menge von Themen, die nichts mit der Auferstehungshoffnung
zu tun haben. Wird uns der Auferstandene auch dann noch wichtig sein? Werden
wir uns auch dann noch bekennend revolutionär zu Jesus halten? Wird
sich etwas durch das Osterfest in unserem ganz persönlichen Leben
ändern?
Der Auferstandene kommt
Eine meiner liebsten Ostergeschichten handelt von
Maria aus Magdala. Sie weint am Grab Jesu, weil sie alle ihre Lebenshoffnungen
begraben sieht. Selbst die Engel können sie nicht aus ihrer Trauer
heraus reißen. Da dreht sie sich um und sieht einen Mann hinter ihr,
den sie für den Gärtner hält. Doch es ist der Auferstandene
selbst, der ihr begegnet. In dieser Geschichte finde ich mich wieder. Auch
ich kenne solche Stunden, an denen ich an Gräbern stehe und weinen
muss, weil ein Kind aus dem Leben brutal fortgerissen wurde oder ein Vater
aus seiner Familie genommen wurde, die ihn doch so nötig braucht,
eine Witwe allein steht und kein Trost sie erreichen kann. Ich sitze mit
einer Freundin zusammen, wir weinen über vergebene Lebensmöglichkeiten,
zerstörende Schuld, eine ausweglose Beziehung. Ich selbst überdenke
mein Leben und sehe auf einmal ganz deutlich, wo ich die falsche Richtung
eingeschlagen habe, Gottes Signale nicht gesehen habe, mich auf die einfachste
Lösung eingelassen habe. Nichts kann mich hinwegtrösten über
mein eigenes Versagen. Da tritt der Auferstandene hinter mich, bewegt mich
zum Umschauen und ein völlig neuer Horizont tut sich auf. Wir können
ihn nicht dazu zwingen, in unsere Ausweglosigkeiten sein Licht hineinzuwerfen,
aber wir dürfen seit Ostern darauf vertrauen, dass er kommen wird.
Unsere Ausweglosigkeiten sind seine Stunde, in der er Seelsorge an uns
tun kann. Das
sieht sehr unterschiedlich aus. Manchmal ist es ein Bibelwort oder eine
biblische Geschichte, die auf Jesus aufmerksam macht. Manchmal berührt
er uns auch selbst. Wir spüren seine Nähe im Gebet, seine Liebe,
die uns wie ein warmer Mantel in der Not umgibt. Ein anderer erfährt
den Auferstandenen durch einen Freund, der unverhofft vor der Tür
steht und einfach Zeit hat zuzuhören, dabei zu sein, eine Wegstrecke
mitzugehen wie Jesus mit den Emmausjüngern. Eine erlebt den Auferstandenen
im Singen, ihr wird das Herz warm und sie erkennt Jesus, der sich ihr zuwendet
und ihr Elend ansieht. Ich möchte jedenfalls von Maria aus Magdala
lernen. Wenn ich Schritte hinter mir höre, will ich mich umwenden
wie sie. Vielleicht ist es ja nur der Gärtner oder die Freundin, die
hinter mir steht. Doch könnte es auch Jesus sein, der mich grüßt
und mich erinnert, dass mit seiner Auferstehung auch mein Leben Zukunft
hat, egal, wie verfahren die Situation auch ist.
Der Auferstandene verändert
Der kräftigste Beweis für die Auferstehung
Jesu ist nicht das leere Grab. Es hätte viele Möglichkeiten gegeben,
ein leeres Grab vorzutäuschen. Die Wirklichkeit der Auferstehung Jesu
wurde vor allem von denen bewiesen, die Jesus begegnet waren und deren
Leben dadurch eine radikale Umkehr erfuhr. Aus ängstlichen Fischern
wurden Prediger des Evangeliums, die sogar den Märtyrer-Tod nicht
scheuten. Aus einfachen Zuschauern der Jesusbewegung wurde eine Massenerweckung,
die in allen Teilen der Welt Gemeinden gründete. Unter abenteuerlichen
Bedingungen, oft im Untergrund gegen die Staatsgewalt, mit einfachsten
Mitteln und ohne Managementseminare wuchsen die Gemeinden und wurden zum
Anziehungspunkt von Leuten, die in ganz anderen religiösen Kulturen
aufgewachsen waren. Dies alles ist Zeichen für die Wahrheit der Auferstehung
Jesu, der mit seinem lebendigen Dabeisein Menschen bis heute erreicht und
verändert, denen man das nie zugetraut hätte. Letzte Woche erlebte
ich es selbst bei einer Freizeit. Wir Leitende waren mit einigen Jugendlichen
der Gruppe an unsere Grenzen gestoßen. Wir konnten sie nicht bewegen,
am Programm teilzunehmen und sich innerlich auf Jesus einzulassen. Wieder
und wieder diskutierten wir das Thema und gaben schließlich auf.
In der letzten Nacht geschah etwas ganz Unerwartetes. Jesus begegnete einem
Jugendlichen. Zusammen mit anderen las er ein Andachtsbuch fast durch,
sie blieben zusammen um zu beten, er lud Jesus ein, sein Leben neu zu ordnen.
Am nächsten Tag war er sichtlich verändert. Er sang mit Begeisterung
mit, statt beleidigt in der Ecke zu sitzen. Er war interessiert an den
biblischen Inhalten, statt gleich rauszulaufen, sobald sich eine Möglichkeit
ergab. Er war fröhlich, der genervte Gesichtsausdruck war verschwunden.
Ob aus ihm mal ein Petrus oder Paulus wird? Wer weiß, Jesus hat auf
jeden Fall mit ihm einen Anfang gemacht.
Der Auferstandene sendet
Alle Ostergeschichten haben eine gemeinsame Zielrichtung.
Jesus trägt denen, denen er begegnet ist und die durch diese Begegnung
verändert wurden, auf, anderen von ihm zu erzählen. Er sendet
sie aus, um Versöhnung und Befreiung durch ihn überall bekannt
zu machen. Seine Auferstehung ist kein Selbstzweck. Sie ist der Anstoß
einer großen Bewegung, die zu Gott führt und in die möglichst
viele Menschen hinein genommen werden sollen. Es könnte sein, dass
manche oder mancher gerne das Bild festhalten würde, das ihn zusammen
mit dem Auferstandenen am leeren Grab zeigt. Sie oder er möchte dieses
Bild ins Fotoalbum kleben und immer dann anschauen, wenn sie oder er Trost
und Zuspruch ganz besonders nötig hat. Wenn das Leben dann wieder
leicht von der Hand geht, wird das Fotoalbum zurück in die Schublade
gelegt und erst mal vergessen. Jesus will nicht ein Foto in einem Album
für Notzeiten sein. Er ist der lebendige Herr, der uns aussendet,
um andere mit ihm in Berührung zu bringen. Vielleicht sollen wir morgen
schon Gärtner für ihn sein, dass er einer anderen Maria begegnen
kann. Vielleicht ist wieder ein Jugendlicher unterwegs, der genau unsere
Andacht braucht, um auf Jesus aufmerksam zu werden. Auch in größerem
Maßstab gilt dieser Auftrag im Eintreten gegen lebensfeindliche Strukturen,
zerstörende Gewalt, vernichtende Ungerechtigkeit. Menschen, die Ostern
persönlich erlebt haben, sind unterwegs zu den Brennpunkten des Lebens,
wo eine Perspektive fehlt und der Tod regiert. Sie sind herausgefordert,
das "wahrhaftig" zeugnishaft zum Ausdruck zu bringen. Sie werden auch durch
dieses Osterfest ermutigt für Menschen zu beten, dass sie dem Auferstandenen
begegnen und sich zu ihm umdrehen, wie Maria aus Magdala es tat. So wird
die Zahl der Grüßenden wachsen die sich in diesen Tagen zurufen:
"Der Herr ist auferstanden!" - "Er ist wahrhaftig auferstanden!"
Cornelia
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